Interview & Porträt

Mit dem Instinkt eines Symphonikers

Von
Arnt Cobbers
Erschienen in der Printausgabe im
September 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Kaupo Kikkas
Foto: Kaupo Kikkas

Zu den Komponisten, die durch die Wirren des 20. Jahrhunderts unter die Räder kamen und nie den Erfolg hatten, den sie verdient hätten, gehört ganz sicher auch Eduard Tubin. Geboren 1905 im Osten Estlands, 1944 vor der Roten Armee nach Schweden geflohen und dort 1982 gestorben, blieb Tubin bis heute ein Geheimtipp. Das zu ändern, hat sich Mihhail Gerts vorgenommen. Der Este hat in Tallinn und Berlin Klavier und Dirigieren studiert und in Musikwissenschaft promoviert. Er war Kapellmeister in Hagen, unterrichtet Partiturspiel an der Hochschule „Hanns Eisler“ und der Barenboim-Said-Akademie in Berlin und ist als Gastdirigent in aller Welt unterwegs. Er spricht so gut Deutsch, dass er seine Biografie über Tubin, die im Herbst im Jaron-Verlag erscheinen wird, gleich auf Deutsch geschrieben hat.

Herr Gerts, wer ist Eduard Tubin, und warum sollte man ihn kennen?

Ein ganz eigenartiger, besonderer Komponist, dessen Schaffen für mich qualitativ auf der höchsten Ebene steht. Er hat es geschafft, das klassische Erbe auf eine sehr spezielle Weise im 20. Jahrhundert weiterzuführen mit seinen zehn Sinfonien, die den Kern seines Schaffens bilden, aber auch mit allen anderen Werken. Am meisten fesselt mich Tubins Fähigkeit, aus einem einzigen Motiv ganze Werke aufzubauen. Aber auch, wie selbstverständlich er die Kompositionstechnik beherrscht, wie er viele Einflüsse in sein Werk inkorporiert und seine Ideen zu großen Klangwelten formt.

Warum kennt man Tubin nicht?

Nach meinem Verständnis hat es mit dem Verlauf der Geschichte zu tun. Damit ein Komponist große Bekanntheit erlangt, braucht er einen gesellschaftlichen Resonanzkörper, dass die Menschen sich sein Werk durch wiederholte Aufführungen wirklich zu eigen machen. Den hatte Tubin nicht. Er hatte sich bis 1944 zu einem der bedeutendsten Musiker des Landes entwickelt, war wahrscheinlich sogar der meistaufgeführte. Aber dann flüchtete er nach Schweden, und in Estland wurde seine Musik als westlicher Einfluss verboten, phasenweise komplett, phasenweise weniger rigide. Ohne Bedenken konnte man seine Werke erst nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estlands aufführen. In Schweden wurde er nie wirklich ein Teil des Musiklebens. Er stand da bis zu seinem Tod 1982 am Rande.

Nun haben Sie Tubins Suite auf estnische Motive und die zweite Sinfonie aufgenommen. Warum diese beiden Frühwerke?

Die Suite war noch nie aufgenommen worden, das hat mich natürlich gereizt. Außerdem stellt sich die Frage: Bis wann ist ein Komponist ein junger Komponist, ab wann ein reifer? Technisch ist das gar nicht so einfach zu sagen. Die Suite, die er noch als Student, mit 25, begonnen hat, ist souverän geschrieben, sehr effektvoll – da finden sich keine technischen Makel. Aber Tubin hat einmal seinen Lehrer Heino Eller zitiert, der gesagt hat: Ein Komponist braucht nach dem Abschluss des Studiums zehn Jahre, um zu zeigen, ob er etwas kann oder nicht. Die Suite und die zweite Sinfonie umspannen genau die ersten zehn Jahre nach seinem Studium. Und in der Sinfonie zeigt er sich als immer noch junger, vielversprechender, aber auch schon vieles könnender Komponist. Hier inspirierten mich auch die existierenden Einspielungen von Neeme Järvi und Arvo Volmer. Ich wollte bewusst eine Linie der Tubinianer setzen und die Kontinuität betonen.

Die Sinfonie klingt zum Teil hochdramatisch. Spiegelt das sein Leben?

Nein, die 30er Jahre waren eine glückliche Zeit für ihn, sein erster Sohn wurde geboren, er hatte wahnsinnig viel zu tun als Dirigent am Vanemuine-Theater in Tartu. Deshalb ist sein frühes Schaffen nicht so umfangreich – er konnte nur in den Sommermonaten komponieren. Dabei hatte Tubin von Anfang an den Instinkt eines Symphonikers, eines Dramatikers, der in seinen Werken die allgemeinen menschlichen Fragen aufwirft. Das scheint mir in der Zweiten sehr deutlich zu sein. Im Privaten wie im Beruflichen hatte er, trotz vieler dramatischer Situationen, enormes Glück in seinem Leben.

Was waren seine Vorbilder?

Mahler war ein großes Vorbild. Und Sibelius in der Frage, wie man Musik so komponiert, dass sie wie Folklore klingt, ohne dabei Volksweisen zu zitieren. Das war für Tubin eine zentrale Frage, die er auch in seiner fünften Sinfonie angegangen ist. In dem Punkt waren auch Bartók und Kodály wichtig für ihn. Außerdem haben ihn die Klassiker geprägt. Später im Leben war Haydn sein Lieblingskomponist, im frühen Schaffen Brahms. Er hat selbst betont, dass seine Musik auf der klassischen Tradition aufbaut, und das motiviert und inspiriert mich, ihn in diese Kontinuität mit hineinzunehmen.

Quelle: Estnisches Museum für Musik und Theater

Wenn einem die beiden Werke auf Ihrer CD gefallen, wird man dann auch Tubins andere Sinfonien mögen?

Er hat sich natürlich mit jedem Werk weiterentwickelt, aber der Kern seines Komponierens, aus einem kleinen Nukleus große Klangwelten zu entwickeln, dem blieb er treu. Ich bin sicher, dass niemand von seinen Sinfonien, seinen Instrumentalwerken, seiner Kammermusik oder seinen Liedern enttäuscht sein wird. Diese Werke sind einfach sehr gut geschrieben.

Sie haben die Aufnahmen mit dem Estnischen Nationalen Sinfonieorchester gemacht. Sind die Musiker mittlerweile mit Tubin vertraut?

Bis 2021, als ich das TubIN-Festival gegründet habe, wurde seine Musik auch in Estland relativ selten gespielt, mit Ausnahme der fünften Sinfonie, die das Orchester oft auch auf Tourneen präsentiert hat. Das hat sich mit dem Festival geändert, das kann ich in aller Bescheidenheit sagen. Und das freut mich natürlich sehr.

Wie sieht das Festival aus?

Es findet jedes Jahr am ersten Oktoberwochenende, von Donnerstag bis Sonntag, in den beiden größten Städten Estlands, Tallinn und Tartu, statt. Es gibt Orchesterkonzerte, diesmal auch Tubins Ballett „Kratt“, Kammerkonzerte, Gesprächsabende, die sein Schaffen in neue spannende Zusammenhänge stellen, Jugendkonzerte usw. Und wir spielen immer ein Konzert in seinem Geburtsort, einem unglaublich malerischen kleinen Dorf am Ufer des Peipussees – weil diese Natur Tubin stark geprägt hat.

Werden Sie weitere Sinfonien von Tubin aufnehmen?

Das wäre mein Traum. Ich werde mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra in Glasgow im Oktober die Vierte und die Sechste aufnehmen, und mit dem estnischen Orchester haben wir die Fünfte eingespielt. Das Weitere hängt von der Finanzierung ab.

Wie sind Sie denn überhaupt auf Tubin gestoßen?

Das ist eine seltsame Geschichte. Ich habe in meiner Studienzeit in Estland seine Chorwerke dirigiert, aber damals hat es mich noch nicht so sehr gepackt. Erst als ich nach meinem Studium hier in Berlin begann, mit den unterschiedlichsten Orchestern der Welt Mahler, Bruckner, Schostakowitsch, Sibelius, Beethoven und so weiter zu dirigieren und eines Tages zum ersten Mal die Partitur der zweiten Sinfonie von Tubin öffnete, erst da traf es mich wie ein Blitzschlag. Ich war überwältigt von der Qualität, von der Intensität der Gefühle und vor allem von dieser großen symphonischen Entwicklung eines Gedankens. Das fasziniert mich bei den Komponisten am meisten, wie sie einen Gedanken entwickeln, wie sie ihn transformieren, welche Gestalten er annimmt, was sie damit machen. Und da ist Tubin einer der größten Meister.

Sind die Sinfonien schwer zu spielen?

Nein, es ist alles sehr gut notiert und spielbar, weil er ja selbst ein Praktiker war. Es ist insofern anspruchsvoll für den Dirigenten, weil man große Spannungsbögen durch die Gestaltung der Tempi und der Agogik aufbauen muss. Das verlangt viel Vorbereitung und ein klares Konzept. Aber ich hatte bislang immer den Eindruck, dass die Musiker, mit denen ich Tubin gespielt habe, positiv überrascht waren.

Sie sind zum Studium nach Berlin gekommen und geblieben. Tallinn ist doch so eine schöne Stadt, was hält Sie in Berlin?

Meine Tochter geht hier zur Schule, in die neunte Klasse, und das ist ein Alter, in dem man nicht mehr abrupt den Wohnort wechselt. Aber ich bin natürlich in Estland noch sehr aktiv. Das sind nur anderthalb Stunden Flug.

Und durch Tubin beschäftigen Sie sich immer wieder mit Ihrer Heimat.

Absolut. Dass ich dann hiergeblieben bin, hat mein Empfinden Tubin gegenüber intensiviert. Das ist meine besondere Art, die Beziehung mit Estland aufrechtzuerhalten.

Sie versuchen ja sicherlich, wenn Sie in aller Welt gastieren, Tubin aufs Programm zu setzen. Gelingt das?

Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Manche Orchester nehmen ihn ganz selbstverständlich ins Programm wie in Glasgow. Andere haben Angst, dass ein unbekannter Name das Publikum abschreckt. Und wieder andere sind sehr gespannt, Tubin zu entdecken. Mit dem Musikkollegium Winterthur zum Beispiel werden wir im nächsten Jahr zur Eröffnung der Saison die vierte Sinfonie spielen.

Zu den Komponisten, die durch die Wirren des 20. Jahrhunderts unter die Räder kamen und nie den Erfolg hatten, den sie verdient hätten, gehört ganz sicher auch Eduard Tubin. Geboren 1905 im Osten Estlands, 1944 vor der Roten Armee nach Schweden geflohen und dort 1982 gestorben, blieb Tubin bis heute ein Geheimtipp. Das zu ändern, hat sich Mihhail Gerts vorgenommen. Der Este hat in Tallinn und Berlin Klavier und Dirigieren studiert und in Musikwissenschaft promoviert. Er war Kapellmeister in Hagen, unterrichtet Partiturspiel an der Hochschule „Hanns Eisler“ und der Barenboim-Said-Akademie in Berlin und ist als Gastdirigent in aller Welt unterwegs. Er spricht so gut Deutsch, dass er seine Biografie über Tubin, die im Herbst im Jaron-Verlag erscheinen wird, gleich auf Deutsch geschrieben hat.

Herr Gerts, wer ist Eduard Tubin, und warum sollte man ihn kennen?

Ein ganz eigenartiger, besonderer Komponist, dessen Schaffen für mich qualitativ auf der höchsten Ebene steht. Er hat es geschafft, das klassische Erbe auf eine sehr spezielle Weise im 20. Jahrhundert weiterzuführen mit seinen zehn Sinfonien, die den Kern seines Schaffens bilden, aber auch mit allen anderen Werken. Am meisten fesselt mich Tubins Fähigkeit, aus einem einzigen Motiv ganze Werke aufzubauen. Aber auch, wie selbstverständlich er die Kompositionstechnik beherrscht, wie er viele Einflüsse in sein Werk inkorporiert und seine Ideen zu großen Klangwelten formt.

Warum kennt man Tubin nicht?

Nach meinem Verständnis hat es mit dem Verlauf der Geschichte zu tun. Damit ein Komponist große Bekanntheit erlangt, braucht er einen gesellschaftlichen Resonanzkörper, dass die Menschen sich sein Werk durch wiederholte Aufführungen wirklich zu eigen machen. Den hatte Tubin nicht. Er hatte sich bis 1944 zu einem der bedeutendsten Musiker des Landes entwickelt, war wahrscheinlich sogar der meistaufgeführte. Aber dann flüchtete er nach Schweden, und in Estland wurde seine Musik als westlicher Einfluss verboten, phasenweise komplett, phasenweise weniger rigide. Ohne Bedenken konnte man seine Werke erst nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estlands aufführen. In Schweden wurde er nie wirklich ein Teil des Musiklebens. Er stand da bis zu seinem Tod 1982 am Rande.

Nun haben Sie Tubins Suite auf estnische Motive und die zweite Sinfonie aufgenommen. Warum diese beiden Frühwerke?

Die Suite war noch nie aufgenommen worden, das hat mich natürlich gereizt. Außerdem stellt sich die Frage: Bis wann ist ein Komponist ein junger Komponist, ab wann ein reifer? Technisch ist das gar nicht so einfach zu sagen. Die Suite, die er noch als Student, mit 25, begonnen hat, ist souverän geschrieben, sehr effektvoll – da finden sich keine technischen Makel. Aber Tubin hat einmal seinen Lehrer Heino Eller zitiert, der gesagt hat: Ein Komponist braucht nach dem Abschluss des Studiums zehn Jahre, um zu zeigen, ob er etwas kann oder nicht. Die Suite und die zweite Sinfonie umspannen genau die ersten zehn Jahre nach seinem Studium. Und in der Sinfonie zeigt er sich als immer noch junger, vielversprechender, aber auch schon vieles könnender Komponist. Hier inspirierten mich auch die existierenden Einspielungen von Neeme Järvi und Arvo Volmer. Ich wollte bewusst eine Linie der Tubinianer setzen und die Kontinuität betonen.

Die Sinfonie klingt zum Teil hochdramatisch. Spiegelt das sein Leben?

Nein, die 30er Jahre waren eine glückliche Zeit für ihn, sein erster Sohn wurde geboren, er hatte wahnsinnig viel zu tun als Dirigent am Vanemuine-Theater in Tartu. Deshalb ist sein frühes Schaffen nicht so umfangreich – er konnte nur in den Sommermonaten komponieren. Dabei hatte Tubin von Anfang an den Instinkt eines Symphonikers, eines Dramatikers, der in seinen Werken die allgemeinen menschlichen Fragen aufwirft. Das scheint mir in der Zweiten sehr deutlich zu sein. Im Privaten wie im Beruflichen hatte er, trotz vieler dramatischer Situationen, enormes Glück in seinem Leben.

Was waren seine Vorbilder?

Mahler war ein großes Vorbild. Und Sibelius in der Frage, wie man Musik so komponiert, dass sie wie Folklore klingt, ohne dabei Volksweisen zu zitieren. Das war für Tubin eine zentrale Frage, die er auch in seiner fünften Sinfonie angegangen ist. In dem Punkt waren auch Bartók und Kodály wichtig für ihn. Außerdem haben ihn die Klassiker geprägt. Später im Leben war Haydn sein Lieblingskomponist, im frühen Schaffen Brahms. Er hat selbst betont, dass seine Musik auf der klassischen Tradition aufbaut, und das motiviert und inspiriert mich, ihn in diese Kontinuität mit hineinzunehmen.

Quelle: Estnisches Museum für Musik und Theater

Wenn einem die beiden Werke auf Ihrer CD gefallen, wird man dann auch Tubins andere Sinfonien mögen?

Er hat sich natürlich mit jedem Werk weiterentwickelt, aber der Kern seines Komponierens, aus einem kleinen Nukleus große Klangwelten zu entwickeln, dem blieb er treu. Ich bin sicher, dass niemand von seinen Sinfonien, seinen Instrumentalwerken, seiner Kammermusik oder seinen Liedern enttäuscht sein wird. Diese Werke sind einfach sehr gut geschrieben.

Sie haben die Aufnahmen mit dem Estnischen Nationalen Sinfonieorchester gemacht. Sind die Musiker mittlerweile mit Tubin vertraut?

Bis 2021, als ich das TubIN-Festival gegründet habe, wurde seine Musik auch in Estland relativ selten gespielt, mit Ausnahme der fünften Sinfonie, die das Orchester oft auch auf Tourneen präsentiert hat. Das hat sich mit dem Festival geändert, das kann ich in aller Bescheidenheit sagen. Und das freut mich natürlich sehr.

Wie sieht das Festival aus?

Es findet jedes Jahr am ersten Oktoberwochenende, von Donnerstag bis Sonntag, in den beiden größten Städten Estlands, Tallinn und Tartu, statt. Es gibt Orchesterkonzerte, diesmal auch Tubins Ballett „Kratt“, Kammerkonzerte, Gesprächsabende, die sein Schaffen in neue spannende Zusammenhänge stellen, Jugendkonzerte usw. Und wir spielen immer ein Konzert in seinem Geburtsort, einem unglaublich malerischen kleinen Dorf am Ufer des Peipussees – weil diese Natur Tubin stark geprägt hat.

Werden Sie weitere Sinfonien von Tubin aufnehmen?

Das wäre mein Traum. Ich werde mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra in Glasgow im Oktober die Vierte und die Sechste aufnehmen, und mit dem estnischen Orchester haben wir die Fünfte eingespielt. Das Weitere hängt von der Finanzierung ab.

Wie sind Sie denn überhaupt auf Tubin gestoßen?

Das ist eine seltsame Geschichte. Ich habe in meiner Studienzeit in Estland seine Chorwerke dirigiert, aber damals hat es mich noch nicht so sehr gepackt. Erst als ich nach meinem Studium hier in Berlin begann, mit den unterschiedlichsten Orchestern der Welt Mahler, Bruckner, Schostakowitsch, Sibelius, Beethoven und so weiter zu dirigieren und eines Tages zum ersten Mal die Partitur der zweiten Sinfonie von Tubin öffnete, erst da traf es mich wie ein Blitzschlag. Ich war überwältigt von der Qualität, von der Intensität der Gefühle und vor allem von dieser großen symphonischen Entwicklung eines Gedankens. Das fasziniert mich bei den Komponisten am meisten, wie sie einen Gedanken entwickeln, wie sie ihn transformieren, welche Gestalten er annimmt, was sie damit machen. Und da ist Tubin einer der größten Meister.

Sind die Sinfonien schwer zu spielen?

Nein, es ist alles sehr gut notiert und spielbar, weil er ja selbst ein Praktiker war. Es ist insofern anspruchsvoll für den Dirigenten, weil man große Spannungsbögen durch die Gestaltung der Tempi und der Agogik aufbauen muss. Das verlangt viel Vorbereitung und ein klares Konzept. Aber ich hatte bislang immer den Eindruck, dass die Musiker, mit denen ich Tubin gespielt habe, positiv überrascht waren.

Sie sind zum Studium nach Berlin gekommen und geblieben. Tallinn ist doch so eine schöne Stadt, was hält Sie in Berlin?

Meine Tochter geht hier zur Schule, in die neunte Klasse, und das ist ein Alter, in dem man nicht mehr abrupt den Wohnort wechselt. Aber ich bin natürlich in Estland noch sehr aktiv. Das sind nur anderthalb Stunden Flug.

Und durch Tubin beschäftigen Sie sich immer wieder mit Ihrer Heimat.

Absolut. Dass ich dann hiergeblieben bin, hat mein Empfinden Tubin gegenüber intensiviert. Das ist meine besondere Art, die Beziehung mit Estland aufrechtzuerhalten.

Sie versuchen ja sicherlich, wenn Sie in aller Welt gastieren, Tubin aufs Programm zu setzen. Gelingt das?

Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Manche Orchester nehmen ihn ganz selbstverständlich ins Programm wie in Glasgow. Andere haben Angst, dass ein unbekannter Name das Publikum abschreckt. Und wieder andere sind sehr gespannt, Tubin zu entdecken. Mit dem Musikkollegium Winterthur zum Beispiel werden wir im nächsten Jahr zur Eröffnung der Saison die vierte Sinfonie spielen.