„Begabter als Felix“
Als erste Pianistin überhaupt nimmt Ana-Marija Markovina das Gesamtwerk von Fanny Mendelssohn-Hensel auf

Sie ist die Frau für die großen Projekte – und für spannende Entdeckungen. Ana-Marija Markovina hat die Gesamtwerke für Klavier von Anton Urspruch, Luise Adolpha Le Beau, Hugo Wolf, Anton Bruckner, Carl Philipp Emanuel Bach (auf 26 CDs) und zuletzt von Felix Mendelssohn (auf zwölf CDs) aufgenommen. Nun ist bei Hänssler eine Vier-CD-Box mit der ersten Hälfte des Gesamtwerks von Fanny Mendelssohn-Hensel erschienen. Passenderweise gab Ana-Marija Markovina am 14. Mai, an Fannys Todestag, ein Konzert in der Mendelssohn-Remise in Berlin, und wir trafen uns am Vortag im Hotelfoyer. In Kroatien geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen, hat Ana-Marija Markovina in Detmold, Weimar und Berlin studiert und lebt jetzt in Köln und Kroatien. Sie ist eine muntere, eloquente Gesprächspartnerin, von Müdigkeit war nichts zu spüren, obwohl sie den Tag im Auto verbracht hatte.
Frau Markovina, wie sind Sie dazu gekommen, sich mit Fanny Mendelssohn-Hensel zu beschäftigen? Und was hat Sie gereizt, so sehr in die Tiefe zu gehen?
Angefangen hat es im Grunde mit Carl Philipp Emanuel Bach, der ja vergessen wurde wegen des anderen großen Hamburgers: Felix Mendelssohn. Ich habe angefangen, mich mit Felix zu beschäftigen, und prompt hat mich Günter Hänssler gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, alles von ihm einzuspielen. Eigentlich mache ich ja nur noch Gesamteinspielungen, ich will auch gar nichts anderes mehr. Wenn ich mich in etwas vertiefe, dann mit Haut und Haaren, dann will ich wirklich alles wissen. Und so habe ich mich bei Felix Mendelssohn natürlich auch intensiv mit seiner Familie beschäftigt, mit seiner Erziehung, mit dem Geist, der in der Familie herrschte, Felix’ Vater war ja ein Sohn des Philosophen Moses Mendelssohn. Da kommt man an Fanny nicht vorbei. Und wenn man die Werke der beiden nebeneinander sieht, ergibt sich ein erstaunliches Bild. Wenn man ganz ehrlich ist, ist Felix manchmal ein bisschen zu elegant, zu gefällig. Und gleichzeitig ist er oft ein bisschen sperrig. Viele Noten waren noch nicht herausgegeben worden, ich habe vieles neu entdeckt – oder von Roberto Proseda bekommen, mit dem ich in gutem Kontakt stand. Und in den vielen Skizzen, in diesem ganzen Work in Progress, sieht man, dass die Ansätze im Grunde genommen aufregender waren als die spätere Ausführung. Er hat Variationen, die widerspenstig sind, aus den Variations serieuses herausgenommen, er hat Tempi angepasst, er hat darauf geachtet – vielleicht achten müssen, dass seine Werke gut spielbar waren und beim Publikum ankamen. Und wenn ich mir zwischendurch Stücke von Fanny angesehen habe, die etwa in Briefen erwähnt wurden, dann fand ich sie ehrlich gesagt spannender. Sie hat mich so fasziniert, dass mir irgendwann klar war: Mir ihr muss ich mich genauso intensiv beschäftigen. Und das heißt bei mir: nicht nur die Rosinen rauszupicken, sondern alles einzuspielen. Den Menschen in seiner Ganzheit begreifen: Sie lernen erst das Kind kennen, Sie lernen den jungen Menschen kennen, Sie verfolgen seine Entwicklungsschübe, Sie lernen ihn in seinen Krisen kennen – das sind meist die besten Momente in einer Biografie –, und schließlich lernen Sie das sogenannte Spätwerk kennen, wo es ein bisschen transzendenter wird. Wobei die beiden Mendelssohns so jung gestorben sind, dass man von Transzendenz eigentlich nicht sprechen kann.
Es heißt immer, Fanny habe sich von Felix inspirieren lassen. Fanny war drei Jahre älter – es war natürlich umgekehrt! Sie war sein Vorbild, er hat von ihr gelernt. Und jetzt wird es psychologisch interessant: Felix musste gefallen. Es wurde von ihm erwartet, dass er Karriere macht, dass er auch die Familie international vertritt, dass er europaweit ein Star wird. Und Felix hat verbissen gearbeitet. Er hat sich im Grunde genommen zu Tode gearbeitet. Sein Schlaganfall ist sicherlich zum Teil einer Überarbeitung geschuldet. Fanny hingegen hatte zwar den Schmerz, dass sie nicht publizieren durfte, aber das war ein süßer Schmerz. Denn Fanny hatte etwas, was Felix nicht hatte: Zeit. Wir alle werden permanent gehetzt, wir müssen immer liefern und ständig bereit sein. Aber Fanny hatte Zeit, sich zu entwickeln und in Ruhe zu arbeiten. Sie musste auch kein Geld verdienen, weil sie aus einem wohlhabenden Haus kam. Fanny hatte eine großartige Ausbildung. Sie wurde 1805 geboren, ins ausklingende Zeitalter der Aufklärung, also des Zeitalters der Vernunft. Einer der wichtigsten Aufklärer war ihr Großvater, und einer von dessen Lieblingssöhnen war Abraham, der diesen Geist wiederum an seine vier Kinder weitergegeben hat. Da war das Ideal für eine Frau natürlich nicht das Heimchen am Herd.
Aber die gängige Erzählung sagt, dass Fanny zwar eine großartige Ausbildung bekam, aber ab einem gewissen Punkt nicht weitermachen durfte als Musikerin – weil sie eine Frau war.
Jetzt sind wir bei meinem Lieblingsthema. Welche Möglichkeiten hatte ein Musiker denn? Felix ist mit neunzehn Jahren nach England gereist, er musste durch die Welt reisen, um sich einen Namen zu machen. Fanny hatte da schon die Sonntagsmusiken im Gartensaal des Anwesens an der Leipziger Straße ins Leben gerufen. Der fasste dreihundert Menschen, und alle vierzehn Tage fanden Konzerte statt, in denen sie oft selbst spielte. Ins Schauspielhaus gingen etwas mehr hinein, aber da wollte sie gar nicht hin. Da spielten Moscheles, Kalkbrenner und so weiter, dieses Marktschreierische fand sie unter ihrem Niveau. Ihre Götter hießen Bach und Beethoven – ihr Sohn hieß bezeichnenderweise Sebastian Ludwig Felix. Sie selbst wollte sich gar nicht diesem Markt stellen. Mit dem Mendelssohn’schen Gartensaal hatte sie eine elitäre Kulturstätte geschaffen, bei den Sonntagsmusiken war tout Berlin da, etwas Besseres gab es in der preußischen Hauptstadt nicht. Sie hat einen Chor gegründet, sie hat dirigiert, die Musiker der Hofkapelle haben regelmäßig gespielt, es wurden Oratorien und Singspiele aufgeführt. Fanny war eine Institution, und sie wurde von den anderen Musikern als Kollegin gesehen, man hat sie sehr ernst genommen.
Sie wollte keine große Karriere machen?
Nicht als Virtuosin. Sie wollte als Komponistin ernst genommen werden. Und das bedeutete: Sie musste publizieren. Und das war der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen. Weil es in der Familie hieß: Wie sieht das denn aus, wenn es in der Zeitung eine schlechte Kritik gibt! Das könnte dich verletzen, dann ist dein Name beschmutzt. Sie hat gesagt: Das halte ich aus. Es gab ein Gerangel darum, aber als sie vierzig war, fing sie an zu publizieren. Man hat es ihr erlaubt, es hat nur länger gedauert. Aber schon bis dahin hatte sie sich verwirklicht. Und wir Nachgeborenen haben das unfassbare Glück, diese Musik geerbt zu haben.
Wenn sie nicht so früh gestorben wäre, dann hätte sie mehr veröffentlicht? Und wäre in der Öffentlichkeit anerkannt worden?
Selbstverständlich. Sie hatte ja gerade erst angefangen, sie ist nur bis Opus 11 gekommen und dann leider an einem Schlaganfall während der Proben zu einer Sonntagsmusik gestorben.
Und nun die Kernfrage: Ist das wirklich gute Musik?
Seit ich angefangen habe, mich mit Fanny zu beschäftigen, entwickelt sich die Sache als ein einziges Crescendo. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Ihre Musik ist – wie soll ich sagen? – so persönlich, so kompromisslos, so bedingungslos –, so kann nur jemand schreiben, der nichts zu verlieren hat. Sie musste nämlich nicht gefallen. Ihre Musik ist aufregend. Und sie ist experimentell. Fanny hatte die Chuzpe, Dinge auszuprobieren. Es gibt auch Sachen, wo man denkt, na ja. Aber das meiste ist atemberaubend. Ich finde sie tatsächlich begabter als Felix.
Sie nehmen ja über achtzig Werke zum ersten Mal auf. Wo finden Sie die Noten?
Es gibt eine Internetplattform, Henselpushers, da sind sehr viele Noten zusammengetragen. Man muss sie vorsichtshalber immer noch mal mit den Handschriften vergleichen, die der Preußische Kulturbesitz online gestellt hat. Wenn man allerdings auch die Fragmente und Skizzen zusammentragen will, muss man sich auf die Suche machen, meine Assistentin Paula Muthig hat Archive in aller Welt angeschrieben, wie schon bei Felix. Das ist dann schon Arbeit.

Wie kann es sein, dass noch niemand das Gesamtwerk aufgenommen hat?
Das frage ich mich auch die ganze Zeit. Ich habe ja Anton Urspruch und Buckner und Hugo Wolf und vor allem C. P. E. Bach aufgenommen, und jedesmal frage ich mich: Wie kann das sein, dass das noch nie jemand gespielt hat? Gehen Sie an die Musikhochschulen, und gucken Sie, was da für ein Geist herrscht. Alle spielen dieselben Stücke, man bereitet sich auf seine Prüfungen vor, geht zu den Wettbewerben. Vielleicht wechselt mal das Pflichtstück, und dann lernt man was Neues. Aber im Grunde geht es immer nur um den Kanon. Den müssen Sie einfach spielen, wenn Sie jung sind und spielen wollen. Und wenn Sie älter sind, haben Sie meist nicht mehr die Kapazitäten, sich mit Neuem zu beschäftigen.
Ich habe mein Leben anders eingerichtet: Ich wollte nie auf eine Stelle, ich arbeite völlig frei und muss zum Glück nicht mein Geld damit verdienen. Deshalb kann ich solche Projekte machen. Deshalb kann ich mich mit Fannys Persönlichkeit beschäftigen, kann ihre Briefe lesen und die Familiengeschichte studieren. Es gibt nicht viele, die diese Freiheit haben. Und ich habe trotzdem meine Karriere, ich habe ja geschätzte 2.500 Solokonzerte gespielt und fast siebzig CDs aufgenommen. Trotzdem staune ich, warum hat das noch niemand gespielt? Vielleicht mal hier oder da ein Lied. Ich war in der Jury des Mendelssohn-Wettbewerbs in Berlin. Das pianistische Niveau war sehr hoch. Da musste man mindestens zwei „Lieder ohne Worte“ spielen. Und eine ganze Reihe der jungen Leute haben dieses dicke Buch mit den Noten genommen und haben Nummer 1 und Nummer 2 gelernt. Mit mehr haben sie sich nicht beschäftigt. Das ist doch verrückt! Ich habe mich ja in meiner Dissertation mit der Situation junger Pianistinnen und Pianisten beschäftigt. Wie macht man heute Karriere? Bestimmt nicht, indem man zu Hause wie besessen arbeitet. Man muss einfach bestimmte Kriterien erfüllen, die die Veranstalter und die Agenturen und der Markt vorgeben, wenn man vom Klavierspielen leben will. Das ist wahnsinnig schwierig.
Wie viel Musik von Fanny Hensel wird denn am Ende zusammenkommen?
Es sind für Klavier 165 Stücke. Die hat Renate Hellwig-Unruh bereits katalogisiert, deshalb tragen die Werke H-Nummern. Es gibt aber verschiedene Versionen, und ich weiß noch nicht, wie viele ich davon spielen werde. Und ich bin immer noch mitten in der Suche nach Skizzen und Fragmenten. Das ist eine tolle Arbeit. Fanny war so leidenschaftlich. Und zugleich intellektuell. Sie hatte eine ganz hohe Bildung. Sie sprach mehrere Sprachen. Sie war wahnsinnig belesen. Und dann hat sie ihr Herz auf die Tasten gelegt. Ihre Musik ist aufregend. Ihre Musik ist anders. Sie ist melodiöser und schöner als Liszt, aber ungefähr genauso virtuos. Nie oberflächlich, nie reine Virtuosität, nie gefällig. Und als sie dann angefangen hat zu veröffentlichen, als sie ihre Werke zusammengesucht und redigiert hat, da merkt man, wie sie plötzlich nachgedacht hat und Skrupel bekam. Da hat sie zuerst leichtere Stücke veröffentlicht, Opus 2 ist relativ leicht zu spielen, wie überhaupt alle „Lieder ohne Worte“, op. 2, 4, 5, 6 und 8. Sie wollte, dass ihre Stücke gespielt werden. Die Höllenstücke hat sie in der Schublade gelassen.
Aber wer sich jetzt alles durchhört, der muss auch durch ein paar weniger gelungene Werke?
Na, es ist meine Aufgabe, die so klingen zu lassen, als seien sie gelungen. Es gibt zum Beispiel eine Etüde, H 333, da merkt man, die hat sie nicht selber gespielt. Schauen Sie hier auf die Noten, das ist eigentlich Unsinn. Das kann man gar nicht spielen.
Und was machen Sie jetzt damit?
Das weiß ich noch nicht. (lacht)
Wie viele CDs werden es?
Es werden auf jeden Fall zwei Boxen. In der ersten sind vier CDs, die zweite wird noch mal vier oder fünf CDs umfassen.
Freuen sich denn die Veranstalter, dass es plötzlich viel neues und gutes Repertoire einer Komponistin gibt? Sie müssten sich doch vor Einladungen nicht mehr retten können.
Ganz schlechtes Thema. (lacht) Der Klassikbranche geht es nicht gut, der Kuchen wird immer kleiner. Ich habe keine Lust auf dieses Getümmel. Ich hab früher zu viel gespielt. Und mit Corona wusste ich, es ist eigentlich vorbei. Ich habe meine Dissertation abgeschlossen, habe einen Podcast gegründet, habe mit Paula Muthig zusammen einen fantastischen Klavierwettbewerb für Amateure ins Leben gerufen, gebe Meisterkurse, habe einen zweiten Wohnsitz in Kroatien bezogen.
Aber Sie gehen doch gern auf die Bühne!
Natürlich. Aber ich mag mich nicht anbieten. Und da ändert die Fanny auch nichts dran.
Alle reden davon, dass man mehr Musik von Frauen spielen müsse.
Das sind alles Lippenbekenntnisse. Es geht der Kulturszene nicht gut, es herrschen Misstrauen, Zukunftsängste, keine Planbarkeit. Das schränkt die Kreativität ein. Natürlich gehe ich gerne auf die Bühne. Und ich war immer fleißig, ich bin ein Workaholic. Ich schreibe ja auch noch Bücher und Artikel. Ich hab fast siebzig Klavierkonzerte im Repertoire, das dritte von Tschaikowsky und Urspruch und Berwald und Heucke und Dora Pejacevic und Clara Schumann und so weiter. Aber gefragt sind immer dieselben Konzerte. Erst kommt der eine Pianist, dann kommt der zweite Pianist, der genau dasselbe spielt. Die können auch nicht mehr spielen – weil sie dann ins Risiko gehen und möglicherweise mal einen Fehler spielen würden. Die sollten lieber ein Buch lesen und dürften für jedes Buch eine falsche Note spielen. Das wäre ein guter Tarif. Aber alle üben und üben immer dasselbe – und kaum jemand zeigt sich als Persönlichkeit. Ich übertreibe natürlich. Aber beim Wettbewerb letztens dachte ich, ich verhungere. Und dann macht eine Pianistin ein Rubato, wo es nicht in den Noten steht, und es heißt sofort: Na, das geht aber nicht. Keiner traut sich mehr was!
Aber im Grunde glauben Sie doch noch daran, dass Sie viele Menschen erreichen.
Ich war noch nie adressatenbezogen. (lacht) Ich mache nichts, um zu gefallen. Ich mache etwas, weil ich es für richtig halte. Fakt ist: Ich brenne dafür. Das ist der Brentano’sche Evidenzvorsprung. Ich weiß, was ich empfinde. Ich muss das machen. Und wenn ich dafür brenne, dann kommt meistens etwas Vernünftiges dabei raus, weil da mein Blut drinsteckt.
Sie genießen Ihren Beruf nach wie vor, oder?
Das einzige Eklige an meinem Beruf ist, dass man sich anbieten muss. Ansonsten macht alles Spaß! Auch das Aufnehmen, ich liebe das, da bin ich im Flow, ich bin im Rausch. Bei C. P. E. haben wir die letzten Sachen zwölf Tage am Stück aufgenommen. Da mussten wir den Tonmeister wechseln. (lacht)
Dass der Tag vorbei ist, merke ich dann eigentlich nur daran, dass ich meine Hände nicht mehr spüre. Wenn die Präzision nachlässt, weiß ich: Jetzt bin ich durch. Seit fast zehn Jahren nehme ich übrigens nur noch mit einer Tonmeisterin auf: Kaling Hanke. Sie ist großartig und versteht meine Musik. Ihr vertraue ich blind.
Sie sind in Deutschland aufgewachsen, gelten aber immer als kroatische Pianistin.
Ich hab zwei Pässe, aber seit wir nun in Kroatien wohnen, in der Villa Lisinski in Varazdin, wo ich auch jedes Jahr im Sommer Klavierferien abhalte, merke ich, dass ich Kroatin bin. Wir haben zwei Wohnsitze. Im alten Familienhaus meines Mannes in Köln stehen neun Klaviere, da gebe ich ebenfalls Kurse, und da ist auch unser Büro. Ich bin viel unterwegs. Ich hätte nicht so viel Energie, wäre ich nicht auch Homöopathin. Ich bin wie der Duracell-Hase. (lacht)
Jetzt bin ich gespannt aufs Konzert morgen.
Wundern Sie sich nicht: Die „Ostersonate“ spiele ich vom iPad. Die Leute fragen immer, warum spielen Sie das nicht auswendig? Das liegt an der puren Menge, Fanny und Felix haben zusammen vierhundert Stücke geschrieben. Die „Ostersonate“ ist sauschwer. Der erste Satz ist erzählerisch, der zweite ist langsam, aber im dritten schreibt sie nur Doppelgriffe. Und es ist trotzdem tolle Musik. Es ist anspruchsvoll, es ist groß, schwer, hat eine Vision. Es hat Witz, es hat Tiefe. Wenn Sie in die CDs reinhören, werden Sie merken: Sie hören alles. Jede menschliche Stimmung, Wut, Enttäuschung, Einsamkeit. Trauer, Schmerz, Abschied, Zweifel, Erschöpfung, aber auch überschwängliche Freude, Intelligenz und Ironie, Sie hören das alles. Fanny Mendelssohn hat einfach großartige Musik geschrieben! Punkt.
Sie ist die Frau für die großen Projekte – und für spannende Entdeckungen. Ana-Marija Markovina hat die Gesamtwerke für Klavier von Anton Urspruch, Luise Adolpha Le Beau, Hugo Wolf, Anton Bruckner, Carl Philipp Emanuel Bach (auf 26 CDs) und zuletzt von Felix Mendelssohn (auf zwölf CDs) aufgenommen. Nun ist bei Hänssler eine Vier-CD-Box mit der ersten Hälfte des Gesamtwerks von Fanny Mendelssohn-Hensel erschienen. Passenderweise gab Ana-Marija Markovina am 14. Mai, an Fannys Todestag, ein Konzert in der Mendelssohn-Remise in Berlin, und wir trafen uns am Vortag im Hotelfoyer. In Kroatien geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen, hat Ana-Marija Markovina in Detmold, Weimar und Berlin studiert und lebt jetzt in Köln und Kroatien. Sie ist eine muntere, eloquente Gesprächspartnerin, von Müdigkeit war nichts zu spüren, obwohl sie den Tag im Auto verbracht hatte.
Frau Markovina, wie sind Sie dazu gekommen, sich mit Fanny Mendelssohn-Hensel zu beschäftigen? Und was hat Sie gereizt, so sehr in die Tiefe zu gehen?
Angefangen hat es im Grunde mit Carl Philipp Emanuel Bach, der ja vergessen wurde wegen des anderen großen Hamburgers: Felix Mendelssohn. Ich habe angefangen, mich mit Felix zu beschäftigen, und prompt hat mich Günter Hänssler gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, alles von ihm einzuspielen. Eigentlich mache ich ja nur noch Gesamteinspielungen, ich will auch gar nichts anderes mehr. Wenn ich mich in etwas vertiefe, dann mit Haut und Haaren, dann will ich wirklich alles wissen. Und so habe ich mich bei Felix Mendelssohn natürlich auch intensiv mit seiner Familie beschäftigt, mit seiner Erziehung, mit dem Geist, der in der Familie herrschte, Felix’ Vater war ja ein Sohn des Philosophen Moses Mendelssohn. Da kommt man an Fanny nicht vorbei. Und wenn man die Werke der beiden nebeneinander sieht, ergibt sich ein erstaunliches Bild. Wenn man ganz ehrlich ist, ist Felix manchmal ein bisschen zu elegant, zu gefällig. Und gleichzeitig ist er oft ein bisschen sperrig. Viele Noten waren noch nicht herausgegeben worden, ich habe vieles neu entdeckt – oder von Roberto Proseda bekommen, mit dem ich in gutem Kontakt stand. Und in den vielen Skizzen, in diesem ganzen Work in Progress, sieht man, dass die Ansätze im Grunde genommen aufregender waren als die spätere Ausführung. Er hat Variationen, die widerspenstig sind, aus den Variations serieuses herausgenommen, er hat Tempi angepasst, er hat darauf geachtet – vielleicht achten müssen, dass seine Werke gut spielbar waren und beim Publikum ankamen. Und wenn ich mir zwischendurch Stücke von Fanny angesehen habe, die etwa in Briefen erwähnt wurden, dann fand ich sie ehrlich gesagt spannender. Sie hat mich so fasziniert, dass mir irgendwann klar war: Mir ihr muss ich mich genauso intensiv beschäftigen. Und das heißt bei mir: nicht nur die Rosinen rauszupicken, sondern alles einzuspielen. Den Menschen in seiner Ganzheit begreifen: Sie lernen erst das Kind kennen, Sie lernen den jungen Menschen kennen, Sie verfolgen seine Entwicklungsschübe, Sie lernen ihn in seinen Krisen kennen – das sind meist die besten Momente in einer Biografie –, und schließlich lernen Sie das sogenannte Spätwerk kennen, wo es ein bisschen transzendenter wird. Wobei die beiden Mendelssohns so jung gestorben sind, dass man von Transzendenz eigentlich nicht sprechen kann.
Es heißt immer, Fanny habe sich von Felix inspirieren lassen. Fanny war drei Jahre älter – es war natürlich umgekehrt! Sie war sein Vorbild, er hat von ihr gelernt. Und jetzt wird es psychologisch interessant: Felix musste gefallen. Es wurde von ihm erwartet, dass er Karriere macht, dass er auch die Familie international vertritt, dass er europaweit ein Star wird. Und Felix hat verbissen gearbeitet. Er hat sich im Grunde genommen zu Tode gearbeitet. Sein Schlaganfall ist sicherlich zum Teil einer Überarbeitung geschuldet. Fanny hingegen hatte zwar den Schmerz, dass sie nicht publizieren durfte, aber das war ein süßer Schmerz. Denn Fanny hatte etwas, was Felix nicht hatte: Zeit. Wir alle werden permanent gehetzt, wir müssen immer liefern und ständig bereit sein. Aber Fanny hatte Zeit, sich zu entwickeln und in Ruhe zu arbeiten. Sie musste auch kein Geld verdienen, weil sie aus einem wohlhabenden Haus kam. Fanny hatte eine großartige Ausbildung. Sie wurde 1805 geboren, ins ausklingende Zeitalter der Aufklärung, also des Zeitalters der Vernunft. Einer der wichtigsten Aufklärer war ihr Großvater, und einer von dessen Lieblingssöhnen war Abraham, der diesen Geist wiederum an seine vier Kinder weitergegeben hat. Da war das Ideal für eine Frau natürlich nicht das Heimchen am Herd.
Aber die gängige Erzählung sagt, dass Fanny zwar eine großartige Ausbildung bekam, aber ab einem gewissen Punkt nicht weitermachen durfte als Musikerin – weil sie eine Frau war.
Jetzt sind wir bei meinem Lieblingsthema. Welche Möglichkeiten hatte ein Musiker denn? Felix ist mit neunzehn Jahren nach England gereist, er musste durch die Welt reisen, um sich einen Namen zu machen. Fanny hatte da schon die Sonntagsmusiken im Gartensaal des Anwesens an der Leipziger Straße ins Leben gerufen. Der fasste dreihundert Menschen, und alle vierzehn Tage fanden Konzerte statt, in denen sie oft selbst spielte. Ins Schauspielhaus gingen etwas mehr hinein, aber da wollte sie gar nicht hin. Da spielten Moscheles, Kalkbrenner und so weiter, dieses Marktschreierische fand sie unter ihrem Niveau. Ihre Götter hießen Bach und Beethoven – ihr Sohn hieß bezeichnenderweise Sebastian Ludwig Felix. Sie selbst wollte sich gar nicht diesem Markt stellen. Mit dem Mendelssohn’schen Gartensaal hatte sie eine elitäre Kulturstätte geschaffen, bei den Sonntagsmusiken war tout Berlin da, etwas Besseres gab es in der preußischen Hauptstadt nicht. Sie hat einen Chor gegründet, sie hat dirigiert, die Musiker der Hofkapelle haben regelmäßig gespielt, es wurden Oratorien und Singspiele aufgeführt. Fanny war eine Institution, und sie wurde von den anderen Musikern als Kollegin gesehen, man hat sie sehr ernst genommen.
Sie wollte keine große Karriere machen?
Nicht als Virtuosin. Sie wollte als Komponistin ernst genommen werden. Und das bedeutete: Sie musste publizieren. Und das war der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen. Weil es in der Familie hieß: Wie sieht das denn aus, wenn es in der Zeitung eine schlechte Kritik gibt! Das könnte dich verletzen, dann ist dein Name beschmutzt. Sie hat gesagt: Das halte ich aus. Es gab ein Gerangel darum, aber als sie vierzig war, fing sie an zu publizieren. Man hat es ihr erlaubt, es hat nur länger gedauert. Aber schon bis dahin hatte sie sich verwirklicht. Und wir Nachgeborenen haben das unfassbare Glück, diese Musik geerbt zu haben.
Wenn sie nicht so früh gestorben wäre, dann hätte sie mehr veröffentlicht? Und wäre in der Öffentlichkeit anerkannt worden?
Selbstverständlich. Sie hatte ja gerade erst angefangen, sie ist nur bis Opus 11 gekommen und dann leider an einem Schlaganfall während der Proben zu einer Sonntagsmusik gestorben.
Und nun die Kernfrage: Ist das wirklich gute Musik?
Seit ich angefangen habe, mich mit Fanny zu beschäftigen, entwickelt sich die Sache als ein einziges Crescendo. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Ihre Musik ist – wie soll ich sagen? – so persönlich, so kompromisslos, so bedingungslos –, so kann nur jemand schreiben, der nichts zu verlieren hat. Sie musste nämlich nicht gefallen. Ihre Musik ist aufregend. Und sie ist experimentell. Fanny hatte die Chuzpe, Dinge auszuprobieren. Es gibt auch Sachen, wo man denkt, na ja. Aber das meiste ist atemberaubend. Ich finde sie tatsächlich begabter als Felix.
Sie nehmen ja über achtzig Werke zum ersten Mal auf. Wo finden Sie die Noten?
Es gibt eine Internetplattform, Henselpushers, da sind sehr viele Noten zusammengetragen. Man muss sie vorsichtshalber immer noch mal mit den Handschriften vergleichen, die der Preußische Kulturbesitz online gestellt hat. Wenn man allerdings auch die Fragmente und Skizzen zusammentragen will, muss man sich auf die Suche machen, meine Assistentin Paula Muthig hat Archive in aller Welt angeschrieben, wie schon bei Felix. Das ist dann schon Arbeit.

Wie kann es sein, dass noch niemand das Gesamtwerk aufgenommen hat?
Das frage ich mich auch die ganze Zeit. Ich habe ja Anton Urspruch und Buckner und Hugo Wolf und vor allem C. P. E. Bach aufgenommen, und jedesmal frage ich mich: Wie kann das sein, dass das noch nie jemand gespielt hat? Gehen Sie an die Musikhochschulen, und gucken Sie, was da für ein Geist herrscht. Alle spielen dieselben Stücke, man bereitet sich auf seine Prüfungen vor, geht zu den Wettbewerben. Vielleicht wechselt mal das Pflichtstück, und dann lernt man was Neues. Aber im Grunde geht es immer nur um den Kanon. Den müssen Sie einfach spielen, wenn Sie jung sind und spielen wollen. Und wenn Sie älter sind, haben Sie meist nicht mehr die Kapazitäten, sich mit Neuem zu beschäftigen.
Ich habe mein Leben anders eingerichtet: Ich wollte nie auf eine Stelle, ich arbeite völlig frei und muss zum Glück nicht mein Geld damit verdienen. Deshalb kann ich solche Projekte machen. Deshalb kann ich mich mit Fannys Persönlichkeit beschäftigen, kann ihre Briefe lesen und die Familiengeschichte studieren. Es gibt nicht viele, die diese Freiheit haben. Und ich habe trotzdem meine Karriere, ich habe ja geschätzte 2.500 Solokonzerte gespielt und fast siebzig CDs aufgenommen. Trotzdem staune ich, warum hat das noch niemand gespielt? Vielleicht mal hier oder da ein Lied. Ich war in der Jury des Mendelssohn-Wettbewerbs in Berlin. Das pianistische Niveau war sehr hoch. Da musste man mindestens zwei „Lieder ohne Worte“ spielen. Und eine ganze Reihe der jungen Leute haben dieses dicke Buch mit den Noten genommen und haben Nummer 1 und Nummer 2 gelernt. Mit mehr haben sie sich nicht beschäftigt. Das ist doch verrückt! Ich habe mich ja in meiner Dissertation mit der Situation junger Pianistinnen und Pianisten beschäftigt. Wie macht man heute Karriere? Bestimmt nicht, indem man zu Hause wie besessen arbeitet. Man muss einfach bestimmte Kriterien erfüllen, die die Veranstalter und die Agenturen und der Markt vorgeben, wenn man vom Klavierspielen leben will. Das ist wahnsinnig schwierig.
Wie viel Musik von Fanny Hensel wird denn am Ende zusammenkommen?
Es sind für Klavier 165 Stücke. Die hat Renate Hellwig-Unruh bereits katalogisiert, deshalb tragen die Werke H-Nummern. Es gibt aber verschiedene Versionen, und ich weiß noch nicht, wie viele ich davon spielen werde. Und ich bin immer noch mitten in der Suche nach Skizzen und Fragmenten. Das ist eine tolle Arbeit. Fanny war so leidenschaftlich. Und zugleich intellektuell. Sie hatte eine ganz hohe Bildung. Sie sprach mehrere Sprachen. Sie war wahnsinnig belesen. Und dann hat sie ihr Herz auf die Tasten gelegt. Ihre Musik ist aufregend. Ihre Musik ist anders. Sie ist melodiöser und schöner als Liszt, aber ungefähr genauso virtuos. Nie oberflächlich, nie reine Virtuosität, nie gefällig. Und als sie dann angefangen hat zu veröffentlichen, als sie ihre Werke zusammengesucht und redigiert hat, da merkt man, wie sie plötzlich nachgedacht hat und Skrupel bekam. Da hat sie zuerst leichtere Stücke veröffentlicht, Opus 2 ist relativ leicht zu spielen, wie überhaupt alle „Lieder ohne Worte“, op. 2, 4, 5, 6 und 8. Sie wollte, dass ihre Stücke gespielt werden. Die Höllenstücke hat sie in der Schublade gelassen.
Aber wer sich jetzt alles durchhört, der muss auch durch ein paar weniger gelungene Werke?
Na, es ist meine Aufgabe, die so klingen zu lassen, als seien sie gelungen. Es gibt zum Beispiel eine Etüde, H 333, da merkt man, die hat sie nicht selber gespielt. Schauen Sie hier auf die Noten, das ist eigentlich Unsinn. Das kann man gar nicht spielen.
Und was machen Sie jetzt damit?
Das weiß ich noch nicht. (lacht)
Wie viele CDs werden es?
Es werden auf jeden Fall zwei Boxen. In der ersten sind vier CDs, die zweite wird noch mal vier oder fünf CDs umfassen.
Freuen sich denn die Veranstalter, dass es plötzlich viel neues und gutes Repertoire einer Komponistin gibt? Sie müssten sich doch vor Einladungen nicht mehr retten können.
Ganz schlechtes Thema. (lacht) Der Klassikbranche geht es nicht gut, der Kuchen wird immer kleiner. Ich habe keine Lust auf dieses Getümmel. Ich hab früher zu viel gespielt. Und mit Corona wusste ich, es ist eigentlich vorbei. Ich habe meine Dissertation abgeschlossen, habe einen Podcast gegründet, habe mit Paula Muthig zusammen einen fantastischen Klavierwettbewerb für Amateure ins Leben gerufen, gebe Meisterkurse, habe einen zweiten Wohnsitz in Kroatien bezogen.
Aber Sie gehen doch gern auf die Bühne!
Natürlich. Aber ich mag mich nicht anbieten. Und da ändert die Fanny auch nichts dran.
Alle reden davon, dass man mehr Musik von Frauen spielen müsse.
Das sind alles Lippenbekenntnisse. Es geht der Kulturszene nicht gut, es herrschen Misstrauen, Zukunftsängste, keine Planbarkeit. Das schränkt die Kreativität ein. Natürlich gehe ich gerne auf die Bühne. Und ich war immer fleißig, ich bin ein Workaholic. Ich schreibe ja auch noch Bücher und Artikel. Ich hab fast siebzig Klavierkonzerte im Repertoire, das dritte von Tschaikowsky und Urspruch und Berwald und Heucke und Dora Pejacevic und Clara Schumann und so weiter. Aber gefragt sind immer dieselben Konzerte. Erst kommt der eine Pianist, dann kommt der zweite Pianist, der genau dasselbe spielt. Die können auch nicht mehr spielen – weil sie dann ins Risiko gehen und möglicherweise mal einen Fehler spielen würden. Die sollten lieber ein Buch lesen und dürften für jedes Buch eine falsche Note spielen. Das wäre ein guter Tarif. Aber alle üben und üben immer dasselbe – und kaum jemand zeigt sich als Persönlichkeit. Ich übertreibe natürlich. Aber beim Wettbewerb letztens dachte ich, ich verhungere. Und dann macht eine Pianistin ein Rubato, wo es nicht in den Noten steht, und es heißt sofort: Na, das geht aber nicht. Keiner traut sich mehr was!
Aber im Grunde glauben Sie doch noch daran, dass Sie viele Menschen erreichen.
Ich war noch nie adressatenbezogen. (lacht) Ich mache nichts, um zu gefallen. Ich mache etwas, weil ich es für richtig halte. Fakt ist: Ich brenne dafür. Das ist der Brentano’sche Evidenzvorsprung. Ich weiß, was ich empfinde. Ich muss das machen. Und wenn ich dafür brenne, dann kommt meistens etwas Vernünftiges dabei raus, weil da mein Blut drinsteckt.
Sie genießen Ihren Beruf nach wie vor, oder?
Das einzige Eklige an meinem Beruf ist, dass man sich anbieten muss. Ansonsten macht alles Spaß! Auch das Aufnehmen, ich liebe das, da bin ich im Flow, ich bin im Rausch. Bei C. P. E. haben wir die letzten Sachen zwölf Tage am Stück aufgenommen. Da mussten wir den Tonmeister wechseln. (lacht)
Dass der Tag vorbei ist, merke ich dann eigentlich nur daran, dass ich meine Hände nicht mehr spüre. Wenn die Präzision nachlässt, weiß ich: Jetzt bin ich durch. Seit fast zehn Jahren nehme ich übrigens nur noch mit einer Tonmeisterin auf: Kaling Hanke. Sie ist großartig und versteht meine Musik. Ihr vertraue ich blind.
Sie sind in Deutschland aufgewachsen, gelten aber immer als kroatische Pianistin.
Ich hab zwei Pässe, aber seit wir nun in Kroatien wohnen, in der Villa Lisinski in Varazdin, wo ich auch jedes Jahr im Sommer Klavierferien abhalte, merke ich, dass ich Kroatin bin. Wir haben zwei Wohnsitze. Im alten Familienhaus meines Mannes in Köln stehen neun Klaviere, da gebe ich ebenfalls Kurse, und da ist auch unser Büro. Ich bin viel unterwegs. Ich hätte nicht so viel Energie, wäre ich nicht auch Homöopathin. Ich bin wie der Duracell-Hase. (lacht)
Jetzt bin ich gespannt aufs Konzert morgen.
Wundern Sie sich nicht: Die „Ostersonate“ spiele ich vom iPad. Die Leute fragen immer, warum spielen Sie das nicht auswendig? Das liegt an der puren Menge, Fanny und Felix haben zusammen vierhundert Stücke geschrieben. Die „Ostersonate“ ist sauschwer. Der erste Satz ist erzählerisch, der zweite ist langsam, aber im dritten schreibt sie nur Doppelgriffe. Und es ist trotzdem tolle Musik. Es ist anspruchsvoll, es ist groß, schwer, hat eine Vision. Es hat Witz, es hat Tiefe. Wenn Sie in die CDs reinhören, werden Sie merken: Sie hören alles. Jede menschliche Stimmung, Wut, Enttäuschung, Einsamkeit. Trauer, Schmerz, Abschied, Zweifel, Erschöpfung, aber auch überschwängliche Freude, Intelligenz und Ironie, Sie hören das alles. Fanny Mendelssohn hat einfach großartige Musik geschrieben! Punkt.
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