Der Frühvollendete
Julius Katchen war der Erste, der sämtliche Klavierwerke von Brahms aufgenommen hat. Zum hundertsten Geburtstag ist sein Brahms-Vermächtnis wieder zugänglich

Die Welt scheint ihren Frieden gefunden zu haben. Kurz vor Ende des Andante-Satzes aus dem zweiten Klavierkonzert von Johannes Brahms scheint die Musik zur Ruhe zu kommen. Daran schließen sich mehrere aufwärts geschraubte Triller an, bevor sich das zweite zentrale Instrument dieses Werkes, das Cello, einschaltet und der Satz auf seinen Schluss zusteuert. Diesen Moment des Ausatmens, des In-sich- und Bei-sich-Seins hat Julius Katchen in seiner Aufnahme vom April 1960 berührend festgehalten. Doch erst mit Beginn des folgenden Satzes wird klar: Dieser Schluss steht nicht isoliert und für sich! Katchen überführt die Gelassenheit vom Ende des dritten Satzes nahtlos in das Anfangsthema des vierten. So mutiert das Konzert zu einer großen Ballade, über die einzelnen Satzgrenzen hinweg.
Julius Katchen zählt zu den großen Pianisten des 20. Jahrhunderts, doch ist er nur noch einem kleinen Publikum bekannt. Am 15. August 1926 kommt er in Long Beach, New Jersey zur Welt. Musikalisch früh gefördert wird er von den Großeltern: Die Oma versorgt ihn am Klavier mit Etüden aus dem Czerny-Umfeld, der Opa kümmert sich um das musiktheoretische Gerüst: Kontrapunkt, Harmonielehre, ein bisschen Komposition. Außerdem vermittelt er dem Enkel Grundlagen des Geigenspiels.
Bereits als Elfjähriger debütiert Julius mit Mozarts d-Moll-Klavierkonzert und wird prompt vom Philadelphia Orchestra eingeladen. Katchen ist ein Überflieger, und das nicht nur musikalisch. Er erweist sich später als ausgezeichneter Schwimmer, er liebt Tischtennis und Baseball. Nach der Schulzeit besucht er das College und schließt als Jahrgangsbester ab, unter anderem in Philosophie. Seine Fähigkeiten sind so überragend, dass er kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein Stipendium an der Sorbonne in Paris erhält. Kaum eingetroffen, setzt er sich wieder ans Klavier und spielt beim ersten UNESCO-Festival sieben Konzerte binnen elf Tagen. Dieser sportive Einsatz wird kennzeichnend für seinen weiteren Weg: Katchen scheut keine Strapazen. Auch sein Repertoire wächst in raschem Tempo und deckt schon bald eine Bandbreite von Beethoven bis Bartók und Britten ab.
Die englische Decca bietet Katchen einen Vertrag an. 1949 nimmt er die f-Moll-Sonate von Johannes Brahms auf. Es ist eine der ersten europäischen Langspielplatten. Katchen ist erst 22 und damit nur zwei Jahre älter als Brahms zum Zeitpunkt der Komposition. Bereits in dieser frühen Aufnahme hören wir einen Pianisten mit Sinn für Zusammenhänge. Der orchestralen Auffächerung akkordischer Passagen stehen kammermusikalisch ausgeleuchtete Abschnitte entgegen, die einander wie selbstverständlich abwechseln. Manuelle Hürden scheint er keine zu kennen.
Katchen ist bald Teil des internationalen Jetsets. Binnen weniger Jahre bereist er mehr als vierzig Länder, gibt über hundert Konzerte jährlich, unter anderem mit zyklischen Brahms-Programmen in Paris, London und New York. Während einer Afrika-Tournee gibt er fünfzig Konzerte in 63 Tagen. Katchen scheint unaufhaltsam. Er spielt und spielt, selbst als in Ankara die Erde bebt und die Zuhörer – darunter der damalige Präsident İsmet İnönü – den Saal verlassen. Katchen aber setzt sein Programm fort, er fürchtet nur, dass „mir einer der gewaltig pendelnden Kristalllüster auf den Kopf fällt“. Auch während seiner Reisen zeigt Katchen vielfältige Interessen. So trägt er mehr als tausend japanische Minischnitzereien zusammen, sogenannte Netsuke, die er zu Hause in seiner Wahlheimat Paris aufbewahrt.
Katchen schien unaufhaltsam. Während einer Afrika-Tournee gab er fünfzig Konzerte in 63 Tagen
Als ihm seine Plattenfirma die Aufnahme sämtlicher 32 Beethoven-Sonaten vorschlägt, zieht Katchen Brahms vor. Eine Gesamteinspielung seiner Klavierwerke hat es bis dahin noch nicht gegeben. Katchen wird der Erste, der sich dieser Aufgabe stellt. Dabei legt er die Messlatte gleich so hoch, dass sein Erbe bis heute nachwirkt, ob in den wie berauscht wirkenden Paganini-Variationen oder in den mitreißenden Ungarischen Tänzen. In den späten Klavierstücken setzt Katchen auf einen nie herben, dafür oft herbstlich bunt schillernden Ton. Dass er einige dieser Werke mehrfach aufgenommen hat, zeigt die siebzehn CDs umfassende Brahms-Edition am Beispiel der Händel-Variationen: Alle drei Einspielungen (von 1949, 1958 und 1962) sind hier vertreten.
Auch jenseits von Brahms widmet sich Katchen immer wieder romantischer Musik: Schumanns „Carnaval“ und die Symphonischen Etüden zählen ebenso dazu wie die Sonaten von Chopin und die h-Moll-Sonate von Liszt. 1962 und 1964 macht Katchen für jeweils einen Tag Station beim RIAS in Berlin, wo er am 19. Februar 1962 die Aufnahmesitzungen mit Liszts h-Moll-Sonate eröffnet. Bei Liszt gelingen ihm hinreißende Momente, eingebettet in eine kluge Dramaturgie, etwa beim ersten „Grandioso“-Thema. Schon bevor er diesen Moment erreicht, werden die repetierenden Begleitakkorde zum entscheidenden Motor. Dadurch erhält das von Liszt geforderte „marcatissimo“ seine entscheidende Wirkung.
Julius Katchen ist kein Freund von Studioproduktionen, bei denen das fertige Band aus der Summe vieler Einzelschnipsel besteht. Lieber spielt er die kompletten Werke, wenn nötig auch mehrfach nacheinander. Vielleicht liegt darin ja ein Grund für die bis heute ungebrochene Wirkung seiner Kunst.
Bei der Wahl der von ihm dokumentierten Klavierkonzerte bewegt sich Katchen zwischen Schumann und Rachmaninow, Tschaikowsky und Bartók. Gern wird dabei übersehen, dass Katchen auch Kammermusiker war. So sind in der aktuellen Brahms-Edition auch bisher unveröffentlichte Aufnahmen der Brahms-Klarinettensonaten mit Michel Portal und die erste Cellosonate mit János Starker zu hören. Brahms’ Klaviertrios hat Katchen mit Josef Suk und mit János Starker festgehalten, die Violinsonaten mit Ruggiero Ricci und erneut Suk, die Klarinettensonaten außerdem mit Thea King.
1967 unternimmt Katchen eine letzte US-Tournee, im Dezember 1968 erleben wir ihn beim „Rock ’n’ Roll Circus“ der Rolling Stones. Im April 1969 stirbt der Ausnahmepianist mit 42 Jahren an den Folgen seiner Leukämieerkrankung. Der Weg einer weiteren künstlerischen Entwicklung bleibt dem Frühvollendeten verwehrt.
Die Welt scheint ihren Frieden gefunden zu haben. Kurz vor Ende des Andante-Satzes aus dem zweiten Klavierkonzert von Johannes Brahms scheint die Musik zur Ruhe zu kommen. Daran schließen sich mehrere aufwärts geschraubte Triller an, bevor sich das zweite zentrale Instrument dieses Werkes, das Cello, einschaltet und der Satz auf seinen Schluss zusteuert. Diesen Moment des Ausatmens, des In-sich- und Bei-sich-Seins hat Julius Katchen in seiner Aufnahme vom April 1960 berührend festgehalten. Doch erst mit Beginn des folgenden Satzes wird klar: Dieser Schluss steht nicht isoliert und für sich! Katchen überführt die Gelassenheit vom Ende des dritten Satzes nahtlos in das Anfangsthema des vierten. So mutiert das Konzert zu einer großen Ballade, über die einzelnen Satzgrenzen hinweg.
Julius Katchen zählt zu den großen Pianisten des 20. Jahrhunderts, doch ist er nur noch einem kleinen Publikum bekannt. Am 15. August 1926 kommt er in Long Beach, New Jersey zur Welt. Musikalisch früh gefördert wird er von den Großeltern: Die Oma versorgt ihn am Klavier mit Etüden aus dem Czerny-Umfeld, der Opa kümmert sich um das musiktheoretische Gerüst: Kontrapunkt, Harmonielehre, ein bisschen Komposition. Außerdem vermittelt er dem Enkel Grundlagen des Geigenspiels.
Bereits als Elfjähriger debütiert Julius mit Mozarts d-Moll-Klavierkonzert und wird prompt vom Philadelphia Orchestra eingeladen. Katchen ist ein Überflieger, und das nicht nur musikalisch. Er erweist sich später als ausgezeichneter Schwimmer, er liebt Tischtennis und Baseball. Nach der Schulzeit besucht er das College und schließt als Jahrgangsbester ab, unter anderem in Philosophie. Seine Fähigkeiten sind so überragend, dass er kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein Stipendium an der Sorbonne in Paris erhält. Kaum eingetroffen, setzt er sich wieder ans Klavier und spielt beim ersten UNESCO-Festival sieben Konzerte binnen elf Tagen. Dieser sportive Einsatz wird kennzeichnend für seinen weiteren Weg: Katchen scheut keine Strapazen. Auch sein Repertoire wächst in raschem Tempo und deckt schon bald eine Bandbreite von Beethoven bis Bartók und Britten ab.
Die englische Decca bietet Katchen einen Vertrag an. 1949 nimmt er die f-Moll-Sonate von Johannes Brahms auf. Es ist eine der ersten europäischen Langspielplatten. Katchen ist erst 22 und damit nur zwei Jahre älter als Brahms zum Zeitpunkt der Komposition. Bereits in dieser frühen Aufnahme hören wir einen Pianisten mit Sinn für Zusammenhänge. Der orchestralen Auffächerung akkordischer Passagen stehen kammermusikalisch ausgeleuchtete Abschnitte entgegen, die einander wie selbstverständlich abwechseln. Manuelle Hürden scheint er keine zu kennen.
Katchen ist bald Teil des internationalen Jetsets. Binnen weniger Jahre bereist er mehr als vierzig Länder, gibt über hundert Konzerte jährlich, unter anderem mit zyklischen Brahms-Programmen in Paris, London und New York. Während einer Afrika-Tournee gibt er fünfzig Konzerte in 63 Tagen. Katchen scheint unaufhaltsam. Er spielt und spielt, selbst als in Ankara die Erde bebt und die Zuhörer – darunter der damalige Präsident İsmet İnönü – den Saal verlassen. Katchen aber setzt sein Programm fort, er fürchtet nur, dass „mir einer der gewaltig pendelnden Kristalllüster auf den Kopf fällt“. Auch während seiner Reisen zeigt Katchen vielfältige Interessen. So trägt er mehr als tausend japanische Minischnitzereien zusammen, sogenannte Netsuke, die er zu Hause in seiner Wahlheimat Paris aufbewahrt.
Katchen schien unaufhaltsam. Während einer Afrika-Tournee gab er fünfzig Konzerte in 63 Tagen
Als ihm seine Plattenfirma die Aufnahme sämtlicher 32 Beethoven-Sonaten vorschlägt, zieht Katchen Brahms vor. Eine Gesamteinspielung seiner Klavierwerke hat es bis dahin noch nicht gegeben. Katchen wird der Erste, der sich dieser Aufgabe stellt. Dabei legt er die Messlatte gleich so hoch, dass sein Erbe bis heute nachwirkt, ob in den wie berauscht wirkenden Paganini-Variationen oder in den mitreißenden Ungarischen Tänzen. In den späten Klavierstücken setzt Katchen auf einen nie herben, dafür oft herbstlich bunt schillernden Ton. Dass er einige dieser Werke mehrfach aufgenommen hat, zeigt die siebzehn CDs umfassende Brahms-Edition am Beispiel der Händel-Variationen: Alle drei Einspielungen (von 1949, 1958 und 1962) sind hier vertreten.
Auch jenseits von Brahms widmet sich Katchen immer wieder romantischer Musik: Schumanns „Carnaval“ und die Symphonischen Etüden zählen ebenso dazu wie die Sonaten von Chopin und die h-Moll-Sonate von Liszt. 1962 und 1964 macht Katchen für jeweils einen Tag Station beim RIAS in Berlin, wo er am 19. Februar 1962 die Aufnahmesitzungen mit Liszts h-Moll-Sonate eröffnet. Bei Liszt gelingen ihm hinreißende Momente, eingebettet in eine kluge Dramaturgie, etwa beim ersten „Grandioso“-Thema. Schon bevor er diesen Moment erreicht, werden die repetierenden Begleitakkorde zum entscheidenden Motor. Dadurch erhält das von Liszt geforderte „marcatissimo“ seine entscheidende Wirkung.
Julius Katchen ist kein Freund von Studioproduktionen, bei denen das fertige Band aus der Summe vieler Einzelschnipsel besteht. Lieber spielt er die kompletten Werke, wenn nötig auch mehrfach nacheinander. Vielleicht liegt darin ja ein Grund für die bis heute ungebrochene Wirkung seiner Kunst.
Bei der Wahl der von ihm dokumentierten Klavierkonzerte bewegt sich Katchen zwischen Schumann und Rachmaninow, Tschaikowsky und Bartók. Gern wird dabei übersehen, dass Katchen auch Kammermusiker war. So sind in der aktuellen Brahms-Edition auch bisher unveröffentlichte Aufnahmen der Brahms-Klarinettensonaten mit Michel Portal und die erste Cellosonate mit János Starker zu hören. Brahms’ Klaviertrios hat Katchen mit Josef Suk und mit János Starker festgehalten, die Violinsonaten mit Ruggiero Ricci und erneut Suk, die Klarinettensonaten außerdem mit Thea King.
1967 unternimmt Katchen eine letzte US-Tournee, im Dezember 1968 erleben wir ihn beim „Rock ’n’ Roll Circus“ der Rolling Stones. Im April 1969 stirbt der Ausnahmepianist mit 42 Jahren an den Folgen seiner Leukämieerkrankung. Der Weg einer weiteren künstlerischen Entwicklung bleibt dem Frühvollendeten verwehrt.



