Vom Bethaus zum Parnass
Unter der Markgräfin Wilhelmine erlebte Bayreuth seine erste musikalische Blüte

Bevor Bayreuth zum Mekka und Sehnsuchtsort für Wagnerianer auf der ganzen Welt wurde, erlebte das kleine oberfränkische Städtchen eine kurze, aber bemerkenswerte musikalische Blütezeit, die untrennbar mit Sophie Friederike Wilhelmine von Preußen verbunden ist. Die ältere Schwester Friedrichs des Großen war 1731 durch Heirat zur Markgräfin von Brandenburg-Bayreuth geworden. Eines der bekanntesten Porträts, das um 1750 entstandene Gemälde von Antoine Pesne, zeigt sie in Pilgertracht in einer Grotte sitzend, auf dem Schoß ihr Hündchen Folichon, umgeben von Büchern und Musikalien. Die Darstellung ist bewusst gewählt, galt doch die Pilgerschaft auch als Chiffre für das Exil, die Grotte als ein Ort der Einfachheit und Zurückgezogenheit. Tatsächlich muss der 1709 in Berlin geborenen Prinzessin, die zunächst dem englischen Thronfolger versprochen war und dann von Friedrich Wilhelm I. aus Staatsraison in eine Heirat mit dem Erbprinzen Friedrich von Brandenburg-Bayreuth gedrängt wurde, ihr Leben wie ein Exil in der Provinz vorgekommen sein.
Aufgewachsen am preußischen Hof, der trotz der spartanischen Lebenshaltung ihres Vaters ein Mindestmaß an höfischem Leben und Vergnügungen aufzuweisen hatte, muss das provinzielle und dazu noch pietistisch geprägte Bayreuth für die junge Prinzessin, die gerne musizierte, tanzte, las und malte, so etwas wie ein Kulturschock gewesen sein. Bereits 1727 beschrieb der aus Halle berufene Hofprediger Johann Christoph Silchmüller die Stimmung in der Residenzstadt: „Im Schloss ist alles so stille, als ob es ein Kloster wäre.“ Man spottete sogar, Markgraf Georg Friedrich Karl und die pietistische Geistlichkeit hätten das ganze Land in ein Bethaus verwandelt. Hinzu kam, dass Wilhelmines Schwiegervater hinsichtlich Sparsamkeit ihrem Vater in nichts nachstand. Mit spitzer Feder beschreibt sie in ihren lesenswerten Memoiren von 1742 ihre ersten Eindrücke bei der Ankunft in ihrer neuen Heimat im Januar 1732: „Das Nebenzimmer war mit schmutzigem Brokat ausgeschlagen; dann kam ein zweites, dessen durchstochene Damastmöbel von prächtiger Wirkung waren; ich sage durchstochen, denn sie waren zerfetzt, die Leinwand kam überall zum Vorschein. (…) Mein Bett war so schön und so neu, dass es nach 14 Tagen keine Vorhänge mehr hatte, denn sie waren ganz zerschlissen.“
Besonders musikalisch dürfte die Residenzstadt Bayreuth für Wilhelmine, die hervorragend Laute und Cembalo spielte und wie ihr Bruder auch komponierte, zunächst wenig attraktiv gewesen sein. Natürlich saß sie musikalisch nicht vollständig auf dem Trockenen: Ihr zuliebe wurden Adam Falkenhagen (1694-1757) als ihr Lautenlehrer und 1734 Johann Pfeiffer (1697-1761) als neuer Kapellmeister eingestellt, der ihr auch Kompositionsunterricht gab. Zudem teilte ihr Mann ihre Liebe zur Musik, er spielte selbst ausgezeichnet Flöte. Viele der vorhandenen Hofmusiker dürften allerdings kaum den Qualitätsansprüchen Wilhelmines genügt haben.
Mit der Regierungsübernahme Friedrichs als Markgraf Friedrich III. im Jahr 1735 sollte sich in Bayreuth vieles ändern. Dazu gehörte fortan eine repräsentative Hofhaltung, für die neben prächtigen Festen und Vergnügungen eben auch eine vorzeigbare Hofkapelle unabdingbar war. Dank ihrer Memoiren, dem Briefwechsel mit ihrem Bruder und den erhaltenen Hofakten sind wir vergleichsweise gut informiert, was das Musikleben am Bayreuther Hof betrifft. Ende 1737 übertrug der Markgraf seiner Gattin offiziell die Verantwortung für die gesamte Hofmusik. Wilhelmine kümmerte sich mit Ehrgeiz und Zielstrebigkeit um deren Reorganisation und Ausbau, besonders im Hinblick auf künftige Opernaufführungen. Dabei scheute sie sich nicht, mit dem eisernen Besen zu kehren: „Ich habe sofort damit begonnen, alles zu entlassen, was nichts taugte“, berichtet sie ihrem Bruder nach Rheinsberg. Stattdessen engagierte sie fähige Musiker aus kleineren Residenzen, unter anderem aus Weimar, Schwedt und Zweibrücken. Sänger engagierte sie, zeitlich befristet, meist direkt aus Italien, und sie erhielten, ebenso selbstverständlich, die höchsten Gehälter unter den Musikern am Hof. Zu ihnen gehörten der Sänger und Komponist Giuseppe Antonio Paganelli und seine Frau sowie eine gewisse Margarita Furiosa, die ihrem Namen hinsichtlich ihrer Allüren alle Ehre machte. Und manchmal gastierten sogar die ganz großen Stars wie 1746 der Kastrat Giovanni Carestini sowie 1748 der Komponist Johann Adolf Hasse und seine Frau, die Sängerin Faustina Bordoni.

Zwar sollte es noch bis 1750 dauern, bis das Markgräfliche Opernhaus eröffnet wurde, aber kleinere, im Aufwand reduzierte beziehungsweise adaptierte Aufführungen importierter Werke fanden bereits ab 1737 statt. Ab 1740 wurde Oper dann auch im Redoutenhaus gegeben, wo Wilhelmine vom Theatermaler und Bühnenarchitekt Giovanni Paolo Gaspari ein „Theatre del’opera“ hatte einrichten lassen. Für Aufführungen wurden zudem das Markgrafentheater in der Nebenresidenz Erlangen genutzt, das noch aus der Zeit ihres Schwiegervaters stammte. Wilhelmine trug selbst als Librettistin und Komponistin zu den Opernaufführungen bei. Die beiden wichtigsten Bühnenwerke, an denen sie direkt beteiligt war, sind die Opern „Argenore“ (1740 zum Geburtstag des Markgrafen) und „L’huomo“ (1754 zum Besuch ihres Bruders Friedrich II.). Während sie für „Argenore“ sowohl das Libretto als auch die Musik verfasste, stammte für „L’huomo“ nur die Vorlage zum Libretto aus ihrer Feder, vertont wurde es von Andrea Bernasconi (1706-84). Nur die „Argenore“ ist erhalten geblieben. Dass es im Mai 1740 tatsächlich zu einer Aufführung kam, ist unwahrscheinlich, denn nach dem Tod ihres Vaters, des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I., herrschte Staatstrauer, und da fanden keinerlei Musikaufführungen statt. Ein heute verschollenes Gemälde in Lacktechnik, das sie 1740 als Geschenk an ihren Bruder schickte, zeigt eine Probenszene, die uns einen Eindruck von der ungefähren Besetzungsstärke und den Mitgliedern der Hofkapelle vermittelt. Zu sehen sind hier auch Wilhelmine am Cembalo und der Markgraf an der Flöte. Im Begleitschreiben an Friedrich II. spricht sie von ihrem „kleinen Parnaß“.
Für die Größe des Fürstentums Brandenburg-Bayreuth war die Hofkapelle bald exzellent besetzt, sie konnte sich schließlich selbst mit der in Berlin messen. Denn der musikalische Austausch mit dem Bruder beschränkte sich nicht nur auf einen Briefwechsel, sondern fand auch in Form von Studienaufenthalten ihrer Musiker in Rheinsberg und später Berlin statt. Im Gegenzug besuchten Musiker aus Berlin Bayreuth, darunter sogar Spitzenkräfte wie der Sänger und Komponist Carl Heinrich Graun, der Geiger Franz Benda und der Flötist Johann Joachim Quantz, die für ihre Auftritte üppig entlohnt wurden. Ausgetauscht wurden auch Musikalien; selbst die so eifersüchtig gehüteten Konzerte und Sonaten von Quantz wurden offenbar auf Bitten Wilhelmines nach Bayreuth gesandt.
Dass es unter den durchaus eigensinnigen Künstlerpersönlichkeiten nicht ganz konfliktfrei zuging, zeigt ebenfalls der Briefwechsel zwischen Wilhelmine und Friedrich. Als Intendantin der Hofmusik war sie nach ihren Angaben nahezu täglich damit beschäftigt, „die Streitigkeiten meines kleinen Reiches, dessen Mitglieder leider sehr uneins sind“, zu schlichten. Warum sollte es Wilhelmine in diesem Punkt auch besser ergehen als anderen Intendanten?
Der Austausch mit ihrem Bruder über die Musik und ihre Hofkapelle war übrigens nicht frei von Lästereien. Ihren Kapellmeister Pfeiffer bezeichnet sie beispielsweise als „Hauptkrakeeler“, den man aber mit kräftigen Ermahnungen zur Räson bringen könne. Im Gegenzug warnt Friedrich seine Schwester vor Quantz, der Bayreuth 1738 besuchte: „Du wirst ihn hochmütiger denn je finden. Dagegen gibt es nur ein Mittel, ihn nicht so sehr als großen Herrn zu behandeln.“ Wilhelmine allerdings fand, er sei „sanft wie ein Lamm“ gewesen, und nennt auch den Grund. Sein Verhalten habe sich gebessert, „seit er eine böse Frau hat“.
Auch wenn wir vergleichsweise gut über das Musikleben am Bayreuther Hof informiert sind – ein großes Rätsel bleibt: Was geschah mit der Musiksammlung der Markgräfin nach ihrem Tod 1758? Während ihre umfangreiche, über 4.000 Titel umfassende Bibliothek der heutigen Universität Erlangen vermacht wurde, ist der Verbleib ihrer nicht minder umfangreichen Musiksammlung, die sicherlich viele eigene Kompositionen enthielt, bis heute ungeklärt.
In den rund 25 Jahren ihrer Zeit in Bayreuth gelang es Wilhelmine, ihre bescheidene „Grotte“ tatsächlich in einen „Parnass“ zu verwandeln, der nicht nur musikalisch dem Vergleich mit größeren Residenzen standhielt. Leider ereilte Bayreuth das Schicksal vieler kleinerer und mittlerer Residenzstädte, die dank des Engagements eines Fürsten oder einer Fürstin rasch zu kultureller Blüte gelangten: Nach dem Tod Wilhelmines 1758 und endgültig mit dem Tod des Markgrafen Friedrich III. 1763 war es mit der Herrlichkeit ebenso rasch wieder vorbei. Die beiden Nachfolger des Markgrafen hatten noch lange mit den durch die aufwendige Hofhaltung ziemlich zerrütteten Finanzen des Fürstentums zu kämpfen. Der Hofstaat, den Friedrich und Wilhelmine von 140 auf 600 Mitglieder aufgebläht hatten (bei lediglich 5.000 Einwohnern in der ganzen Stadt!), wurde drastisch reduziert und die Hofkapelle 1769 ganz aufgelöst, wobei einige der Mitglieder Anstellung bei Friedrich II. in Berlin fanden. Bayreuth versank vorerst – nicht nur musikalisch – wieder in einen provinziellen Dornröschenschlaf, aus dem es erst rund ein Jahrhundert später erweckt werden sollte.
Bevor Bayreuth zum Mekka und Sehnsuchtsort für Wagnerianer auf der ganzen Welt wurde, erlebte das kleine oberfränkische Städtchen eine kurze, aber bemerkenswerte musikalische Blütezeit, die untrennbar mit Sophie Friederike Wilhelmine von Preußen verbunden ist. Die ältere Schwester Friedrichs des Großen war 1731 durch Heirat zur Markgräfin von Brandenburg-Bayreuth geworden. Eines der bekanntesten Porträts, das um 1750 entstandene Gemälde von Antoine Pesne, zeigt sie in Pilgertracht in einer Grotte sitzend, auf dem Schoß ihr Hündchen Folichon, umgeben von Büchern und Musikalien. Die Darstellung ist bewusst gewählt, galt doch die Pilgerschaft auch als Chiffre für das Exil, die Grotte als ein Ort der Einfachheit und Zurückgezogenheit. Tatsächlich muss der 1709 in Berlin geborenen Prinzessin, die zunächst dem englischen Thronfolger versprochen war und dann von Friedrich Wilhelm I. aus Staatsraison in eine Heirat mit dem Erbprinzen Friedrich von Brandenburg-Bayreuth gedrängt wurde, ihr Leben wie ein Exil in der Provinz vorgekommen sein.
Aufgewachsen am preußischen Hof, der trotz der spartanischen Lebenshaltung ihres Vaters ein Mindestmaß an höfischem Leben und Vergnügungen aufzuweisen hatte, muss das provinzielle und dazu noch pietistisch geprägte Bayreuth für die junge Prinzessin, die gerne musizierte, tanzte, las und malte, so etwas wie ein Kulturschock gewesen sein. Bereits 1727 beschrieb der aus Halle berufene Hofprediger Johann Christoph Silchmüller die Stimmung in der Residenzstadt: „Im Schloss ist alles so stille, als ob es ein Kloster wäre.“ Man spottete sogar, Markgraf Georg Friedrich Karl und die pietistische Geistlichkeit hätten das ganze Land in ein Bethaus verwandelt. Hinzu kam, dass Wilhelmines Schwiegervater hinsichtlich Sparsamkeit ihrem Vater in nichts nachstand. Mit spitzer Feder beschreibt sie in ihren lesenswerten Memoiren von 1742 ihre ersten Eindrücke bei der Ankunft in ihrer neuen Heimat im Januar 1732: „Das Nebenzimmer war mit schmutzigem Brokat ausgeschlagen; dann kam ein zweites, dessen durchstochene Damastmöbel von prächtiger Wirkung waren; ich sage durchstochen, denn sie waren zerfetzt, die Leinwand kam überall zum Vorschein. (…) Mein Bett war so schön und so neu, dass es nach 14 Tagen keine Vorhänge mehr hatte, denn sie waren ganz zerschlissen.“
Besonders musikalisch dürfte die Residenzstadt Bayreuth für Wilhelmine, die hervorragend Laute und Cembalo spielte und wie ihr Bruder auch komponierte, zunächst wenig attraktiv gewesen sein. Natürlich saß sie musikalisch nicht vollständig auf dem Trockenen: Ihr zuliebe wurden Adam Falkenhagen (1694-1757) als ihr Lautenlehrer und 1734 Johann Pfeiffer (1697-1761) als neuer Kapellmeister eingestellt, der ihr auch Kompositionsunterricht gab. Zudem teilte ihr Mann ihre Liebe zur Musik, er spielte selbst ausgezeichnet Flöte. Viele der vorhandenen Hofmusiker dürften allerdings kaum den Qualitätsansprüchen Wilhelmines genügt haben.
Mit der Regierungsübernahme Friedrichs als Markgraf Friedrich III. im Jahr 1735 sollte sich in Bayreuth vieles ändern. Dazu gehörte fortan eine repräsentative Hofhaltung, für die neben prächtigen Festen und Vergnügungen eben auch eine vorzeigbare Hofkapelle unabdingbar war. Dank ihrer Memoiren, dem Briefwechsel mit ihrem Bruder und den erhaltenen Hofakten sind wir vergleichsweise gut informiert, was das Musikleben am Bayreuther Hof betrifft. Ende 1737 übertrug der Markgraf seiner Gattin offiziell die Verantwortung für die gesamte Hofmusik. Wilhelmine kümmerte sich mit Ehrgeiz und Zielstrebigkeit um deren Reorganisation und Ausbau, besonders im Hinblick auf künftige Opernaufführungen. Dabei scheute sie sich nicht, mit dem eisernen Besen zu kehren: „Ich habe sofort damit begonnen, alles zu entlassen, was nichts taugte“, berichtet sie ihrem Bruder nach Rheinsberg. Stattdessen engagierte sie fähige Musiker aus kleineren Residenzen, unter anderem aus Weimar, Schwedt und Zweibrücken. Sänger engagierte sie, zeitlich befristet, meist direkt aus Italien, und sie erhielten, ebenso selbstverständlich, die höchsten Gehälter unter den Musikern am Hof. Zu ihnen gehörten der Sänger und Komponist Giuseppe Antonio Paganelli und seine Frau sowie eine gewisse Margarita Furiosa, die ihrem Namen hinsichtlich ihrer Allüren alle Ehre machte. Und manchmal gastierten sogar die ganz großen Stars wie 1746 der Kastrat Giovanni Carestini sowie 1748 der Komponist Johann Adolf Hasse und seine Frau, die Sängerin Faustina Bordoni.

Zwar sollte es noch bis 1750 dauern, bis das Markgräfliche Opernhaus eröffnet wurde, aber kleinere, im Aufwand reduzierte beziehungsweise adaptierte Aufführungen importierter Werke fanden bereits ab 1737 statt. Ab 1740 wurde Oper dann auch im Redoutenhaus gegeben, wo Wilhelmine vom Theatermaler und Bühnenarchitekt Giovanni Paolo Gaspari ein „Theatre del’opera“ hatte einrichten lassen. Für Aufführungen wurden zudem das Markgrafentheater in der Nebenresidenz Erlangen genutzt, das noch aus der Zeit ihres Schwiegervaters stammte. Wilhelmine trug selbst als Librettistin und Komponistin zu den Opernaufführungen bei. Die beiden wichtigsten Bühnenwerke, an denen sie direkt beteiligt war, sind die Opern „Argenore“ (1740 zum Geburtstag des Markgrafen) und „L’huomo“ (1754 zum Besuch ihres Bruders Friedrich II.). Während sie für „Argenore“ sowohl das Libretto als auch die Musik verfasste, stammte für „L’huomo“ nur die Vorlage zum Libretto aus ihrer Feder, vertont wurde es von Andrea Bernasconi (1706-84). Nur die „Argenore“ ist erhalten geblieben. Dass es im Mai 1740 tatsächlich zu einer Aufführung kam, ist unwahrscheinlich, denn nach dem Tod ihres Vaters, des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I., herrschte Staatstrauer, und da fanden keinerlei Musikaufführungen statt. Ein heute verschollenes Gemälde in Lacktechnik, das sie 1740 als Geschenk an ihren Bruder schickte, zeigt eine Probenszene, die uns einen Eindruck von der ungefähren Besetzungsstärke und den Mitgliedern der Hofkapelle vermittelt. Zu sehen sind hier auch Wilhelmine am Cembalo und der Markgraf an der Flöte. Im Begleitschreiben an Friedrich II. spricht sie von ihrem „kleinen Parnaß“.
Für die Größe des Fürstentums Brandenburg-Bayreuth war die Hofkapelle bald exzellent besetzt, sie konnte sich schließlich selbst mit der in Berlin messen. Denn der musikalische Austausch mit dem Bruder beschränkte sich nicht nur auf einen Briefwechsel, sondern fand auch in Form von Studienaufenthalten ihrer Musiker in Rheinsberg und später Berlin statt. Im Gegenzug besuchten Musiker aus Berlin Bayreuth, darunter sogar Spitzenkräfte wie der Sänger und Komponist Carl Heinrich Graun, der Geiger Franz Benda und der Flötist Johann Joachim Quantz, die für ihre Auftritte üppig entlohnt wurden. Ausgetauscht wurden auch Musikalien; selbst die so eifersüchtig gehüteten Konzerte und Sonaten von Quantz wurden offenbar auf Bitten Wilhelmines nach Bayreuth gesandt.
Dass es unter den durchaus eigensinnigen Künstlerpersönlichkeiten nicht ganz konfliktfrei zuging, zeigt ebenfalls der Briefwechsel zwischen Wilhelmine und Friedrich. Als Intendantin der Hofmusik war sie nach ihren Angaben nahezu täglich damit beschäftigt, „die Streitigkeiten meines kleinen Reiches, dessen Mitglieder leider sehr uneins sind“, zu schlichten. Warum sollte es Wilhelmine in diesem Punkt auch besser ergehen als anderen Intendanten?
Der Austausch mit ihrem Bruder über die Musik und ihre Hofkapelle war übrigens nicht frei von Lästereien. Ihren Kapellmeister Pfeiffer bezeichnet sie beispielsweise als „Hauptkrakeeler“, den man aber mit kräftigen Ermahnungen zur Räson bringen könne. Im Gegenzug warnt Friedrich seine Schwester vor Quantz, der Bayreuth 1738 besuchte: „Du wirst ihn hochmütiger denn je finden. Dagegen gibt es nur ein Mittel, ihn nicht so sehr als großen Herrn zu behandeln.“ Wilhelmine allerdings fand, er sei „sanft wie ein Lamm“ gewesen, und nennt auch den Grund. Sein Verhalten habe sich gebessert, „seit er eine böse Frau hat“.
Auch wenn wir vergleichsweise gut über das Musikleben am Bayreuther Hof informiert sind – ein großes Rätsel bleibt: Was geschah mit der Musiksammlung der Markgräfin nach ihrem Tod 1758? Während ihre umfangreiche, über 4.000 Titel umfassende Bibliothek der heutigen Universität Erlangen vermacht wurde, ist der Verbleib ihrer nicht minder umfangreichen Musiksammlung, die sicherlich viele eigene Kompositionen enthielt, bis heute ungeklärt.
In den rund 25 Jahren ihrer Zeit in Bayreuth gelang es Wilhelmine, ihre bescheidene „Grotte“ tatsächlich in einen „Parnass“ zu verwandeln, der nicht nur musikalisch dem Vergleich mit größeren Residenzen standhielt. Leider ereilte Bayreuth das Schicksal vieler kleinerer und mittlerer Residenzstädte, die dank des Engagements eines Fürsten oder einer Fürstin rasch zu kultureller Blüte gelangten: Nach dem Tod Wilhelmines 1758 und endgültig mit dem Tod des Markgrafen Friedrich III. 1763 war es mit der Herrlichkeit ebenso rasch wieder vorbei. Die beiden Nachfolger des Markgrafen hatten noch lange mit den durch die aufwendige Hofhaltung ziemlich zerrütteten Finanzen des Fürstentums zu kämpfen. Der Hofstaat, den Friedrich und Wilhelmine von 140 auf 600 Mitglieder aufgebläht hatten (bei lediglich 5.000 Einwohnern in der ganzen Stadt!), wurde drastisch reduziert und die Hofkapelle 1769 ganz aufgelöst, wobei einige der Mitglieder Anstellung bei Friedrich II. in Berlin fanden. Bayreuth versank vorerst – nicht nur musikalisch – wieder in einen provinziellen Dornröschenschlaf, aus dem es erst rund ein Jahrhundert später erweckt werden sollte.



