Interview & Porträt

Töne des Staunens und der Erkenntnis

Von
Susanne Benda
Erschienen in der Printausgabe im
September 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Marco Borggreve
Foto: Marco Borggreve

Nach der Aufnahme ist vor der Aufnahme. „Man hört sich nicht satt!“, schwärmt Hans-Christoph Rademann. Mit seiner Gaechinger Cantorey hat er im Juli ein Großprojekt abgeschlossen: die CD-Einspielung sämtlicher Kantaten, die Bach in seinem ersten Amtsjahr als Thomaskantor, also zwischen Mai 1723 und dem Dreifaltigkeitssonntag 1724, komponierte. „Vision Bach“ ist die Serie betitelt. Und kaum ist die zehnte und letzte Doppel-CD bei Hänssler Classic herausgekommen, steckt Rademann schon mitten im dritten Leipziger Kantaten-Jahrgang, denn auch der soll vollständig aufgenommen werden. Der Dirigent ist Feuer und Flamme: „Wenn ich dieses Projekt nicht umgesetzt hätte“, sagt er, „dann hätte ich Bach nicht wirklich kennengelernt.“ Und kennenlernen bedeutet in diesem Fall, einzutauchen in die Entwicklungsgeschichte von Bachs Ideen und Experimenten, denn aufgeführt und aufgenommen hat Rademann die gut sechzig Werke des ersten Kantatenjahrgangs in chronologischer Reihenfolge. Wie entwickeln sich die Eingangschöre? Wo und wie lässt Bach mithilfe von Fermaten die Musik stillstehen? Warum gibt es in manchen Kantaten drei Choräle, in manchen keinen Eingangschor? „Bach“, sagt Hans-Christoph Rademann, „experimentiert oft in zeitlicher Nähe mit ähnlichen Ideen, und das konnten wir jetzt spüren.“ Außerdem enthalten die Kantaten sehr viel originale Musik, nur in wenigen Fällen hat Bach früher Komponiertes mit neuem Text wiederverwertet. Deshalb ist die Verbindung zwischen Musik und Worten hier besonders stark und zwingend. Als Beispiel führt Rademann die Kantate BWV 95 an, „Christus, der ist mein Leben“: „Da spielt das Orchester immer Synkopen – wie wenn Bach die Ungeduld auf dem Weg zum Ziel darstellen wollte.“

Unter dem archaisierenden Namen Gaechinger Cantorey hat der Dirigent die beiden Ensembles zusammengefasst, die er nach seinem Amtsantritt als Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart übernahm und im Sinne der historisch informierten Aufführungspraxis neu formte. Vorher hieß der Chor Gächinger Kantorei, das Orchester Bach-Collegium Stuttgart, und die Fußstapfen, in die der neue Chef 2013 trat, hätten größer nicht sein können. Amtsvorgänger Helmuth Rilling setzte Maßstäbe der Bach-Interpretation, er gründete die Bachakademie 1981 und leitete sie 31 Jahre lang. Rillings 1985 vollendete Gesamteinspielung sämtlicher (etwa zweihundert) geistlicher Kantaten – die erste überhaupt – hat Geschichte geschrieben. Man darf annehmen, dass hinter dem Großprojekt jetzt auch der Versuch steckt, aus dem Schatten des einstigen „Bach-Papstes“ herauszutreten.

Das war offenbar auch bei der „Kantaten-Hitparade“ des jüngsten Leipziger Bachfestes zu spüren. Auch dort, sagt Rademann, habe man die Qualität seiner Ensembles wahrgenommen, und diese Qualität verdanke sich auch der konzentrierten Arbeit an den Kantaten: „Michael Maul vom Bacharchiv hat Bachs Kantaten als ‚Innovationsbooster‘ bezeichnet. Für die Gaechinger Cantorey waren sie Qualitätsbooster, weil wir sehr konzentriert geprobt haben und immer im Hinterkopf hatten, die Werke nach den Aufführungen auch auf CD einzuspielen.“

Immer wieder fasst Bach die Zerrissenheit des Menschen zwischen Himmel und Hölle in Töne

Wie bei einem solchen Großprojekt üblich, wechseln die Beteiligten und die Aufnahmeorte. Das kann man hören. Aber die Grundprinzipien bleiben gleich: Hier geht es um Klarheit, um Natürlichkeit. Beide Tugenden prägen auch die letzte Doppel-CD des ersten Kantatenjahrgangs. Sie enthält die Kantaten BWV 86, 27, 44, 59, 172.2, 173.2 und 184.2, die drei letztgenannten jeweils in ihrer zweiten Version.

Das Orchester klingt sehr transparent, der fein ausbalancierte zwölfköpfige Chor sehr rund. Der Grundgestus ist oft tänzerisch, und zu erleben ist eine doppelte Exegese. Für die erste, grundlegende Deutung der Texte sorgt Bachs Vertonung selbst, deren Detailreichtum und deren sprechende Gestik immer wieder staunen machen: Mal setzt eine zackig geführte Violin-Solostimme eine stachelige Rose ins Bild, mal sorgen Traversflöten für eine pastorale Atmosphäre, mal macht ein schwerer Lamento-Bass die Mühsal der irdischen Wanderung deutlich, mal bringt eine Oboe Seelentöne ins Spiel. Für die (hoch konzentrierte) Exegese der Exegese sorgen die Ausführenden, denn sie arbeiten klar die barocke Bildlichkeit und auch die theologischen Verweise in der Musik heraus. So bietet tatsächlich jede der zehn CD-Boxen zahlreiche Momente des Staunens und der Erkenntnis, in denen Bach immer wieder die Zerrissenheit des Menschen zwischen Himmel und Hölle, Schwere und Leichtigkeit, Schmerz und Zuversicht in Töne fasst. Dieser sei „ein armer Erdenkloß“, so (auf Vol. 4) die Kantate BWV 138; Bach zeichnet dieses Bild sprechend nach, setzt ihm aber auch Glaubenszuversicht entgegen. Unter den Solistinnen und Solisten, die aus dem Chor heraustreten, sind viele sehr gute, auf Vol. 10 zählen dazu vor allem der Bass Tobias Berndt, der Tenor Benedikt Kristjansson, die Sopranistin Miriam Feuersinger und die Altisten Alex Potter und Marie Henriette Reinhold.

Im Booklet muss man zwar zwischen Trackliste, Kantatentext, Kommentar und Besetzung hin und her blättern, doch man kann sehr viel lernen. Unter anderem bekommt man einen Eindruck von der Komplexität der Entstehung wie der Quellenforschung – und damit auch von der detektivischen wissenschaftlichen Arbeit, die unerlässlich ist. Das Ziel – zu zeigen, wie vielfältig Bachs Kantaten sind und wie zeitlos ihre Inhalte – hat die Bachakademie bravourös erreicht. „Es könnte“, so Hans-Christoph Rademann, „eine Gesamtaufnahme werden. Die Geschichte der Bach-Kantaten ist noch nicht auserzählt, man kann noch viel dazu sagen.“

Nach der Aufnahme ist vor der Aufnahme. „Man hört sich nicht satt!“, schwärmt Hans-Christoph Rademann. Mit seiner Gaechinger Cantorey hat er im Juli ein Großprojekt abgeschlossen: die CD-Einspielung sämtlicher Kantaten, die Bach in seinem ersten Amtsjahr als Thomaskantor, also zwischen Mai 1723 und dem Dreifaltigkeitssonntag 1724, komponierte. „Vision Bach“ ist die Serie betitelt. Und kaum ist die zehnte und letzte Doppel-CD bei Hänssler Classic herausgekommen, steckt Rademann schon mitten im dritten Leipziger Kantaten-Jahrgang, denn auch der soll vollständig aufgenommen werden. Der Dirigent ist Feuer und Flamme: „Wenn ich dieses Projekt nicht umgesetzt hätte“, sagt er, „dann hätte ich Bach nicht wirklich kennengelernt.“ Und kennenlernen bedeutet in diesem Fall, einzutauchen in die Entwicklungsgeschichte von Bachs Ideen und Experimenten, denn aufgeführt und aufgenommen hat Rademann die gut sechzig Werke des ersten Kantatenjahrgangs in chronologischer Reihenfolge. Wie entwickeln sich die Eingangschöre? Wo und wie lässt Bach mithilfe von Fermaten die Musik stillstehen? Warum gibt es in manchen Kantaten drei Choräle, in manchen keinen Eingangschor? „Bach“, sagt Hans-Christoph Rademann, „experimentiert oft in zeitlicher Nähe mit ähnlichen Ideen, und das konnten wir jetzt spüren.“ Außerdem enthalten die Kantaten sehr viel originale Musik, nur in wenigen Fällen hat Bach früher Komponiertes mit neuem Text wiederverwertet. Deshalb ist die Verbindung zwischen Musik und Worten hier besonders stark und zwingend. Als Beispiel führt Rademann die Kantate BWV 95 an, „Christus, der ist mein Leben“: „Da spielt das Orchester immer Synkopen – wie wenn Bach die Ungeduld auf dem Weg zum Ziel darstellen wollte.“

Unter dem archaisierenden Namen Gaechinger Cantorey hat der Dirigent die beiden Ensembles zusammengefasst, die er nach seinem Amtsantritt als Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart übernahm und im Sinne der historisch informierten Aufführungspraxis neu formte. Vorher hieß der Chor Gächinger Kantorei, das Orchester Bach-Collegium Stuttgart, und die Fußstapfen, in die der neue Chef 2013 trat, hätten größer nicht sein können. Amtsvorgänger Helmuth Rilling setzte Maßstäbe der Bach-Interpretation, er gründete die Bachakademie 1981 und leitete sie 31 Jahre lang. Rillings 1985 vollendete Gesamteinspielung sämtlicher (etwa zweihundert) geistlicher Kantaten – die erste überhaupt – hat Geschichte geschrieben. Man darf annehmen, dass hinter dem Großprojekt jetzt auch der Versuch steckt, aus dem Schatten des einstigen „Bach-Papstes“ herauszutreten.

Das war offenbar auch bei der „Kantaten-Hitparade“ des jüngsten Leipziger Bachfestes zu spüren. Auch dort, sagt Rademann, habe man die Qualität seiner Ensembles wahrgenommen, und diese Qualität verdanke sich auch der konzentrierten Arbeit an den Kantaten: „Michael Maul vom Bacharchiv hat Bachs Kantaten als ‚Innovationsbooster‘ bezeichnet. Für die Gaechinger Cantorey waren sie Qualitätsbooster, weil wir sehr konzentriert geprobt haben und immer im Hinterkopf hatten, die Werke nach den Aufführungen auch auf CD einzuspielen.“

Immer wieder fasst Bach die Zerrissenheit des Menschen zwischen Himmel und Hölle in Töne

Wie bei einem solchen Großprojekt üblich, wechseln die Beteiligten und die Aufnahmeorte. Das kann man hören. Aber die Grundprinzipien bleiben gleich: Hier geht es um Klarheit, um Natürlichkeit. Beide Tugenden prägen auch die letzte Doppel-CD des ersten Kantatenjahrgangs. Sie enthält die Kantaten BWV 86, 27, 44, 59, 172.2, 173.2 und 184.2, die drei letztgenannten jeweils in ihrer zweiten Version.

Das Orchester klingt sehr transparent, der fein ausbalancierte zwölfköpfige Chor sehr rund. Der Grundgestus ist oft tänzerisch, und zu erleben ist eine doppelte Exegese. Für die erste, grundlegende Deutung der Texte sorgt Bachs Vertonung selbst, deren Detailreichtum und deren sprechende Gestik immer wieder staunen machen: Mal setzt eine zackig geführte Violin-Solostimme eine stachelige Rose ins Bild, mal sorgen Traversflöten für eine pastorale Atmosphäre, mal macht ein schwerer Lamento-Bass die Mühsal der irdischen Wanderung deutlich, mal bringt eine Oboe Seelentöne ins Spiel. Für die (hoch konzentrierte) Exegese der Exegese sorgen die Ausführenden, denn sie arbeiten klar die barocke Bildlichkeit und auch die theologischen Verweise in der Musik heraus. So bietet tatsächlich jede der zehn CD-Boxen zahlreiche Momente des Staunens und der Erkenntnis, in denen Bach immer wieder die Zerrissenheit des Menschen zwischen Himmel und Hölle, Schwere und Leichtigkeit, Schmerz und Zuversicht in Töne fasst. Dieser sei „ein armer Erdenkloß“, so (auf Vol. 4) die Kantate BWV 138; Bach zeichnet dieses Bild sprechend nach, setzt ihm aber auch Glaubenszuversicht entgegen. Unter den Solistinnen und Solisten, die aus dem Chor heraustreten, sind viele sehr gute, auf Vol. 10 zählen dazu vor allem der Bass Tobias Berndt, der Tenor Benedikt Kristjansson, die Sopranistin Miriam Feuersinger und die Altisten Alex Potter und Marie Henriette Reinhold.

Im Booklet muss man zwar zwischen Trackliste, Kantatentext, Kommentar und Besetzung hin und her blättern, doch man kann sehr viel lernen. Unter anderem bekommt man einen Eindruck von der Komplexität der Entstehung wie der Quellenforschung – und damit auch von der detektivischen wissenschaftlichen Arbeit, die unerlässlich ist. Das Ziel – zu zeigen, wie vielfältig Bachs Kantaten sind und wie zeitlos ihre Inhalte – hat die Bachakademie bravourös erreicht. „Es könnte“, so Hans-Christoph Rademann, „eine Gesamtaufnahme werden. Die Geschichte der Bach-Kantaten ist noch nicht auserzählt, man kann noch viel dazu sagen.“

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