Bayreuth

Einblicke und Hintergründe

Von
Barbara Angerer-Winterstetter
Erschienen in der Printausgabe im
August 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Privat
Foto: Privat

Sie landete im Alter von dreizehn bei Wagner und hat mittlerweile über dreißig Jahre das Festspielgeschehen verfolgt. Barbara Angerer-Winterstetter kommt aus der Musikkritik, war 1993 Stipendiatin der Richard-Wagner-Stipendienstiftung in Bayreuth, hielt siebzehn Jahre lang Einführungsvorträge im Umfeld der Festspiele und ist heute mit ihrer Agentur „Pressegroup“ in der PR unter anderem für Klassikfestivals tätig. An der Musik Wagners schätzt sie, dass sie dank der ausgeklügelten Leitmotivtechnik immer wieder Entdeckungen parat hält, an den Sujets der Werke, wie viel sie uns auch heute noch zu sagen haben.

Was macht die Faszination Bayreuth aus?

Bayreuth ist der Ort, den Wagner sich selbst ausgesucht hat – beziehungsweise der geschickt genug war, ihm ein passendes Grundstück für sein Festspielhaus anzubieten. Hier konnte er seinen versenkten Orchestergraben und den amphitheaterartig aufs Bühnengeschehen fokussierten Zuschauerraum verwirklichen. Und eine Akustik, die bis heute als einzigartig gilt. Sitzt man im Festspielhaus, schwingt stets mit, dass hier 1876 die ersten „Ring“-Töne erklungen sind. Das alles macht einen Großteil des Zaubers aus, den Bayreuth heute noch ausstrahlt. Wagner ist aber nicht nur im Festspielhaus präsent: Vormittags vor der Vorstellung macht man gerne einen Abstecher in Wagners Wohnhaus Wahnfried, direkt am Hofgarten – heute als kundig geführtes Richard-Wagner-Museum eine der wichtigsten Wagnerstätten überhaupt. Der Besuch ist unerlässlich für jeden Festspielbesucher. Auch der des sogenannten Siegfried-Hauses, das wichtige Einblicke in die dunklen Jahre der Festspielgeschichte gibt. Die Faszination Bayreuth hat ja bekanntlich das NS-Regime für seine Zwecke genutzt und missbraucht. Die Grundlagen dafür legten aber schon Wagners Witwe Cosima und der Bayreuther Kreis um den Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain. Jeder Festspielbesucher sollte diese schlimme Geschichte kennen.

Das heutige Bayreuth ist zum Glück kein heiliger Gral: Eine liebenswerte fränkische Kleinstadt wird für knapp fünf Festspielwochen im Jahr zum Zentrum des weltweiten Wagner-Interesses, bleibt aber weiterhin bodenständig. Ist Salzburg mit allem Luxus perfekt auf die dortigen Festspiele ausgerichtet, geht’s hier ursprünglicher zu: Bratwürste, Bier oder fränkischer Silvaner. Kleine Geschäfte, oft einfache Zimmer. Viele Privatvermieter oder Campingplätze beherbergen auf sympathische Art Festspiel-Mitwirkende und deren Familien. Anders als bei den ersten Festspielen 1876 – hier soll sogar das Essen knapp geworden sein – ist die Versorgung der Gäste heute sichergestellt. Je nach Stücklänge (manchmal) auch nach den Aufführungen.

Das Bayreuther Publikum

… ist noch immer eines der diskussionsfreudigsten weltweit. Nach den Aufführungen wird oft bis spät in die Nacht übers Erlebte gesprochen. Über die Inszenierungen, über die Musik und gerne auch mal übers Werk an sich. Ich liebe das, weil sich hier Menschen schneller öffnen als anderswo. Und das beileibe nicht nur auf Small-Talk-Basis, sondern in wirklich tiefgehenden Gesprächen. Das ist ein echtes Bayreuth-Phänomen. Freilich hat das auch seine Kehrseite: Dieses Publikum reagiert emotionaler, buht schneller. Beim heute so legendären „Jahrhundert-Ring“, den Patrice Chéreau 1976 erstmals auf die Festspielbühne brachte, wurden Festspielgäste in Meinungsverschiedenheiten sogar handgreiflich. Das passiert heute zum Glück nicht mehr.

Überhaupt wird das Publikum in den letzten Jahren jünger und internationaler: Früher hatte ich in meinen Einführungsvorträgen häufig die Alt-Wagnerianer und das klassische deutsche Bildungsbürgertum im Publikum. Erstere kamen, um meine Textkenntnis zu prüfen und das Werk des Meisters zu bewahren vor allzu modernen Sichtweisen. Letztere hatten die gesamte Familie inklusive Nanny dabei. Und das jährlich wiederkehrend. Man wurde früh eingeführt in den Wagner-Kosmos und verbrachte mindestens eine Woche in Bayreuth – meist für den gesamten „Ring“ als Zentrum des Festspielgeschehens. Das hat sich sehr geändert: Bezeichnenderweise wurde der „Ring“ in den letzten Jahren erstmals in Einzelwerken verkauft. Früher wäre das undenkbar gewesen. Damals galt das Motto: Wer den gesamten Ring nicht ehrt, ist des „Holländers“ nicht wert.      

Aus Mangel an Karten: Schwarzmarkt

Vor einigen Jahren gab es auf dem Hügel noch einen blühenden Schwarzmarkt. Man kannte die Händler vom Sehen und hielt Abstand, denn zu Zeiten Wolfgang Wagners versuchten die Festspiele intensiv, den Schwarzmarkt einzudämmen – mit oft recht rigiden Kartenkontrollen. Wer dem Zwischenhändler zunickte, war schon verdächtig. Die tägliche Schlange der Wagnerfans mit „Suche Karte“-Schild war immens. In Zeiten, in denen man zehn bis siebzehn Jahre auf eine Festspielkarte warten musste, kam es zu Schwarzmarktpreisen im vierstelligen Bereich. Der offizielle Kartenpreis dagegen blieb selbst in den besten Kategorien immer noch leistbar. Vorrang in der Kartenverteilung hatten Wagner-Verbände, auch die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth als wichtigster Förderverein der Festspiele. Ihr Büro wirkte damals wie eine Mischung aus Blumen- und Süßwarenladen, vollgestopft mit Bittgaben kartenbedürftiger Wagnerianer. Inzwischen hat Katharina Wagner die Kartenvergabe reformiert – die Pandemie und der gesellschaftliche Wandel taten ihr Übriges. Im letzten Jahr überfiel mich Mitte August die spontane Lust auf „Parsifal“. Ich war überwältigt: Denn ich konnte direkt Karten kaufen!  

Gibt es so etwas wie einen Bayreuth-Dresscode?

Mit dem Wandel des Publikums hat sich auch der Dresscode gewandelt: Das Designerkleid- und Smoking-„Schaulaufen“ gibt es allenfalls noch bei der Eröffnungspremiere, die nicht zu meinen Lieblingsvorstellungen gehört: zu unkonzentriert, zu wenig auf die Sache an sich fokussiert. Aber für die PR halt nötig. Ansonsten ist es aufgrund der Hitze im Festspielhaus (es gibt keine vollwertige Klimaanlage) für alle Männer obligatorisch, Sakkos oder Smokingjacken im Haus auszuziehen. Frauen haben’s da besser: Leichte Trägerkleider gehen auch. Ebenso wie Schuhe, die sich während der Vorstellung geräuschlos aus- und wieder anziehen lassen – gewusst wie, denn der Holzboden im Zuschauerraum kann laut sein. Früher habe ich sieben lange Abendkleider für die Premierenwoche ins Auto gepackt. Heute hat sich die Kleiderordnung sehr verändert. Die langen Wallekleider der älteren Wagnerianerin, bestickt mit Pailletten, sind fast nicht mehr zu sehen. Letztlich ist heute alles erlaubt. Und das ist auch okay so. Denn jüngere Generationen sehen das einfach anders. Und es ist wichtig, dass auch sie gerne zu den Festspielen kommen. Ganz persönlich kann ich übrigens dringend abraten von im Rücken geknöpften Kleidern: Mein erstes Festspielkleid hatte ich mit meiner Mutter für den „Tannhäuser“ (Wolfgang-Wagner-Inszenierung) gekauft. Ich war mächtig stolz darauf. Bis zur „Romerzählung“ hatte ich dann eine Sitzposition gefunden, die angesichts der harten Holzlehne des Festspielsitzes halbwegs erträglich war. Damals kannte ich den Trick mit dem Sitzkissen im Rücken noch nicht. Heute weiß ich, dass man mit jeder eigenen Bewegung die Konzentration der anderen stört – sitzt man in Bayreuth doch ungewöhnlich dicht und in fast völliger Dunkelheit.

Das Mysterium des Orchestergrabens und die Musizierenden        

Wagners radikale Idee fürs Festspielhaus forderte ein „unsichtbares“ Orchester: Durch einen Schalldeckel sind alle Musizierenden (und Dirigierenden) den Blicken des Publikums verborgen. Der Schall aus dem Graben, der tief unter die Bühne reicht, trifft so erst mal auf den Deckel, der direkt hinterm Dirigentenpult wie ein großes Schild zum Zuschauerraum abschirmt. Er wird dann auf die Bühne gelenkt, wo sich die Singstimmen drauflegen – und trifft erst in dieser Gesamtmischung aufs Ohr des Festspielbesuchers draußen im Saal. Der wiederum sitzt wie im Bauch eines großen Kontrabasses: Überall ringsum ist Holz, ist Resonanz. Der Klang ist sehr groß, aber er lässt auch Feinheiten hören. Erlebt man das, versteht man, wieso man im Festspielhaus keine Mozart-Oper spielen sollte (nach dem Krieg gab es tatsächlich solche Versuche). Auf die typische Bayreuther Akustik hin komponiert ist übrigens einzig der 1882 uraufgeführte „Parsifal“ – denken Sie an die lange nachklingenden Töne im Vorspiel. Diese Musik nutzt die Akustik optimal.

Und die Musizierenden? Sie sitzen in leichter Alltagskleidung im Graben. Denn dort unten ist es oft noch heißer als im Zuschauerraum. Als es noch (mit höchster Erlaubnis Wolfgang Wagners) „Grabenkarten“ gab, durften sich Mitwirkende oder Angehörige einen Aufzug lang in den „mystischen Abgrund“ begeben. Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Ebenso wenig wie Daniel Barenboim in Badeschlappen. Und den Eindruck, dass man die Sängereinsätze im Graben stets zu früh hört. Nicht alle Dirigierenden kommen mit dieser Akustik klar.

Welche Rituale machen die Festspiele aus?

Es sind unzählige. Da wäre einmal die Tradition der Pausenfanfaren, die ins Festspiel-Eröffnungsjahr 1876 zurückreicht: Dreimal vor jedem Aufzug rufen sie das Publikum nach den jeweils einstündigen Pausen zurück ins Festspielhaus – mit einem Motiv aus dem folgenden Aufzug. Nach ihrer letzten Fanfare ziehen die Blechbläser der Pausenmusik zu den Klängen von „Muss i denn zum Städtele hinaus“ über den Vorplatz ins Gebäude der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth. Der größte Teil des Festspielpublikums sitzt da schon brav auf seinen Sitzen. Ein paar Eingeweihte stehen noch da: Bayreuther und Besucher, die bereit sind, die bösen Blicke der Sitznachbarn zu ertragen, die sich für die Fast-Zuspätkommenden von den Plätzen erheben müssen. Ein schönes Ritual ist auch das Grabsingen des Festspielchores am Wagner-Grab im Garten von Wahnfried am ersten Festspieltag.  

Aber es gibt noch so viel mehr kleinere Rituale, die das Festspielgeschehen begleiten: etwa die fränkische Bratwurst in der Pause. Oder das erfrischende Waten im Kneippbecken des Freiluftbads Bürgerreuth an sehr heißen Sommertagen: Es liegt oberhalb des Festspielhauses idyllisch im Grünen, und man trifft dort gerne mal Musizierende aus dem Orchester. Dort werden dann Hosenbeine und Abendkleider hochgekrempelt, und das eiskalte Wasser erfrischt für den nächsten Aufzug. Neue Rituale sind dazugekommen: Fotos und Selfies an einer Fotowand. Verschwunden ist dagegen der Brauch, nach der Gralsfeier des ersten Aufzugs im „Parsifal“ nicht zu klatschen. Damit wir uns recht verstehen: Niemand sollte den „Parsifal“ als Ersatzreligion missverstehen. Richard Wagner soll das andächtige Schweigen nach dem ersten „Parsifal“-Aufzug selbst nicht gemocht haben. Wenn aber das Publikum heute mitten rein in die Schlussakkorde jubelt – dann sehnt man sich doch danach, den letzten Tönen des ersten Aufzugs einfach mal nachhören zu dürfen.

Und Bayreuth vor wie nach den Aufführungen? Was kann man hier sonst noch tun?

Nach den Aufführungen sollte man wissen, wo es noch ein kühles Getränk gibt und wo der Austausch mit den anderen Festspielbesuchern am meisten Spaß macht. In der Fußgängerzone und rund ums Markgräfliche Opernhaus – also hügelabwärts in der Innenstadt – gibt es genug Möglichkeiten. Und sonst? Das Markgräfliche Opernhaus ist UNESCO-Weltkulturerbe und eines der schönsten barocken Theater, die ich kenne. Inklusive eines erlebnisreichen Museums. Markgräfin Wilhelmine, die Schwester Friedrichs des Großen, hinterließ außerdem noch das sehenswerte Neue Schloss, den Lustgarten Ermitage und vieles mehr. Wer will, kann auch Franz Liszt und Jean Paul museal begegnen. An spielfreien Tagen bieten sich schöne Ausflüge ins nahe Fichtelgebirge an. Oder vielleicht eine der witzigen Wagner-Persiflagen der Bayreuther Studiobühne im Steingräber-Hoftheater, die ein guter Kon­trast zum sehr intensiven Festspielerlebnis auf dem Hügel sind und wieder ein wenig erden.

Gibt es persönliche Höhe- und Tiefpunkte in der erlebten Festspielgeschichte?

Zu Wagner gebracht hat mich der „Chéreau-Ring“, der Anfang der 80er im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Legendär war Stefan Herheims vielschichtige „Parsifal“-Inszenierung, aber auch die „Meistersinger“-Produktion von Barrie Kosky. Sehr berührt haben mich Waltraud Meier als Isolde im Kostüm von Yohji Yamamoto in Heiner Müllers „Tristan“-Inszenierung und Peter Seiffert als Lohengrin. Das war die erste Produktion, die ich mit meinem Mann gemeinsam erleben und durch-diskutieren durfte. Und ich erinnere mich noch gern an den frischen Wind, der damals mit der ersten Inszenierung von Katharina Wagner über den Hügel wehte: Die „Meistersinger“ brachten mit Klaus Florian Vogt zudem einen neuen Bayreuth-Tenor auf den Hügel.

Tiefpunkte? Na klar: Siegfriede, die sich nicht nur mit dem Schmieden, sondern auch mit der vertrackt schweren Partie abmühten und sich im Duett mit Brünnhilde ein Lautstärkeduell lieferten. Ein Tiefpunkt in Sachen Regie war für mich der Schlussakt der „Götterdämmerung“ in der Valentin-Schwarz-Regie des letzten „Rings“ – und die sehr verkopfte „Tannhäuser“-Produktion von Sebastian Baumgarten in einer Recycling‑/Utopie‑Industriewelt, die gerne als Biogasanlage bezeichnet wurde. Dieser Tiefpunkt wurde allerdings zu einem persönlichen Höhepunkt, als ich dabei (das war Teil der Inszenierung) auf der Bühne sitzen durfte und plötzlich mittendrin saß im Rausch der Musik. Da waren dann alle Inszenierungskapriolen plötzlich vergessen, und der Zauber von Bayreuth durfte unmittelbar wirken.

Sie landete im Alter von dreizehn bei Wagner und hat mittlerweile über dreißig Jahre das Festspielgeschehen verfolgt. Barbara Angerer-Winterstetter kommt aus der Musikkritik, war 1993 Stipendiatin der Richard-Wagner-Stipendienstiftung in Bayreuth, hielt siebzehn Jahre lang Einführungsvorträge im Umfeld der Festspiele und ist heute mit ihrer Agentur „Pressegroup“ in der PR unter anderem für Klassikfestivals tätig. An der Musik Wagners schätzt sie, dass sie dank der ausgeklügelten Leitmotivtechnik immer wieder Entdeckungen parat hält, an den Sujets der Werke, wie viel sie uns auch heute noch zu sagen haben.

Was macht die Faszination Bayreuth aus?

Bayreuth ist der Ort, den Wagner sich selbst ausgesucht hat – beziehungsweise der geschickt genug war, ihm ein passendes Grundstück für sein Festspielhaus anzubieten. Hier konnte er seinen versenkten Orchestergraben und den amphitheaterartig aufs Bühnengeschehen fokussierten Zuschauerraum verwirklichen. Und eine Akustik, die bis heute als einzigartig gilt. Sitzt man im Festspielhaus, schwingt stets mit, dass hier 1876 die ersten „Ring“-Töne erklungen sind. Das alles macht einen Großteil des Zaubers aus, den Bayreuth heute noch ausstrahlt. Wagner ist aber nicht nur im Festspielhaus präsent: Vormittags vor der Vorstellung macht man gerne einen Abstecher in Wagners Wohnhaus Wahnfried, direkt am Hofgarten – heute als kundig geführtes Richard-Wagner-Museum eine der wichtigsten Wagnerstätten überhaupt. Der Besuch ist unerlässlich für jeden Festspielbesucher. Auch der des sogenannten Siegfried-Hauses, das wichtige Einblicke in die dunklen Jahre der Festspielgeschichte gibt. Die Faszination Bayreuth hat ja bekanntlich das NS-Regime für seine Zwecke genutzt und missbraucht. Die Grundlagen dafür legten aber schon Wagners Witwe Cosima und der Bayreuther Kreis um den Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain. Jeder Festspielbesucher sollte diese schlimme Geschichte kennen.

Das heutige Bayreuth ist zum Glück kein heiliger Gral: Eine liebenswerte fränkische Kleinstadt wird für knapp fünf Festspielwochen im Jahr zum Zentrum des weltweiten Wagner-Interesses, bleibt aber weiterhin bodenständig. Ist Salzburg mit allem Luxus perfekt auf die dortigen Festspiele ausgerichtet, geht’s hier ursprünglicher zu: Bratwürste, Bier oder fränkischer Silvaner. Kleine Geschäfte, oft einfache Zimmer. Viele Privatvermieter oder Campingplätze beherbergen auf sympathische Art Festspiel-Mitwirkende und deren Familien. Anders als bei den ersten Festspielen 1876 – hier soll sogar das Essen knapp geworden sein – ist die Versorgung der Gäste heute sichergestellt. Je nach Stücklänge (manchmal) auch nach den Aufführungen.

Das Bayreuther Publikum

… ist noch immer eines der diskussionsfreudigsten weltweit. Nach den Aufführungen wird oft bis spät in die Nacht übers Erlebte gesprochen. Über die Inszenierungen, über die Musik und gerne auch mal übers Werk an sich. Ich liebe das, weil sich hier Menschen schneller öffnen als anderswo. Und das beileibe nicht nur auf Small-Talk-Basis, sondern in wirklich tiefgehenden Gesprächen. Das ist ein echtes Bayreuth-Phänomen. Freilich hat das auch seine Kehrseite: Dieses Publikum reagiert emotionaler, buht schneller. Beim heute so legendären „Jahrhundert-Ring“, den Patrice Chéreau 1976 erstmals auf die Festspielbühne brachte, wurden Festspielgäste in Meinungsverschiedenheiten sogar handgreiflich. Das passiert heute zum Glück nicht mehr.

Überhaupt wird das Publikum in den letzten Jahren jünger und internationaler: Früher hatte ich in meinen Einführungsvorträgen häufig die Alt-Wagnerianer und das klassische deutsche Bildungsbürgertum im Publikum. Erstere kamen, um meine Textkenntnis zu prüfen und das Werk des Meisters zu bewahren vor allzu modernen Sichtweisen. Letztere hatten die gesamte Familie inklusive Nanny dabei. Und das jährlich wiederkehrend. Man wurde früh eingeführt in den Wagner-Kosmos und verbrachte mindestens eine Woche in Bayreuth – meist für den gesamten „Ring“ als Zentrum des Festspielgeschehens. Das hat sich sehr geändert: Bezeichnenderweise wurde der „Ring“ in den letzten Jahren erstmals in Einzelwerken verkauft. Früher wäre das undenkbar gewesen. Damals galt das Motto: Wer den gesamten Ring nicht ehrt, ist des „Holländers“ nicht wert.      

Aus Mangel an Karten: Schwarzmarkt

Vor einigen Jahren gab es auf dem Hügel noch einen blühenden Schwarzmarkt. Man kannte die Händler vom Sehen und hielt Abstand, denn zu Zeiten Wolfgang Wagners versuchten die Festspiele intensiv, den Schwarzmarkt einzudämmen – mit oft recht rigiden Kartenkontrollen. Wer dem Zwischenhändler zunickte, war schon verdächtig. Die tägliche Schlange der Wagnerfans mit „Suche Karte“-Schild war immens. In Zeiten, in denen man zehn bis siebzehn Jahre auf eine Festspielkarte warten musste, kam es zu Schwarzmarktpreisen im vierstelligen Bereich. Der offizielle Kartenpreis dagegen blieb selbst in den besten Kategorien immer noch leistbar. Vorrang in der Kartenverteilung hatten Wagner-Verbände, auch die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth als wichtigster Förderverein der Festspiele. Ihr Büro wirkte damals wie eine Mischung aus Blumen- und Süßwarenladen, vollgestopft mit Bittgaben kartenbedürftiger Wagnerianer. Inzwischen hat Katharina Wagner die Kartenvergabe reformiert – die Pandemie und der gesellschaftliche Wandel taten ihr Übriges. Im letzten Jahr überfiel mich Mitte August die spontane Lust auf „Parsifal“. Ich war überwältigt: Denn ich konnte direkt Karten kaufen!  

Gibt es so etwas wie einen Bayreuth-Dresscode?

Mit dem Wandel des Publikums hat sich auch der Dresscode gewandelt: Das Designerkleid- und Smoking-„Schaulaufen“ gibt es allenfalls noch bei der Eröffnungspremiere, die nicht zu meinen Lieblingsvorstellungen gehört: zu unkonzentriert, zu wenig auf die Sache an sich fokussiert. Aber für die PR halt nötig. Ansonsten ist es aufgrund der Hitze im Festspielhaus (es gibt keine vollwertige Klimaanlage) für alle Männer obligatorisch, Sakkos oder Smokingjacken im Haus auszuziehen. Frauen haben’s da besser: Leichte Trägerkleider gehen auch. Ebenso wie Schuhe, die sich während der Vorstellung geräuschlos aus- und wieder anziehen lassen – gewusst wie, denn der Holzboden im Zuschauerraum kann laut sein. Früher habe ich sieben lange Abendkleider für die Premierenwoche ins Auto gepackt. Heute hat sich die Kleiderordnung sehr verändert. Die langen Wallekleider der älteren Wagnerianerin, bestickt mit Pailletten, sind fast nicht mehr zu sehen. Letztlich ist heute alles erlaubt. Und das ist auch okay so. Denn jüngere Generationen sehen das einfach anders. Und es ist wichtig, dass auch sie gerne zu den Festspielen kommen. Ganz persönlich kann ich übrigens dringend abraten von im Rücken geknöpften Kleidern: Mein erstes Festspielkleid hatte ich mit meiner Mutter für den „Tannhäuser“ (Wolfgang-Wagner-Inszenierung) gekauft. Ich war mächtig stolz darauf. Bis zur „Romerzählung“ hatte ich dann eine Sitzposition gefunden, die angesichts der harten Holzlehne des Festspielsitzes halbwegs erträglich war. Damals kannte ich den Trick mit dem Sitzkissen im Rücken noch nicht. Heute weiß ich, dass man mit jeder eigenen Bewegung die Konzentration der anderen stört – sitzt man in Bayreuth doch ungewöhnlich dicht und in fast völliger Dunkelheit.

Das Mysterium des Orchestergrabens und die Musizierenden        

Wagners radikale Idee fürs Festspielhaus forderte ein „unsichtbares“ Orchester: Durch einen Schalldeckel sind alle Musizierenden (und Dirigierenden) den Blicken des Publikums verborgen. Der Schall aus dem Graben, der tief unter die Bühne reicht, trifft so erst mal auf den Deckel, der direkt hinterm Dirigentenpult wie ein großes Schild zum Zuschauerraum abschirmt. Er wird dann auf die Bühne gelenkt, wo sich die Singstimmen drauflegen – und trifft erst in dieser Gesamtmischung aufs Ohr des Festspielbesuchers draußen im Saal. Der wiederum sitzt wie im Bauch eines großen Kontrabasses: Überall ringsum ist Holz, ist Resonanz. Der Klang ist sehr groß, aber er lässt auch Feinheiten hören. Erlebt man das, versteht man, wieso man im Festspielhaus keine Mozart-Oper spielen sollte (nach dem Krieg gab es tatsächlich solche Versuche). Auf die typische Bayreuther Akustik hin komponiert ist übrigens einzig der 1882 uraufgeführte „Parsifal“ – denken Sie an die lange nachklingenden Töne im Vorspiel. Diese Musik nutzt die Akustik optimal.

Und die Musizierenden? Sie sitzen in leichter Alltagskleidung im Graben. Denn dort unten ist es oft noch heißer als im Zuschauerraum. Als es noch (mit höchster Erlaubnis Wolfgang Wagners) „Grabenkarten“ gab, durften sich Mitwirkende oder Angehörige einen Aufzug lang in den „mystischen Abgrund“ begeben. Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Ebenso wenig wie Daniel Barenboim in Badeschlappen. Und den Eindruck, dass man die Sängereinsätze im Graben stets zu früh hört. Nicht alle Dirigierenden kommen mit dieser Akustik klar.

Welche Rituale machen die Festspiele aus?

Es sind unzählige. Da wäre einmal die Tradition der Pausenfanfaren, die ins Festspiel-Eröffnungsjahr 1876 zurückreicht: Dreimal vor jedem Aufzug rufen sie das Publikum nach den jeweils einstündigen Pausen zurück ins Festspielhaus – mit einem Motiv aus dem folgenden Aufzug. Nach ihrer letzten Fanfare ziehen die Blechbläser der Pausenmusik zu den Klängen von „Muss i denn zum Städtele hinaus“ über den Vorplatz ins Gebäude der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth. Der größte Teil des Festspielpublikums sitzt da schon brav auf seinen Sitzen. Ein paar Eingeweihte stehen noch da: Bayreuther und Besucher, die bereit sind, die bösen Blicke der Sitznachbarn zu ertragen, die sich für die Fast-Zuspätkommenden von den Plätzen erheben müssen. Ein schönes Ritual ist auch das Grabsingen des Festspielchores am Wagner-Grab im Garten von Wahnfried am ersten Festspieltag.  

Aber es gibt noch so viel mehr kleinere Rituale, die das Festspielgeschehen begleiten: etwa die fränkische Bratwurst in der Pause. Oder das erfrischende Waten im Kneippbecken des Freiluftbads Bürgerreuth an sehr heißen Sommertagen: Es liegt oberhalb des Festspielhauses idyllisch im Grünen, und man trifft dort gerne mal Musizierende aus dem Orchester. Dort werden dann Hosenbeine und Abendkleider hochgekrempelt, und das eiskalte Wasser erfrischt für den nächsten Aufzug. Neue Rituale sind dazugekommen: Fotos und Selfies an einer Fotowand. Verschwunden ist dagegen der Brauch, nach der Gralsfeier des ersten Aufzugs im „Parsifal“ nicht zu klatschen. Damit wir uns recht verstehen: Niemand sollte den „Parsifal“ als Ersatzreligion missverstehen. Richard Wagner soll das andächtige Schweigen nach dem ersten „Parsifal“-Aufzug selbst nicht gemocht haben. Wenn aber das Publikum heute mitten rein in die Schlussakkorde jubelt – dann sehnt man sich doch danach, den letzten Tönen des ersten Aufzugs einfach mal nachhören zu dürfen.

Und Bayreuth vor wie nach den Aufführungen? Was kann man hier sonst noch tun?

Nach den Aufführungen sollte man wissen, wo es noch ein kühles Getränk gibt und wo der Austausch mit den anderen Festspielbesuchern am meisten Spaß macht. In der Fußgängerzone und rund ums Markgräfliche Opernhaus – also hügelabwärts in der Innenstadt – gibt es genug Möglichkeiten. Und sonst? Das Markgräfliche Opernhaus ist UNESCO-Weltkulturerbe und eines der schönsten barocken Theater, die ich kenne. Inklusive eines erlebnisreichen Museums. Markgräfin Wilhelmine, die Schwester Friedrichs des Großen, hinterließ außerdem noch das sehenswerte Neue Schloss, den Lustgarten Ermitage und vieles mehr. Wer will, kann auch Franz Liszt und Jean Paul museal begegnen. An spielfreien Tagen bieten sich schöne Ausflüge ins nahe Fichtelgebirge an. Oder vielleicht eine der witzigen Wagner-Persiflagen der Bayreuther Studiobühne im Steingräber-Hoftheater, die ein guter Kon­trast zum sehr intensiven Festspielerlebnis auf dem Hügel sind und wieder ein wenig erden.

Gibt es persönliche Höhe- und Tiefpunkte in der erlebten Festspielgeschichte?

Zu Wagner gebracht hat mich der „Chéreau-Ring“, der Anfang der 80er im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Legendär war Stefan Herheims vielschichtige „Parsifal“-Inszenierung, aber auch die „Meistersinger“-Produktion von Barrie Kosky. Sehr berührt haben mich Waltraud Meier als Isolde im Kostüm von Yohji Yamamoto in Heiner Müllers „Tristan“-Inszenierung und Peter Seiffert als Lohengrin. Das war die erste Produktion, die ich mit meinem Mann gemeinsam erleben und durch-diskutieren durfte. Und ich erinnere mich noch gern an den frischen Wind, der damals mit der ersten Inszenierung von Katharina Wagner über den Hügel wehte: Die „Meistersinger“ brachten mit Klaus Florian Vogt zudem einen neuen Bayreuth-Tenor auf den Hügel.

Tiefpunkte? Na klar: Siegfriede, die sich nicht nur mit dem Schmieden, sondern auch mit der vertrackt schweren Partie abmühten und sich im Duett mit Brünnhilde ein Lautstärkeduell lieferten. Ein Tiefpunkt in Sachen Regie war für mich der Schlussakt der „Götterdämmerung“ in der Valentin-Schwarz-Regie des letzten „Rings“ – und die sehr verkopfte „Tannhäuser“-Produktion von Sebastian Baumgarten in einer Recycling‑/Utopie‑Industriewelt, die gerne als Biogasanlage bezeichnet wurde. Dieser Tiefpunkt wurde allerdings zu einem persönlichen Höhepunkt, als ich dabei (das war Teil der Inszenierung) auf der Bühne sitzen durfte und plötzlich mittendrin saß im Rausch der Musik. Da waren dann alle Inszenierungskapriolen plötzlich vergessen, und der Zauber von Bayreuth durfte unmittelbar wirken.

Mit einem Abonnement weiterlesen
Lesen Sie den gesamten Beitrag im E-Paper oder der aktuellen Printausgabe