Musikgeschichte

Vom Salon mit Mozart ins Hofburgtheater

Von
Olaf A. Schmitt
Erschienen in der Printausgabe im
September 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Marianna Martines um 1780, Gemälde von Anton von Maron
Marianna Martines um 1780, Gemälde von Anton von Maron

Sie war eine herausragende Sängerin, Pianistin und Komponistin im Wien des 18. Jahrhunderts, wo sich bei ihren privat organisierten Konzerten und Salons die bedeutendsten Musikerinnen und Musiker ihrer Zeit trafen: die 1744 geborene Marianna Martines. Wolfgang Amadeus Mozart hatte Vergnügen daran, mit ihr vierhändig Klavier zu spielen. Ihr erster Lehrer war der junge Joseph Haydn, ihr vielfältiges kompositorisches Werk umfasst Vokal- und Instrumentalmusik, italienische Arien und sakrale Werke, Konzerte und Oratorien. Mit Pietro Metastasio, einem der bedeutendsten Librettisten der Musikgeschichte, dessen Operntexte hundertfach vertont wurden, verband sie eine lebenslange Freundschaft und Arbeitsbeziehung. Ihre Familien wohnten im selben Haus in Wien. Metastasios zahlreich als Vorlage verwendeter Text zum Oratorium „Isacco“ bildet die Grundlage für Martines’ größten Erfolg: In zwei Konzerten wurde 1782 ihr Oratorium im Wiener Hofburgtheater aufgeführt, wohl als einziges Werk einer Frau, die damit wahrscheinlich die einzige Möglichkeit ihres Lebens erhielt, eine umfangreiche Komposition einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen.

Nachdem im Juni 2025 das MusikTheater an der Wien im historischen Ambiente der mittlerweile aus Sparzwängen geschlossenen Kammeroper eine Inszenierung von „Isacco“ präsentiert hat, ist Marianna Martines’ Oratorium im kommenden Oktober auch in Deutschland zu hören: In einer konzertanten Aufführung bei den Kasseler Musiktagen wirken drei der fünf Sängerinnen und Sänger aus der Wiener Produktion mit. Die Hauptrolle des Isaak singt erneut der Sopranist Dennis Orellana, Isaaks Vater Abraham der Bariton Christian Senn. Das Staatsorchester Kassel spielt unter der Leitung von Ainārs Rubikis, die Chorpassagen werden vom Heinrich-Schütz-Ensemble übernommen, einstudiert von Eckhard Manz.

Charles Burney beschrieb ihre Musik als angenehme Mischung von Elementen älterer und neuerer Zeiten

Dass dieses Werk ausgerechnet in Kassel wieder zu erleben ist, hat auch mit der Rezeptionsgeschichte der Komponistin Marianna Martines zu tun. Mehrere ihrer Werke sind als Neuausgaben im Furore-Verlag zugänglich, der seit vierzig Jahren in bewundernswerter Weise ausschließlich Musik von Komponistinnen verlegt. So lässt sich diese jahrhundertelang vergessene Musik heute wieder erleben, deren herausragende Qualität von bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit, wie dem Komponisten Johann Adolf Hasse, gerühmt wurde. Die Wiener Schriftstellerin Caroline Pichler, die ihre musikalische Ausbildung wohl bei Haydn und Mozart erhalten hatte, wunderte sich wenige Jahrzehnte nach Martines’ Tod in ihrer Autobiografie über die mangelnde Präsenz von Frauen im Musikleben: „Es ist überhaupt eine seltsame Bemerkung […], dass es noch nie einer Frau gelungen ist, sich als schaffende Musikerin auszuzeichnen. Es gibt glückliche Malerinnen und Dichterinnen und wenn gleich nie eine Frau es in irgendeiner Kunst oder Wissenschaft so weit wie die Männer gebracht hat, so haben sie doch bedeutende Stufen erstiegen. In der Musik nicht. […] Nur zwei habe ich in meinem langen Leben und bei besonders in meiner Jugend häufigen Berührungen mit der musikalischen Welt gekannt, die sich mit Komposition beschäftigten, ein Fräulein von Martinez, Schülerin des berühmten Metastasio, der bei ihren Eltern lebte und sich die Ausbildung dieses, in vieler Hinsicht ausgezeichneten Frauenzimmers zum angenehmen Geschäft machte.“  Die andere war die blinde Pianistin Maria Theresia von Paradis.

Die besondere Qualität von Martines’ Kompositionen lobte auch der englische Musikschriftsteller Charles Burney, der 1772 mehrere Wochen lang das Musikleben in Wien verfolgte und seine Eindrücke im Tagebuch einer musikalischen Reise festhielt. Mehrmals war er im Hause Martines und Metastasio zu Gast und ließ sich von Marianna Martines einige ihrer Kompositionen vorführen. Eine Psalmvertonung beschrieb er als „sehr angenehme“ Mischung von „Harmonie und Arbeitsamkeit älterer, und Melodie und Geschmack neuerer Zeiten. Es war eine vortreffliche Komposition und sie spielte und sang sie auf eine recht meisterhafte Art, indem sie aus allen Stimmen das Nötigste so richtig herbeibrachte, dass nichts zu fehlen schien, obgleich es ein vollstimmiges Stück war“.

Mehrstimmige Kompositionen schrieb Martines einige, darunter vier Messen, Motetten und Psalmvertonungen, teilweise auch mit großer Orchesterbegleitung. Knapp einhundert Jahre nach ihrer Geburt und 34 Jahre nach ihrem Tod veröffentlichte 1846 Anton Schmid, Kurator der Wiener Hofbibliothek und einer der letzten Angehörigen ihrer Familie, einen kurzen Abriss ihrer Biografie unter dem vielsagenden Titel „Zwei musikalische Berühmtheiten Wien’s aus dem schönen Geschlechte in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts“. Darin zählte er auch die überlieferten Werke auf, zu denen 56 Arien und Kantaten, 31 Klaviersonaten und zwölf Klavierkonzerte gehören. Vieles davon schlummert noch in Archiven und harrt der Wiederentdeckung, doch in den vergangenen Jahrzehnten entstanden Aufnahmen der Werke Martines’ unter anderem mit den Sängerinnen Nuria Rial und Anna Bonitatibus. Immer wieder schaffen es Kompositionen auf die Spielpläne, 2023 dirigierte Fabio Luisi ihre C-Dur-Sinfonie bei den Berliner Philharmonikern. Das 2010 von Irving Godt veröffentlichte Buch über die Komponistin inspiriert zu zahlreichen Entdeckungen ihrer Musik.

Die von Burney und Metastasio gelobte Mischung von traditionellen und innovativen Elementen in Martines’ Musik bietet auch ihre 1780 begonnene Komposition „Isacco. Figura del Redentore“ (Isaak, Vorbild des Erlösers). Metastasios Libretto, das mehr als fünfzig Mal vertont wurde, beruht auf der Erzählung im Alten Testament: Abraham erhält von Gott den Auftrag, seinen Sohn Isaak zu töten, was im allerletzten Moment durch einen Engel verhindert wird. Die biblische Handlung interpretierte Metastasio im dramatischen Sinn, wie er selbst in seiner Anmerkung zum Libretto schreibt: Ob Abraham mit seiner Frau Sara über den göttlichen Auftrag spricht, bleibt in der Bibel offen, im Oratorium tut er es, da es „nützlicher scheint für die Führung der Handlung, für die Bewegung der Affekte“. Mit Gamari, dem Freund Isaaks, führt Metastasio sogar eine weitere Person in die Geschichte ein, die in der Bibel nicht vorkommt. Martines lässt diese Rolle von einem Tenor singen. Seine beiden wie auch die meisten anderen Arien folgen zwar dem traditionellen Modell der Dacapo-Arie, doch Martines gestaltet sie mit den formalen Innovationen der Sonatenform. Dazwischen erzählen orchestral begleitete Rezitative die Handlung weiter, was dramatische und farbige Gestaltungsräume bietet. Diese sogenannten Accompagnati kennzeichnen den Stil der Opera seria, der Gattung, die Metastasios Libretti in besonderer Weise prägten. Bereits die letzten Klänge der Ouvertüre gehen unmittelbar in ein Accompagnato über. Martines integriert so die Ouvertüre direkt in das dramatische Geschehen, statt ihr Oratorium mit einem abgeschlossenen Vorspiel zu beginnen. Besonders im Finale ist ihr dramatischer Instinkt zu spüren, wenn Arie, Chor und Accompagnato mit quasi szenischem Gespür ineinandergreifen.

Besonders im Finale von „Isacco“ ist Martines’ dramatischer Instinkt zu spüren

Überhaupt spielt die Oper der damaligen Zeit auch für die sakralen Kompositionen eine wichtige Rolle. Mit solistischen Instrumenten werden emotionale Welten in einzelnen Arien besonders spürbar – ein Mittel, das schon in der Barockoper wirkungsvoll entfaltet wurde. Mit virtuosen Koloraturen lässt Martines die Sänger brillieren. Es ist gut möglich, dass mehrere Sänger aus der Besetzung von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ in „Isacco“ ihr Können erneut bewiesen haben, wie Irving Godt herausgefunden hat: Die anspruchsvolle Sopranpartie des Engels hat demnach Caterina Cavalieri, die Darstellerin der Konstanze in Mozarts Oper, übernommen. Für seine tiefen Basstöne und Koloraturen als Osmin wurde Ludwig Fischer bewundert, er müsse in „Isacco“ die herausfordernde Rolle des Abramo gesungen haben, meint Godt. Fischers Frau Barbara war in den Singspielen am Wiener Hof auf Mutterrollen abonniert, wahrscheinlich hat sie auch Isaaks Mutter Sara gesungen. Sie alle waren häufig in Konzerten der Wiener Tonkünstler-Societät zu hören, die ab 1771 zahlreiche Oratorien unter anderem von Haydn, Hasse und Antonio Salieri aufführen ließ und 1782 eben auch „Isacco“.

An diese zwei konzertanten Aufführungen knüpfen nun die Kasseler Musiktage an und führen so auch ihre eigene Tradition fort, herausragende Oratorien in Kassels bedeutendster Kirche St. Martin zu präsentieren. Zuletzt waren dort bei diesem seit über neunzig Jahren bestehenden Festival Louis Spohrs „Die letzten Dinge“ zu entdecken, aber auch Mendelssohns „Elias“ und „Paulus“ sowie Werke von Gioachino Rossini, Heinrich Schütz und Claudio Monteverdi zu hören. Diese Entdeckungsfreude prägt das Festival seit seinem Bestehen: Alte Musik in herausragenden Interpretationen gehört genauso zum Programm wie die Neugier auf innovative Klänge, außergewöhnliche Orte und Formate. So sind in diesem Jahr erneut das treppenhausorchester sowie das Stegreiforchester zu Gast, die Musik mit allen Sinnen überraschend erleben lassen.

Sie war eine herausragende Sängerin, Pianistin und Komponistin im Wien des 18. Jahrhunderts, wo sich bei ihren privat organisierten Konzerten und Salons die bedeutendsten Musikerinnen und Musiker ihrer Zeit trafen: die 1744 geborene Marianna Martines. Wolfgang Amadeus Mozart hatte Vergnügen daran, mit ihr vierhändig Klavier zu spielen. Ihr erster Lehrer war der junge Joseph Haydn, ihr vielfältiges kompositorisches Werk umfasst Vokal- und Instrumentalmusik, italienische Arien und sakrale Werke, Konzerte und Oratorien. Mit Pietro Metastasio, einem der bedeutendsten Librettisten der Musikgeschichte, dessen Operntexte hundertfach vertont wurden, verband sie eine lebenslange Freundschaft und Arbeitsbeziehung. Ihre Familien wohnten im selben Haus in Wien. Metastasios zahlreich als Vorlage verwendeter Text zum Oratorium „Isacco“ bildet die Grundlage für Martines’ größten Erfolg: In zwei Konzerten wurde 1782 ihr Oratorium im Wiener Hofburgtheater aufgeführt, wohl als einziges Werk einer Frau, die damit wahrscheinlich die einzige Möglichkeit ihres Lebens erhielt, eine umfangreiche Komposition einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen.

Nachdem im Juni 2025 das MusikTheater an der Wien im historischen Ambiente der mittlerweile aus Sparzwängen geschlossenen Kammeroper eine Inszenierung von „Isacco“ präsentiert hat, ist Marianna Martines’ Oratorium im kommenden Oktober auch in Deutschland zu hören: In einer konzertanten Aufführung bei den Kasseler Musiktagen wirken drei der fünf Sängerinnen und Sänger aus der Wiener Produktion mit. Die Hauptrolle des Isaak singt erneut der Sopranist Dennis Orellana, Isaaks Vater Abraham der Bariton Christian Senn. Das Staatsorchester Kassel spielt unter der Leitung von Ainārs Rubikis, die Chorpassagen werden vom Heinrich-Schütz-Ensemble übernommen, einstudiert von Eckhard Manz.

Charles Burney beschrieb ihre Musik als angenehme Mischung von Elementen älterer und neuerer Zeiten

Dass dieses Werk ausgerechnet in Kassel wieder zu erleben ist, hat auch mit der Rezeptionsgeschichte der Komponistin Marianna Martines zu tun. Mehrere ihrer Werke sind als Neuausgaben im Furore-Verlag zugänglich, der seit vierzig Jahren in bewundernswerter Weise ausschließlich Musik von Komponistinnen verlegt. So lässt sich diese jahrhundertelang vergessene Musik heute wieder erleben, deren herausragende Qualität von bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit, wie dem Komponisten Johann Adolf Hasse, gerühmt wurde. Die Wiener Schriftstellerin Caroline Pichler, die ihre musikalische Ausbildung wohl bei Haydn und Mozart erhalten hatte, wunderte sich wenige Jahrzehnte nach Martines’ Tod in ihrer Autobiografie über die mangelnde Präsenz von Frauen im Musikleben: „Es ist überhaupt eine seltsame Bemerkung […], dass es noch nie einer Frau gelungen ist, sich als schaffende Musikerin auszuzeichnen. Es gibt glückliche Malerinnen und Dichterinnen und wenn gleich nie eine Frau es in irgendeiner Kunst oder Wissenschaft so weit wie die Männer gebracht hat, so haben sie doch bedeutende Stufen erstiegen. In der Musik nicht. […] Nur zwei habe ich in meinem langen Leben und bei besonders in meiner Jugend häufigen Berührungen mit der musikalischen Welt gekannt, die sich mit Komposition beschäftigten, ein Fräulein von Martinez, Schülerin des berühmten Metastasio, der bei ihren Eltern lebte und sich die Ausbildung dieses, in vieler Hinsicht ausgezeichneten Frauenzimmers zum angenehmen Geschäft machte.“  Die andere war die blinde Pianistin Maria Theresia von Paradis.

Die besondere Qualität von Martines’ Kompositionen lobte auch der englische Musikschriftsteller Charles Burney, der 1772 mehrere Wochen lang das Musikleben in Wien verfolgte und seine Eindrücke im Tagebuch einer musikalischen Reise festhielt. Mehrmals war er im Hause Martines und Metastasio zu Gast und ließ sich von Marianna Martines einige ihrer Kompositionen vorführen. Eine Psalmvertonung beschrieb er als „sehr angenehme“ Mischung von „Harmonie und Arbeitsamkeit älterer, und Melodie und Geschmack neuerer Zeiten. Es war eine vortreffliche Komposition und sie spielte und sang sie auf eine recht meisterhafte Art, indem sie aus allen Stimmen das Nötigste so richtig herbeibrachte, dass nichts zu fehlen schien, obgleich es ein vollstimmiges Stück war“.

Mehrstimmige Kompositionen schrieb Martines einige, darunter vier Messen, Motetten und Psalmvertonungen, teilweise auch mit großer Orchesterbegleitung. Knapp einhundert Jahre nach ihrer Geburt und 34 Jahre nach ihrem Tod veröffentlichte 1846 Anton Schmid, Kurator der Wiener Hofbibliothek und einer der letzten Angehörigen ihrer Familie, einen kurzen Abriss ihrer Biografie unter dem vielsagenden Titel „Zwei musikalische Berühmtheiten Wien’s aus dem schönen Geschlechte in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts“. Darin zählte er auch die überlieferten Werke auf, zu denen 56 Arien und Kantaten, 31 Klaviersonaten und zwölf Klavierkonzerte gehören. Vieles davon schlummert noch in Archiven und harrt der Wiederentdeckung, doch in den vergangenen Jahrzehnten entstanden Aufnahmen der Werke Martines’ unter anderem mit den Sängerinnen Nuria Rial und Anna Bonitatibus. Immer wieder schaffen es Kompositionen auf die Spielpläne, 2023 dirigierte Fabio Luisi ihre C-Dur-Sinfonie bei den Berliner Philharmonikern. Das 2010 von Irving Godt veröffentlichte Buch über die Komponistin inspiriert zu zahlreichen Entdeckungen ihrer Musik.

Die von Burney und Metastasio gelobte Mischung von traditionellen und innovativen Elementen in Martines’ Musik bietet auch ihre 1780 begonnene Komposition „Isacco. Figura del Redentore“ (Isaak, Vorbild des Erlösers). Metastasios Libretto, das mehr als fünfzig Mal vertont wurde, beruht auf der Erzählung im Alten Testament: Abraham erhält von Gott den Auftrag, seinen Sohn Isaak zu töten, was im allerletzten Moment durch einen Engel verhindert wird. Die biblische Handlung interpretierte Metastasio im dramatischen Sinn, wie er selbst in seiner Anmerkung zum Libretto schreibt: Ob Abraham mit seiner Frau Sara über den göttlichen Auftrag spricht, bleibt in der Bibel offen, im Oratorium tut er es, da es „nützlicher scheint für die Führung der Handlung, für die Bewegung der Affekte“. Mit Gamari, dem Freund Isaaks, führt Metastasio sogar eine weitere Person in die Geschichte ein, die in der Bibel nicht vorkommt. Martines lässt diese Rolle von einem Tenor singen. Seine beiden wie auch die meisten anderen Arien folgen zwar dem traditionellen Modell der Dacapo-Arie, doch Martines gestaltet sie mit den formalen Innovationen der Sonatenform. Dazwischen erzählen orchestral begleitete Rezitative die Handlung weiter, was dramatische und farbige Gestaltungsräume bietet. Diese sogenannten Accompagnati kennzeichnen den Stil der Opera seria, der Gattung, die Metastasios Libretti in besonderer Weise prägten. Bereits die letzten Klänge der Ouvertüre gehen unmittelbar in ein Accompagnato über. Martines integriert so die Ouvertüre direkt in das dramatische Geschehen, statt ihr Oratorium mit einem abgeschlossenen Vorspiel zu beginnen. Besonders im Finale ist ihr dramatischer Instinkt zu spüren, wenn Arie, Chor und Accompagnato mit quasi szenischem Gespür ineinandergreifen.

Besonders im Finale von „Isacco“ ist Martines’ dramatischer Instinkt zu spüren

Überhaupt spielt die Oper der damaligen Zeit auch für die sakralen Kompositionen eine wichtige Rolle. Mit solistischen Instrumenten werden emotionale Welten in einzelnen Arien besonders spürbar – ein Mittel, das schon in der Barockoper wirkungsvoll entfaltet wurde. Mit virtuosen Koloraturen lässt Martines die Sänger brillieren. Es ist gut möglich, dass mehrere Sänger aus der Besetzung von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ in „Isacco“ ihr Können erneut bewiesen haben, wie Irving Godt herausgefunden hat: Die anspruchsvolle Sopranpartie des Engels hat demnach Caterina Cavalieri, die Darstellerin der Konstanze in Mozarts Oper, übernommen. Für seine tiefen Basstöne und Koloraturen als Osmin wurde Ludwig Fischer bewundert, er müsse in „Isacco“ die herausfordernde Rolle des Abramo gesungen haben, meint Godt. Fischers Frau Barbara war in den Singspielen am Wiener Hof auf Mutterrollen abonniert, wahrscheinlich hat sie auch Isaaks Mutter Sara gesungen. Sie alle waren häufig in Konzerten der Wiener Tonkünstler-Societät zu hören, die ab 1771 zahlreiche Oratorien unter anderem von Haydn, Hasse und Antonio Salieri aufführen ließ und 1782 eben auch „Isacco“.

An diese zwei konzertanten Aufführungen knüpfen nun die Kasseler Musiktage an und führen so auch ihre eigene Tradition fort, herausragende Oratorien in Kassels bedeutendster Kirche St. Martin zu präsentieren. Zuletzt waren dort bei diesem seit über neunzig Jahren bestehenden Festival Louis Spohrs „Die letzten Dinge“ zu entdecken, aber auch Mendelssohns „Elias“ und „Paulus“ sowie Werke von Gioachino Rossini, Heinrich Schütz und Claudio Monteverdi zu hören. Diese Entdeckungsfreude prägt das Festival seit seinem Bestehen: Alte Musik in herausragenden Interpretationen gehört genauso zum Programm wie die Neugier auf innovative Klänge, außergewöhnliche Orte und Formate. So sind in diesem Jahr erneut das treppenhausorchester sowie das Stegreiforchester zu Gast, die Musik mit allen Sinnen überraschend erleben lassen.