Bayreuth

„Unbewusst – höchste Lust“

Von
Johannes Schmitz
Erschienen in der Printausgabe im
August 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Festspiele 1951-76
Festspiele 1951-76

Es ist wohl dem Selbstverständnis des Musiktheaterbetriebes geschuldet, dass in den zurückliegenden Jahrzehnten immer mehr Opernproduktionen nicht mehr auf reinen Tonträgern, sondern auf Ton- und Bildträgern herausgekommen sind. Die mittlerweile gute Qualität der auch visuellen Digitaltechnik macht es möglich. Die Bayreuther Festspiele bilden da keine Ausnahme.

Diese Entwicklung hin zu Video, DVD und Blu-ray, weg von LP und CD, folgt vor allem der Machtverschiebung hin zu den Regisseuren, die ja gerne in Personalunion auch Theater- oder Festivalleiter sind. Hierbei handelt es sich um ein einträgliches Geschäft, in dem die eine Hand die andere zu waschen pflegt.

Gerade die Opern Richard Wagners sind beliebte Studien-, Versuchs- und Selbstbestätigungsobjekte der Regiekunst geworden. Der kluge und ästhetisch anspruchsvolle Weg, den Wieland Wagner nach dem Krieg eröffnet hatte, vielleicht auch hatte eröffnen müssen, um den Fortbestand der Festspiele nach den Jahren des Dritten Reiches zu sichern, wich spätestens mit dem sogenannten Jahrhundertring 1976 der Erklärwut des Regietheaters.

Die szenischen Willkürtaten, vornehmlich im deutschsprachigen Raum, denen die Besucher von Wagneropern immer wieder beiwohnen können, haben auch die Bayreuther Festspiele zu einem Ort werden lassen, dessen kulturprägende Bedeutung stark abgenommen hat.

Wer Wagneropern um der Musik willen, um der orchestralen und sängerischen Interpretation willen schätzt, wird gerne dem Tonträger sein Ohr leihen, ohne sein Auge dabei störenden Einflüssen auszusetzen. Einen großen Vorteil haben die DVD-Produktionen gleichwohl: Man kann sie auch ohne bildgebende Gerätschaften abspielen und somit zum rein auditiven Erlebnis machen.

150 Jahre Bayreuther Festspiele unter dem Aspekt der Aufnahmen von Wagneropern zu betrachten, zeitigt zunächst eine interessante Erkenntnis: Die allermeisten bedeutenden Gesamtaufnahmen von Wagneropern sind nicht bei den Festspielen oder im Zusammenhang mit den Festspielen entstanden.

Beispielhaft seien „Tristan“-Aufnahmen unter Wilhelm Furtwängler (Philharmonia Orchestra London) und Carlos Kleiber erwähnt (Staatskapelle Dresden). Oder der „Ring des Nibelungen“ unter Georg Solti mit den Wiener Philharmonikern. Oder der „Ring des Nibelungen“ aus München unter Wolfgang Sawallisch. Oder, oder, oder.

Selten haben Aufnahmen aus dem Bayreuther Festspielhaus Kultstatus erreicht. Am ehesten gilt das noch für Mitschnitte aus den 1950er Jahren, die in Bayreuth unter der Leitung der großen „Ks“ entstanden sind: Herbert von Karajan, Hans Knappertsbusch, Clemens Krauss, Joseph Keilberth, Rudolf Kempe.

Eine vollständige Übersicht, welche Mitschnitte aus dem Bayreuther Festspielhaus kursieren, dürfte eine Mammutaufgabe werden. Auch die Festspiele und das Richard-Wagner-Museum haben keinen Überblick, welche Aufnahmen für die Tonträgerindustrie im Festspielhaus entstanden sind.

Die Übersicht über Aufnahmen der großen, lange marktbeherrschenden Plattenhersteller, die nun unter den Dächern von Universal, Sony und Warner firmieren, ist noch recht einfach, da zumeist in den Katalogen oder aus zweiter Hand gut auffindbar. Und da fällt vor allem ein Name ins Auge, dessen Bedeutung sich in den gegenwärtigen Würdigungen vergangener Leistungen selten wiederfindet: Karl Böhm. Die herausragende Stellung dieses Dirigenten als Mozart-, Strauss- und Wagner-Interpret würde wohl niemand ernsthaft bestreiten – unabhängig von der subjektiven Wertung, die man seinen Auslegungen entgegenbringen möchte.

Nehmen wir den Bayreuther „Tristan“ mit Wolfgang Windgassen und Birgit Nilsson, mitgeschnitten 1966. Die Aufnahme offenbart, wie viele andere auch, die Schwierigkeit eines „Tristan“-Sängers, sich gegen seine Isolde einerseits und die Orchesterfluten andererseits durchzusetzen. Windgassen aber schafft es, eine glaubhafte Figur zu gestalten, wortprägnant und emotional packend.

Auch der „Ring“ unter Karl Böhm, ebenfalls Mitte der 1960er Jahre entstanden, genießt heute unter Wagnerianern höchsten Ruhm – obwohl die Riege der Sängerinnen und Sänger (Theo Adam, Windgassen, Nilsson usw.) sich immer noch hören lassen kann.

Mit dem Dirigat von Pierre Boulez in den 70er Jahren wollte man in Bayreuth dann dem politischen Zeitgeist Rechnung tragen. Nun sollte Wagner auf links gedreht werden. Die Regie Patrice Chéreaus, aus heutiger Sicht harmlos konventionell, erregte damals Beachtung durch verengende historisierende Konkretisierung der handelnden Figuren. Boulez sagte der Emotion den Kampf an, der linksintellektuelle Generalverdacht gegen Wagner wurde hörbar. Belehren statt Emotionalisieren. Zum sängerischen Schwachpunkt wurde vor allem der Siegfried auf der LP-Aufnahme, Manfred Jung: ein Held ohne Fallhöhe, ohne Metall und Strahl. Allerdings immer noch wackerer als mancher Nachfolger. Ansonsten kam von den großen Firmen nicht mehr viel.

Ohne die CD-Labels, die sich auf historische Aufnahmen spezialisiert haben, stünden uns viele Begegnungen mit Bayreuther Besetzungen der vergangenen Jahrzehnte nicht zur Verfügung. Das beginnt schon mit dem Jahr 1951, mit dem Wiedereröffnungskonzert, bei dem Wilhelm Furtwängler Beethovens Neunte dirigierte. Es waren und sind Plattenfirmen wie Testament, Melodram, Pan Classics, Cantus Classics, Myto und Walhall Eternity, die viele Mitschnitte der Jahre ab 1951 auf den Markt gebracht haben und bringen. In Zeiten, da die Marktführer die Investitionen in die klassische Musik fast nur noch in Verbindung mit Starkult eingehen, gewinnen diese Firmen, die sich auf historische Mitschnitte spezialisiert haben, immer mehr an Bedeutung. Wobei sich auch das Label Orfeo als Herausgeber historischer Aufnahmen einige Verdienste erworben hat.

Beim Blick auf die Aufnahmen von den Bayreuther Festspielen stellt sich, wie generell bei Wagner-Aufnahmen, die Frage, warum die Sängerpersönlichkeiten der Vergangenheit unter Gesangsfans einen Stellenwert genießen, den zeitgenössische Opernstars nur im Ausnahmefall erreichen.  

Können ist ohne Zweifel eine Grundvoraussetzung der Kunst. Das Streben nach dem unerreichbaren Ideal der Vollkommenheit. Die Vereinheitlichung der sängerischen Standards hat jedoch zu einem Angleichen der stimmlichen Charaktere geführt. Früher waren sie individuell mutiger ausgeprägt. Heutige Sänger sind häufig weniger klar wiedererkennbar.

Max Lorenz, Hans Hopf, Bernd Aldenhoff – die drei Heldentenöre mögen als Beispiel dienen, wie große individuelle Stimmen der Bayreuther Nachkriegsanfangsjahre, deren musikdramatische Plastizität unmittelbar packt, ohne die Veröffentlichungen der „kleinen“ Firmen heute nur noch Geheimwissen wären.

Die Sehnsucht der vielen Wagnerianer weltweit, dass es noch einmal eine bedeutende Aufnahme einer Wagneroper geben möge, bleibt. Und vielleicht ist es ja auch einfacher, unter der Patina der Vergangenheit nach der emotionalen Erfüllung suchen zu wollen, als in den Produktionsergebnissen unserer Zeit, die sich ganz den Möglichkeiten der Technik unterworfen hat und verzweifelt versucht, in der Perfektionierung des Perfekten einen Weg zur Leidenschaft zu finden.

Es ist wohl dem Selbstverständnis des Musiktheaterbetriebes geschuldet, dass in den zurückliegenden Jahrzehnten immer mehr Opernproduktionen nicht mehr auf reinen Tonträgern, sondern auf Ton- und Bildträgern herausgekommen sind. Die mittlerweile gute Qualität der auch visuellen Digitaltechnik macht es möglich. Die Bayreuther Festspiele bilden da keine Ausnahme.

Diese Entwicklung hin zu Video, DVD und Blu-ray, weg von LP und CD, folgt vor allem der Machtverschiebung hin zu den Regisseuren, die ja gerne in Personalunion auch Theater- oder Festivalleiter sind. Hierbei handelt es sich um ein einträgliches Geschäft, in dem die eine Hand die andere zu waschen pflegt.

Gerade die Opern Richard Wagners sind beliebte Studien-, Versuchs- und Selbstbestätigungsobjekte der Regiekunst geworden. Der kluge und ästhetisch anspruchsvolle Weg, den Wieland Wagner nach dem Krieg eröffnet hatte, vielleicht auch hatte eröffnen müssen, um den Fortbestand der Festspiele nach den Jahren des Dritten Reiches zu sichern, wich spätestens mit dem sogenannten Jahrhundertring 1976 der Erklärwut des Regietheaters.

Die szenischen Willkürtaten, vornehmlich im deutschsprachigen Raum, denen die Besucher von Wagneropern immer wieder beiwohnen können, haben auch die Bayreuther Festspiele zu einem Ort werden lassen, dessen kulturprägende Bedeutung stark abgenommen hat.

Wer Wagneropern um der Musik willen, um der orchestralen und sängerischen Interpretation willen schätzt, wird gerne dem Tonträger sein Ohr leihen, ohne sein Auge dabei störenden Einflüssen auszusetzen. Einen großen Vorteil haben die DVD-Produktionen gleichwohl: Man kann sie auch ohne bildgebende Gerätschaften abspielen und somit zum rein auditiven Erlebnis machen.

150 Jahre Bayreuther Festspiele unter dem Aspekt der Aufnahmen von Wagneropern zu betrachten, zeitigt zunächst eine interessante Erkenntnis: Die allermeisten bedeutenden Gesamtaufnahmen von Wagneropern sind nicht bei den Festspielen oder im Zusammenhang mit den Festspielen entstanden.

Beispielhaft seien „Tristan“-Aufnahmen unter Wilhelm Furtwängler (Philharmonia Orchestra London) und Carlos Kleiber erwähnt (Staatskapelle Dresden). Oder der „Ring des Nibelungen“ unter Georg Solti mit den Wiener Philharmonikern. Oder der „Ring des Nibelungen“ aus München unter Wolfgang Sawallisch. Oder, oder, oder.

Selten haben Aufnahmen aus dem Bayreuther Festspielhaus Kultstatus erreicht. Am ehesten gilt das noch für Mitschnitte aus den 1950er Jahren, die in Bayreuth unter der Leitung der großen „Ks“ entstanden sind: Herbert von Karajan, Hans Knappertsbusch, Clemens Krauss, Joseph Keilberth, Rudolf Kempe.

Eine vollständige Übersicht, welche Mitschnitte aus dem Bayreuther Festspielhaus kursieren, dürfte eine Mammutaufgabe werden. Auch die Festspiele und das Richard-Wagner-Museum haben keinen Überblick, welche Aufnahmen für die Tonträgerindustrie im Festspielhaus entstanden sind.

Die Übersicht über Aufnahmen der großen, lange marktbeherrschenden Plattenhersteller, die nun unter den Dächern von Universal, Sony und Warner firmieren, ist noch recht einfach, da zumeist in den Katalogen oder aus zweiter Hand gut auffindbar. Und da fällt vor allem ein Name ins Auge, dessen Bedeutung sich in den gegenwärtigen Würdigungen vergangener Leistungen selten wiederfindet: Karl Böhm. Die herausragende Stellung dieses Dirigenten als Mozart-, Strauss- und Wagner-Interpret würde wohl niemand ernsthaft bestreiten – unabhängig von der subjektiven Wertung, die man seinen Auslegungen entgegenbringen möchte.

Nehmen wir den Bayreuther „Tristan“ mit Wolfgang Windgassen und Birgit Nilsson, mitgeschnitten 1966. Die Aufnahme offenbart, wie viele andere auch, die Schwierigkeit eines „Tristan“-Sängers, sich gegen seine Isolde einerseits und die Orchesterfluten andererseits durchzusetzen. Windgassen aber schafft es, eine glaubhafte Figur zu gestalten, wortprägnant und emotional packend.

Auch der „Ring“ unter Karl Böhm, ebenfalls Mitte der 1960er Jahre entstanden, genießt heute unter Wagnerianern höchsten Ruhm – obwohl die Riege der Sängerinnen und Sänger (Theo Adam, Windgassen, Nilsson usw.) sich immer noch hören lassen kann.

Mit dem Dirigat von Pierre Boulez in den 70er Jahren wollte man in Bayreuth dann dem politischen Zeitgeist Rechnung tragen. Nun sollte Wagner auf links gedreht werden. Die Regie Patrice Chéreaus, aus heutiger Sicht harmlos konventionell, erregte damals Beachtung durch verengende historisierende Konkretisierung der handelnden Figuren. Boulez sagte der Emotion den Kampf an, der linksintellektuelle Generalverdacht gegen Wagner wurde hörbar. Belehren statt Emotionalisieren. Zum sängerischen Schwachpunkt wurde vor allem der Siegfried auf der LP-Aufnahme, Manfred Jung: ein Held ohne Fallhöhe, ohne Metall und Strahl. Allerdings immer noch wackerer als mancher Nachfolger. Ansonsten kam von den großen Firmen nicht mehr viel.

Ohne die CD-Labels, die sich auf historische Aufnahmen spezialisiert haben, stünden uns viele Begegnungen mit Bayreuther Besetzungen der vergangenen Jahrzehnte nicht zur Verfügung. Das beginnt schon mit dem Jahr 1951, mit dem Wiedereröffnungskonzert, bei dem Wilhelm Furtwängler Beethovens Neunte dirigierte. Es waren und sind Plattenfirmen wie Testament, Melodram, Pan Classics, Cantus Classics, Myto und Walhall Eternity, die viele Mitschnitte der Jahre ab 1951 auf den Markt gebracht haben und bringen. In Zeiten, da die Marktführer die Investitionen in die klassische Musik fast nur noch in Verbindung mit Starkult eingehen, gewinnen diese Firmen, die sich auf historische Mitschnitte spezialisiert haben, immer mehr an Bedeutung. Wobei sich auch das Label Orfeo als Herausgeber historischer Aufnahmen einige Verdienste erworben hat.

Beim Blick auf die Aufnahmen von den Bayreuther Festspielen stellt sich, wie generell bei Wagner-Aufnahmen, die Frage, warum die Sängerpersönlichkeiten der Vergangenheit unter Gesangsfans einen Stellenwert genießen, den zeitgenössische Opernstars nur im Ausnahmefall erreichen.  

Können ist ohne Zweifel eine Grundvoraussetzung der Kunst. Das Streben nach dem unerreichbaren Ideal der Vollkommenheit. Die Vereinheitlichung der sängerischen Standards hat jedoch zu einem Angleichen der stimmlichen Charaktere geführt. Früher waren sie individuell mutiger ausgeprägt. Heutige Sänger sind häufig weniger klar wiedererkennbar.

Max Lorenz, Hans Hopf, Bernd Aldenhoff – die drei Heldentenöre mögen als Beispiel dienen, wie große individuelle Stimmen der Bayreuther Nachkriegsanfangsjahre, deren musikdramatische Plastizität unmittelbar packt, ohne die Veröffentlichungen der „kleinen“ Firmen heute nur noch Geheimwissen wären.

Die Sehnsucht der vielen Wagnerianer weltweit, dass es noch einmal eine bedeutende Aufnahme einer Wagneroper geben möge, bleibt. Und vielleicht ist es ja auch einfacher, unter der Patina der Vergangenheit nach der emotionalen Erfüllung suchen zu wollen, als in den Produktionsergebnissen unserer Zeit, die sich ganz den Möglichkeiten der Technik unterworfen hat und verzweifelt versucht, in der Perfektionierung des Perfekten einen Weg zur Leidenschaft zu finden.

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