Bayreuth

Zwei ästhetische Visionen

Von
Manuel Brug
Erschienen in der Printausgabe im
August 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Äußerlich schlicht: das Markgräfliche Opernhaus ist seit 2012 UNESCO-Weltkulturerbe. Foto: Roehrensee - Own work, CC BY-SA 3.0
Äußerlich schlicht: das Markgräfliche Opernhaus ist seit 2012 UNESCO-Weltkulturerbe. Foto: Roehrensee - Own work, CC BY-SA 3.0

Es gibt nicht wenige deutsche Städte mit unter 100.000 Einwohnern, die ein ständig spielendes Stadttheater haben. Bayreuth, Sitz der Regierung von Oberfranken und mit 73.000 Einwohnern knapp hinter Bamberg die zweitgrößte Stadt des Regierungsbezirks, hat das nicht. Dafür aber gleich zwei der berühmtesten Bühnen der Welt. Eine hat seit 2012 gar den Status eines UNESCO-Weltkulturerbes. Und das ist nicht das
Richard-Wagner-Festspielhaus.

Beide Theater – zeitlich nur 128 Jahre voneinander getrennt, aber stilistisch völlig unterschiedlich – verdanken ihre Existenz sehr besonderen, auch dickköpfigen Persönlichkeiten, die visionär über die Enge einer kleinen, eher ärmlichen Residenzstadt hinausdachten: der preußischen Prinzessin Wilhelmine (1709-58) und dem sächsischen Komponisten Richard Wagner (1813-83). Wilhelmine, eigentlich als Königin von England vorgesehen, dann zur Markgräfin einer Hohenzollern-Seitenlinie degradiert, wollte in der fränkischen Einöde, die erst 1810 zu Bayern kam, wenigstens als Herrin der Musen ihrem glanzvollen Königsbruder Friedrich II. folgen und nutzte die (glücklose) Hochzeit ihrer einzigen Tochter 1748, um an ihrem schöngeistigen Hof endlich auch ein prachtvolles Opern- und Ballhaus im angesagten italienischen Stil errichten zu lassen.

Der sendungsbewusste Wagner wiederum suchte nach einem Ort für seine eigenen Festspiele, einem Tempel für die nach seinen Opern süchtigen Musikpilger. Nachdem andere Projekte, etwa ein von Gottfried Semper entworfenes Festspielhaus auf den Münchener Isarhöhen, gescheitert waren, entdeckte er in einem Konversationslexikon um 1870 das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth. Das Theater mit der größten deutschen Barockbühne an einem Ort ohne jede weitere Ablenkung müsste für seine Gesamtkunstwerke bestens geeignet sein, dachte er. Das war ein Irrtum. Die Szene ist zwar groß, aber voller altmodischer Kulissentechnik, der Graben und das 512-Plätze-Auditorium für seine Vorstellungen viel zu eng.

Der Zauber des Ortes aber wirkte nachhaltig auf Wagner, zumal die Stadt ihm ein Grundstück auf dem Grünen Hügel anbot. Und so machte er sich mit Sack und Pack, Frau, Kindern und Hund auf nach Oberfranken. Der Rest ist längst nicht nur lokale Musiktheatergeschichte.

Schon Wilhelmine, selbst eine talentierte Musikerin und Förderin der Künste, wollte mit dem Opernhaus ein kulturelles Zentrum schaffen, das Pariser, Wiener und Berliner Vorbildern nahekommen und Bayreuth auf die europäische Landkarte der Musikstädte setzen sollte. Das gelang nicht, doch ihr Opernhaus ist heute einer der prachtvollsten und am besten erhaltenen historischen Theaterbauten Europas. Hier wurden vor allem italienische Opern und deutsche Singspiele gegeben, wie es dem damaligen Geschmack und den kulturellen Ambitionen des Markgrafenpaares entsprach.

Was das Markgräfliche Opernhaus auszeichnet, ist seine fast magische Verquickung von Funktionalität und barocker Prachtentfaltung. Der Zuschauerraum mit seinen fünf Rängen, die sich in einem halbrunden Auditorium erheben, vermittelt eine intime Nähe zum Bühnengeschehen, die man in jüngeren Häusern oft vermisst. Die goldenen Stuckverzierungen, das auf Leinwand gemalte Deckenfresko und ursprünglich auch das Kerzenlicht schufen und schaffen eine Atmosphäre luftiger Eleganz und Raffinesse. Die Sichtachsen sind sorgfältig komponiert, sodass jeder Platz eine optimale Perspektive auf die Mittelloge unter dem Baldachin bietet. Dabei verbindet das Interieur die üppigen Barockdetails mit einer gewissen Leichtigkeit, die nicht überladen wirkt, sondern geradezu spielerisch die Sinne anspricht.

Heute ist das Markgräfliche Opernhaus nicht nur ein Denkmal, sondern oftmals ein lebendiger Ort der Musik. Hier erlebt man keine museale Schaustellung, sondern eine erzählerische Kraft, die von jeder Stuckfigur, jedem Farbton und jeder Bohlenplatte ausgeht. Ein Gesamtkunstwerk, das nicht nur die glanzvolle Vergangenheit des Barock und des Rokoko festhält, sondern noch immer den Puls der Musik spürbar macht. Ein Ort, der Tradition und Gegenwart ausbalanciert und Besucher in eine Welt entführt, in der Schönheit und Kunst unverrückbar verbunden sind.

29 Millionen Euro – so viel gut ausgegebenes Geld hat der bayerische Staat als heutiger Eigentümer bis 2018 aufgewendet, um das Markgräfliche Opernhaus, das, wir sagen es einmal ganz laut: schönste Barocktheater der Welt, in all seiner trügerischen Pracht aus Holz, Farbe, Leinwand und Goldglanz zu restaurieren, aufzupolieren und brandsicher zu machen. Seither steht dieses kulturgeschichtliche Kleinod allerersten Ranges fast wieder so licht und bunt da, wie es der geniale Architekt und Ingenieur Giuseppe Galli Bibiena fürs vokale Divertissement und als Party­-Location de luxe in die Fünftausend-Seelen-
Residenzstadt gezaubert hat.

Prächtiger geht’s kaum: das Markgräfliche Opernhaus im Inneren. Foto: Z thomas - Own work, CC BY-SA 4.0

Ein bis heute für den Ort völlig überdimensioniertes, aber rauschhaft herrliches Theaterwunder, weil lange vernachlässigt, aber gerade deshalb so gut erhalten. Denn schon nach dem Tod der Markgräfin 1758 fiel diese Bühne des hoffnungslos überschuldeten Mini-Musenhofs mitsamt seinen originellen Schlössern, Kirchen, Parks, Felsen- und Barocktheatern in eine Art Dornröschenschlaf. Sie wurde nie umgebaut, brannte nicht ab, dämmerte einfach durch die Jahrhunderte. Nur die barocke Bühnenmaschinerie kam leider irgendwann abhanden. Doch das originale Ambiente bezaubert weiterhin als illusionistische Überwältigungsarchitektur.

Die Schlösserverwaltung nimmt das Theater nicht für Gastspiele in die Pflicht, sondern hält es auf Abstand. Dabei müsste es eigentlich dauerhaft Teil eines pädagogisch bespielten und animierten Theatermuseums sein. So erwacht es, neben einigen Konzerten und kleineren Aufführungen, nur einmal im Jahr richtig zum Leben: wenn es im Rahmen des Festivals „Bayreuth Baroque“ zwei szenischen Opern aus seiner Glanzzeit einen einzigartig authentischen Rahmen bereitet und dabei die Stars der barocken Sängerzunft beherbergt. Das geschieht immer für zehn Tage im September, wenn die Wagnerianer aus dem anderen, dem noch berühmteren Festspielhaus abgezogen sind und dort alles für den Winterschlaf bereit ist.

Max Emanuel Cencic, Intendant, Countertenor, Casting-Experte und Regisseur in erstaunlicher Personalunion, hat nicht nur von Beginn 2020 an ein internationales, treues Publikum aus Barock-Nerds, Counter-Fetischisten, Darmsaiten-Genießern, Raritätensammlern und einfach Liebhabern guter Oper zusammengebracht, er begeistert jede Saison aufs Neue mit seinen Ausgrabungen, mit optisch opulenten Inszenierungen, tollen Musikern und einem passenden Ambiente. Leider nur alle zwei Jahre, auch das kurz erwähnt, gastieren auch die von Michael Hofstetter geleiteten Internationalen Gluck-Festspiele im Markgräflichen Opernhaus.

Richard Wagner aber schlug – während er selbst neben dem Hofgarten in der neuen Villa Wahnfried residierte – weiter oben Festspielwurzeln. Dort wurde das 1876 mit dem ersten Festival und dem um „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ komplettierten „Ring des Nibelungen“ eingeweihte Festspielhaus schnell eines der bekanntesten Opernhäuser der Welt – eben nicht wegen prunkvoller Fassaden oder höfischer Repräsentation, sondern weil es ganz auf Richard Wagners Idee eines neuen Musiktheaters ausgerichtet wurde. Er suchte für seine Werke einen Aufführungsort, der ihren musikalischen, dramatischen und räumlichen Anforderungen vollkommen entsprach. Die bestehenden Opernhäuser erschienen ihm ungeeignet: zu sehr auf gesellschaftliches Sehen und Gesehenwerden ausgerichtet, akustisch nicht ideal und in ihrer Architektur dem Glanz verpflichtet. Wagner dagegen wünschte sich einen fast klösterlich-tempelartigen Raum, in dem allein das Kunstwerk im Mittelpunkt stünde.

1872 wurde der Grundstein für das Festspielhaus gelegt. Wagner hielt eine Rede und dirigierte Beethovens Neunte im Markgräflichen Opernhaus. Finanziell war das Vorhaben lange unsicher; Wagner war auf Spenden, Fördervereine und die Unterstützung wohlhabender Gönner angewiesen. Entscheidend wurde schließlich die Hilfe des bayerischen Königs Ludwig II., der Wagner bereits zuvor stark gefördert hatte. Und sogar der osmanische Sultan Abdülaziz spendete.

Das später um den vorspringenden Königsbau erweiterte Gebäude aus Fachwerk (inzwischen durch Beton ersetzt) und günstigem Backstein entstand nach Entwürfen, die Wagner gemeinsam mit dem Architekten Otto Brückwald im Stil der Hellenistischen Romantik entwickelte, zu sehen etwa in den pompejanisch anmutenden Leinwandmalereien an der flachen, zeltartigen Decke. Es gibt keine dominierenden Seitenlogen, keine üppige höfische Rangordnung und keine starke Trennung des Publikums in repräsentative Zonen. Dadurch richtet sich der Blick aller Zuschauer konzentriert auf die Bühne.

Dabei griff Wagner Anregungen auf, die ihn unter anderem am antiken Theater und an modernen Zuschauerräumen interessierten: ein stark ansteigendes Parkett ohne Mittelgang in Form eines Amphitheaters, ein tief liegender, hier sogar durch einen Deckel unsichtbarer Orchestergraben, der den Schall erst auf der Bühne bricht, sowie eine Verdunkelung des schlichten, zentrallüsterlosen Auditoriums. Das verfügt bis heute über keine Heizung, nach den Pausen werden die Türen fest verschlossen, die Sitze – wenn auch nicht mehr gänzlich ungepolstert – sind legendär unbequem und fordern die 1.974 Zuschauer zum aufrecht-aufmerksamen Sitzen auf.

Künstler, Intellektuelle und Musikliebhaber aus ganz Europa reisten 1876 an, um das neue Haus und seine sofort gefeierte, sehr spezielle Akustik sowie die neue Form des Musikdramas zu erleben. Seitdem ist Bayreuth als erster Festspielort überhaupt, erhöht auf dem Grünen Hügel und dadurch eine starke, fast monumentale Wirkung gewinnend, untrennbar mit der Pflege der Werke Wagners verbunden, jeweils vom 25. Juli bis zum 28. August; und noch immer unter der durch 150 sehr bewegte Jahre bruchlosen Leitung der Familie Wagner, gegenwärtig in Gestalt der Urenkelin Katharina. Aber eben in seiner jüngeren Theatergeschichte auch wieder mit den Opern des Barocks.

Im Sommer 2026 wurde zudem das neue Friedrichsforum mitten in der Stadt eröffnet. Zentraler Teil ist eine ehemalige Reithalle der Markgrafen. Das Sandsteingebäude aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde schon früh auch als Theater, später als Versammlungshalle genutzt. Nach neunjähriger Umbauphase ist die zwischenzeitige Stadthalle Bayreuth nun ein moderner, für Musik und Sprechtheater gleichermaßen funktionaler Spielort mit achthundert Plätzen – in dem auch schon die ersten Opernaufführungen stattgefunden haben.

So sind gerade die Bayreuther Theaterstätten weit mehr als nur Gebäude. Sie sind Architektur gewordene Kunstvorstellungen, Orte der Musikgeschichte und Symbole für die Spannungen zwischen ästhetischer Vision, politischer Belastung und kulturellem Erbe. Gerade diese Mischung aus Pomp und Überwältigung einerseits, äußerer Schlichtheit und innerer Radikalität andererseits machen ihre Faszination aus.

Es gibt nicht wenige deutsche Städte mit unter 100.000 Einwohnern, die ein ständig spielendes Stadttheater haben. Bayreuth, Sitz der Regierung von Oberfranken und mit 73.000 Einwohnern knapp hinter Bamberg die zweitgrößte Stadt des Regierungsbezirks, hat das nicht. Dafür aber gleich zwei der berühmtesten Bühnen der Welt. Eine hat seit 2012 gar den Status eines UNESCO-Weltkulturerbes. Und das ist nicht das
Richard-Wagner-Festspielhaus.

Beide Theater – zeitlich nur 128 Jahre voneinander getrennt, aber stilistisch völlig unterschiedlich – verdanken ihre Existenz sehr besonderen, auch dickköpfigen Persönlichkeiten, die visionär über die Enge einer kleinen, eher ärmlichen Residenzstadt hinausdachten: der preußischen Prinzessin Wilhelmine (1709-58) und dem sächsischen Komponisten Richard Wagner (1813-83). Wilhelmine, eigentlich als Königin von England vorgesehen, dann zur Markgräfin einer Hohenzollern-Seitenlinie degradiert, wollte in der fränkischen Einöde, die erst 1810 zu Bayern kam, wenigstens als Herrin der Musen ihrem glanzvollen Königsbruder Friedrich II. folgen und nutzte die (glücklose) Hochzeit ihrer einzigen Tochter 1748, um an ihrem schöngeistigen Hof endlich auch ein prachtvolles Opern- und Ballhaus im angesagten italienischen Stil errichten zu lassen.

Der sendungsbewusste Wagner wiederum suchte nach einem Ort für seine eigenen Festspiele, einem Tempel für die nach seinen Opern süchtigen Musikpilger. Nachdem andere Projekte, etwa ein von Gottfried Semper entworfenes Festspielhaus auf den Münchener Isarhöhen, gescheitert waren, entdeckte er in einem Konversationslexikon um 1870 das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth. Das Theater mit der größten deutschen Barockbühne an einem Ort ohne jede weitere Ablenkung müsste für seine Gesamtkunstwerke bestens geeignet sein, dachte er. Das war ein Irrtum. Die Szene ist zwar groß, aber voller altmodischer Kulissentechnik, der Graben und das 512-Plätze-Auditorium für seine Vorstellungen viel zu eng.

Der Zauber des Ortes aber wirkte nachhaltig auf Wagner, zumal die Stadt ihm ein Grundstück auf dem Grünen Hügel anbot. Und so machte er sich mit Sack und Pack, Frau, Kindern und Hund auf nach Oberfranken. Der Rest ist längst nicht nur lokale Musiktheatergeschichte.

Schon Wilhelmine, selbst eine talentierte Musikerin und Förderin der Künste, wollte mit dem Opernhaus ein kulturelles Zentrum schaffen, das Pariser, Wiener und Berliner Vorbildern nahekommen und Bayreuth auf die europäische Landkarte der Musikstädte setzen sollte. Das gelang nicht, doch ihr Opernhaus ist heute einer der prachtvollsten und am besten erhaltenen historischen Theaterbauten Europas. Hier wurden vor allem italienische Opern und deutsche Singspiele gegeben, wie es dem damaligen Geschmack und den kulturellen Ambitionen des Markgrafenpaares entsprach.

Was das Markgräfliche Opernhaus auszeichnet, ist seine fast magische Verquickung von Funktionalität und barocker Prachtentfaltung. Der Zuschauerraum mit seinen fünf Rängen, die sich in einem halbrunden Auditorium erheben, vermittelt eine intime Nähe zum Bühnengeschehen, die man in jüngeren Häusern oft vermisst. Die goldenen Stuckverzierungen, das auf Leinwand gemalte Deckenfresko und ursprünglich auch das Kerzenlicht schufen und schaffen eine Atmosphäre luftiger Eleganz und Raffinesse. Die Sichtachsen sind sorgfältig komponiert, sodass jeder Platz eine optimale Perspektive auf die Mittelloge unter dem Baldachin bietet. Dabei verbindet das Interieur die üppigen Barockdetails mit einer gewissen Leichtigkeit, die nicht überladen wirkt, sondern geradezu spielerisch die Sinne anspricht.

Heute ist das Markgräfliche Opernhaus nicht nur ein Denkmal, sondern oftmals ein lebendiger Ort der Musik. Hier erlebt man keine museale Schaustellung, sondern eine erzählerische Kraft, die von jeder Stuckfigur, jedem Farbton und jeder Bohlenplatte ausgeht. Ein Gesamtkunstwerk, das nicht nur die glanzvolle Vergangenheit des Barock und des Rokoko festhält, sondern noch immer den Puls der Musik spürbar macht. Ein Ort, der Tradition und Gegenwart ausbalanciert und Besucher in eine Welt entführt, in der Schönheit und Kunst unverrückbar verbunden sind.

29 Millionen Euro – so viel gut ausgegebenes Geld hat der bayerische Staat als heutiger Eigentümer bis 2018 aufgewendet, um das Markgräfliche Opernhaus, das, wir sagen es einmal ganz laut: schönste Barocktheater der Welt, in all seiner trügerischen Pracht aus Holz, Farbe, Leinwand und Goldglanz zu restaurieren, aufzupolieren und brandsicher zu machen. Seither steht dieses kulturgeschichtliche Kleinod allerersten Ranges fast wieder so licht und bunt da, wie es der geniale Architekt und Ingenieur Giuseppe Galli Bibiena fürs vokale Divertissement und als Party­-Location de luxe in die Fünftausend-Seelen-
Residenzstadt gezaubert hat.

Prächtiger geht’s kaum: das Markgräfliche Opernhaus im Inneren. Foto: Z thomas - Own work, CC BY-SA 4.0

Ein bis heute für den Ort völlig überdimensioniertes, aber rauschhaft herrliches Theaterwunder, weil lange vernachlässigt, aber gerade deshalb so gut erhalten. Denn schon nach dem Tod der Markgräfin 1758 fiel diese Bühne des hoffnungslos überschuldeten Mini-Musenhofs mitsamt seinen originellen Schlössern, Kirchen, Parks, Felsen- und Barocktheatern in eine Art Dornröschenschlaf. Sie wurde nie umgebaut, brannte nicht ab, dämmerte einfach durch die Jahrhunderte. Nur die barocke Bühnenmaschinerie kam leider irgendwann abhanden. Doch das originale Ambiente bezaubert weiterhin als illusionistische Überwältigungsarchitektur.

Die Schlösserverwaltung nimmt das Theater nicht für Gastspiele in die Pflicht, sondern hält es auf Abstand. Dabei müsste es eigentlich dauerhaft Teil eines pädagogisch bespielten und animierten Theatermuseums sein. So erwacht es, neben einigen Konzerten und kleineren Aufführungen, nur einmal im Jahr richtig zum Leben: wenn es im Rahmen des Festivals „Bayreuth Baroque“ zwei szenischen Opern aus seiner Glanzzeit einen einzigartig authentischen Rahmen bereitet und dabei die Stars der barocken Sängerzunft beherbergt. Das geschieht immer für zehn Tage im September, wenn die Wagnerianer aus dem anderen, dem noch berühmteren Festspielhaus abgezogen sind und dort alles für den Winterschlaf bereit ist.

Max Emanuel Cencic, Intendant, Countertenor, Casting-Experte und Regisseur in erstaunlicher Personalunion, hat nicht nur von Beginn 2020 an ein internationales, treues Publikum aus Barock-Nerds, Counter-Fetischisten, Darmsaiten-Genießern, Raritätensammlern und einfach Liebhabern guter Oper zusammengebracht, er begeistert jede Saison aufs Neue mit seinen Ausgrabungen, mit optisch opulenten Inszenierungen, tollen Musikern und einem passenden Ambiente. Leider nur alle zwei Jahre, auch das kurz erwähnt, gastieren auch die von Michael Hofstetter geleiteten Internationalen Gluck-Festspiele im Markgräflichen Opernhaus.

Richard Wagner aber schlug – während er selbst neben dem Hofgarten in der neuen Villa Wahnfried residierte – weiter oben Festspielwurzeln. Dort wurde das 1876 mit dem ersten Festival und dem um „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ komplettierten „Ring des Nibelungen“ eingeweihte Festspielhaus schnell eines der bekanntesten Opernhäuser der Welt – eben nicht wegen prunkvoller Fassaden oder höfischer Repräsentation, sondern weil es ganz auf Richard Wagners Idee eines neuen Musiktheaters ausgerichtet wurde. Er suchte für seine Werke einen Aufführungsort, der ihren musikalischen, dramatischen und räumlichen Anforderungen vollkommen entsprach. Die bestehenden Opernhäuser erschienen ihm ungeeignet: zu sehr auf gesellschaftliches Sehen und Gesehenwerden ausgerichtet, akustisch nicht ideal und in ihrer Architektur dem Glanz verpflichtet. Wagner dagegen wünschte sich einen fast klösterlich-tempelartigen Raum, in dem allein das Kunstwerk im Mittelpunkt stünde.

1872 wurde der Grundstein für das Festspielhaus gelegt. Wagner hielt eine Rede und dirigierte Beethovens Neunte im Markgräflichen Opernhaus. Finanziell war das Vorhaben lange unsicher; Wagner war auf Spenden, Fördervereine und die Unterstützung wohlhabender Gönner angewiesen. Entscheidend wurde schließlich die Hilfe des bayerischen Königs Ludwig II., der Wagner bereits zuvor stark gefördert hatte. Und sogar der osmanische Sultan Abdülaziz spendete.

Das später um den vorspringenden Königsbau erweiterte Gebäude aus Fachwerk (inzwischen durch Beton ersetzt) und günstigem Backstein entstand nach Entwürfen, die Wagner gemeinsam mit dem Architekten Otto Brückwald im Stil der Hellenistischen Romantik entwickelte, zu sehen etwa in den pompejanisch anmutenden Leinwandmalereien an der flachen, zeltartigen Decke. Es gibt keine dominierenden Seitenlogen, keine üppige höfische Rangordnung und keine starke Trennung des Publikums in repräsentative Zonen. Dadurch richtet sich der Blick aller Zuschauer konzentriert auf die Bühne.

Dabei griff Wagner Anregungen auf, die ihn unter anderem am antiken Theater und an modernen Zuschauerräumen interessierten: ein stark ansteigendes Parkett ohne Mittelgang in Form eines Amphitheaters, ein tief liegender, hier sogar durch einen Deckel unsichtbarer Orchestergraben, der den Schall erst auf der Bühne bricht, sowie eine Verdunkelung des schlichten, zentrallüsterlosen Auditoriums. Das verfügt bis heute über keine Heizung, nach den Pausen werden die Türen fest verschlossen, die Sitze – wenn auch nicht mehr gänzlich ungepolstert – sind legendär unbequem und fordern die 1.974 Zuschauer zum aufrecht-aufmerksamen Sitzen auf.

Künstler, Intellektuelle und Musikliebhaber aus ganz Europa reisten 1876 an, um das neue Haus und seine sofort gefeierte, sehr spezielle Akustik sowie die neue Form des Musikdramas zu erleben. Seitdem ist Bayreuth als erster Festspielort überhaupt, erhöht auf dem Grünen Hügel und dadurch eine starke, fast monumentale Wirkung gewinnend, untrennbar mit der Pflege der Werke Wagners verbunden, jeweils vom 25. Juli bis zum 28. August; und noch immer unter der durch 150 sehr bewegte Jahre bruchlosen Leitung der Familie Wagner, gegenwärtig in Gestalt der Urenkelin Katharina. Aber eben in seiner jüngeren Theatergeschichte auch wieder mit den Opern des Barocks.

Im Sommer 2026 wurde zudem das neue Friedrichsforum mitten in der Stadt eröffnet. Zentraler Teil ist eine ehemalige Reithalle der Markgrafen. Das Sandsteingebäude aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde schon früh auch als Theater, später als Versammlungshalle genutzt. Nach neunjähriger Umbauphase ist die zwischenzeitige Stadthalle Bayreuth nun ein moderner, für Musik und Sprechtheater gleichermaßen funktionaler Spielort mit achthundert Plätzen – in dem auch schon die ersten Opernaufführungen stattgefunden haben.

So sind gerade die Bayreuther Theaterstätten weit mehr als nur Gebäude. Sie sind Architektur gewordene Kunstvorstellungen, Orte der Musikgeschichte und Symbole für die Spannungen zwischen ästhetischer Vision, politischer Belastung und kulturellem Erbe. Gerade diese Mischung aus Pomp und Überwältigung einerseits, äußerer Schlichtheit und innerer Radikalität andererseits machen ihre Faszination aus.

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