„Ich habe immer öffentlich geübt“
Zum hundertsten Geburtstag des Saxofonisten John Coltrane. Ein Porträt in Selbstzeugnissen und Hörtipps

"A Love Supreme“ gehört zu den größten Alben des Jazz im 20. Jahrhundert. An einem einzigen Tag nahm John Coltrane in einer sehr turbulenten Phase der amerikanischen Geschichte mit seinem Quartett ein ekstatisches Glaubensbekenntnis auf. Ein Tonpoem, das die Grenzen des Jazz sprengte. Der scheue, introvertierte Musiker gab zeitlebens nur wenige Interviews, in denen er über sein Selbstverständnis als Mensch und Künstler Auskunft gab. Das epochale Schaffen John Coltranes, der am 23. September hundert Jahre alt geworden wäre, hat auch fast sechzig Jahre nach seinem Tod nichts von seiner Faszination eingebüßt.
„Lush Life“ aus „John Coltrane & Johnny Hartman“
„I work a lot by feeling. I just have to feel it. If I don’t, then I keep trying.“
Meine Großväter waren beide Pfarrer, auch meine Mutter war sehr religiös. In meiner Jugend ging ich jeden Sonntag zur Kirche und stand sehr unter ihrem Einfluss. Mein Großvater war sehr gebildet und politisch aktiv, aber sein Sohn, von Beruf Schneider, war ziemlich wortkarg und weniger militant. Doch er war ein ziemlich guter Geiger. In dieser Umgebung wuchs ich auf, stellte aber schon bald vieles infrage, vor allem religiöse Themen. Mit 22, 23 wurden viele meiner Freunde Muslime, und auch ich dachte darüber nach, unternahm aber nichts in der Richtung.
„Chronic Blues“ aus „The First Trane“
Ich kam in einer Kleinstadt namens Hamlet in North Carolina zur Welt. Dann zogen wir nach High Point, einer größeren Stadt, wo ich siebzehn Jahre verbrachte und die Schule besuchte. 1939 verlor ich meinen Vater, danach zogen wir nach Philadelphia. Meine Mutter opferte sich auf für meinen Musikunterricht und hat nie wieder geheiratet. Ein Interesse an Jazz regte sich erst an der Highschool: Louis Jordans Band gefiel mir, ich achtete sehr auf die Hörner, lauschte Count Basie und besaß einige Platten. Meine Familie hörte Kirchenmusik, nur auf Partys lief Musik von Armstrong oder Ellington. Erst mit fünfzehn kam ich zum Altsaxofon, doch Musiker zu werden, wäre mir 1942 nicht im Traum eingefallen. Johnny Hodges, Benny Carter und Tab Smith lauschte ich intensiv. Als ich Charlie Parker entdeckte, wurde mir klar: Das war mein Ding. Fieberhaft transkribierte ich Birds Soli.
Um meinen Weg zu finden, musste ich erst mal lernen, straight zu spielen. Es gab ja so viel zu lernen. Charlie Parker hatte mich in seinen Bann gezogen. Bird war mir so weit voraus, dass ich kaum Schritt halten konnte. Richtig voran ging es erst mit Miles, den ich 1947 kurz kennengelernt hatte. Ich wollte immer bei ihm mitmachen. Er brachte mich ans Arbeiten, und als er 1955 ein Quintett formierte, war ich dabei. Was ich bei Miles tat, hätte ich schon Jahre vorher tun sollen. Lange Zeit akzeptierte ich Jobs als Sideman bei allen möglichen Leuten, obwohl ich mit ihren musikalischen Grundsätzen nicht immer konform ging. Weil ich etwas lernen und meinen Lebensunterhalt verdienen konnte.
„Traneing In“ aus dem gleichnamigen Album
Lange Zeit lebte ich ein Schattendasein und tat, was man von mir erwartete, ohne groß Eigenes hinzuzufügen. Mit Miles Davis wendete sich das Blatt, und mir wurde klar: Ich hatte noch anderes zu bieten. Bei Miles blieb ich bis Mitte 1957, den Rest des Jahres verbrachte ich mit Thelonious Monk. Das brachte mich in Kontakt mit einem Klangarchitekten ersten Ranges, durch ihn lernte ich alles, über die Sinne, theoretisch, technisch. Wir redeten über musikalische Probleme, während er mir die Lösungen am Klavier zeigte.
„Trane’s Slo Blues“ aus „Lush Life“
Einmal durchlief ich eine depressive Phase und war kurz davor aufzugeben. Ich danke Gott, dass er mich davor bewahrte. Meine Frau Nita und unsere Tochter Toni machten mein Leben glücklicher. Ich fürchtete, mein Spiel klinge manchmal nach akademischen Übungen, und bemühte mich, dass es sich schöner anhörte. Durch Miles hatte ich Dinge gelernt, wie das richtige Tempo zu finden und die Anwendung verschiedener Tonarten für meine eigenen Stücke. Ich arbeite mich durch Akkordwechsel und Sequenzen, und dabei kann aus einem musikalischen Problem ein Song entstehen. Den bearbeite ich weiter am Klavier und übertrage ihn harmonisch erweitert aufs Saxofon.
„Trinkle, Tinkle“ aus „Thelonious Monk with John Coltrane“
Oft ging ich zu Monk und holte ihn aus dem Bett. Dann setzte er sich ans Klavier und spielte eins seiner Stücke. Dabei schaute er mich an, ich nahm mein Horn und versuchte ihm zu folgen. Immer wieder spielte er mir eine Stelle vor, ich lernte sie, und so kamen wir voran. Für schwierige Teile holte er seine Mappe hervor und zeigte mir die Noten – er hatte alles ausnotiert. Ich lernte es auswendig, und so schafften wir ein Stück pro Tag. Damals hörte ich mit dem Trinken und dem anderen Mist (Heroin) auf. Vieles klang jetzt deutlich besser, Monks Musik wirkte wie eine Stimulanz.
In jenem Jahr 1957 erfuhr ich durch die Gnade Gottes ein spirituelles Erwachen, das mich zu einem reicheren, volleren, produktiven Leben führte. Hör genau zu, nimm dich selbst nicht so wichtig, dass du auf andere nicht mehr achtest. Lebe ein sauberes Leben … Sei rechtschaffen … Werde ein besserer Mensch … Das befördert auch die Musik, und damit stehen wir in der Pflicht gegenüber uns selbst.
„Little Melonae“ aus „Settin’ The Pace“
Als ich mit Monk im Five Spot in New York auftrat, spielte ich oft ohne Klavier. Nach zwei Stücken ging Thelonious in die Garderobe oder starrte zwei, drei Stunden lang aus dem Fenster, und wir machten ohne ihn weiter. Ich habe zwar lieber einen Pianisten dabei, aber nicht, wenn er Cecil Taylor heißt. Ich habe mit Cecil gespielt. Viel zu kompliziert. Mit Monk verfiel ich in die Gewohnheit, lange Soli zu spielen. Ende 1957 kehrte ich zu Miles’ Band zurück und fand ihn bereits auf einer neuen Stufe seiner Entwicklung: Vorher sehr an Akkorden interessiert, schlug er jetzt eine andere Richtung ein, mit immer weniger Akkordwechseln zugunsten frei fließender Linien.
„My Favorite Things“ aus dem gleichnamigen Album
Im Winter 1959 fuhren wir zurück von einem Gig in Washington. Zwei von uns saßen vorne in meinem Wagen, und ein flüchtiger Bekannter, ein Saxofonist, saß hinten. Der Typ war sehr still. In Baltimore legten wir kurz Rast ein. Als wir dreißig Meilen gefahren waren, merkten wir, dass der Mann hinter uns nicht mehr dabei war. Wir hofften, er hätte etwas Geld für die Rückfahrt, und setzten unsere Fahrt fort. Zu Hause in New York brachte ich seinen Koffer und mein Horn in meine Wohnung, öffnete den Koffer und erblickte ein Sopransaxofon. Ich spielte ein wenig darauf und fand es toll. So entdeckte ich das Instrument. [Wenig später reklamierte der rechtmäßige Besitzer sein Saxofon.]
„My Favorite Things“ – mit dem Sopransaxofon – ist meine Lieblingsplatte. Ich glaube nicht, dass ich es noch mal anders machen würde, während die anderen Alben in Details noch verbessert werden könnten. Dieser Walzer ist fantastisch: Spielst du ihn langsam, entwickelt er einen „Gospel-Aspekt“ – das ist nicht übel. Bringst du ihn schnell, ergeben sich noch andere Qualitäten. Es ist interessant, ein Terrain zu erkunden, das sich je nach den Impulsen, die du ihm gibst, ständig erneuert.
Ein Musiker, mit dem ich gerne mal etwas aufnehmen würde, ist der indische Sitarist Ravi Shankar, dem ich mehrmals begegnet bin. Ich bin mir sicher, meine Musik würde durch ihn zehnmal mehr Power bekommen.
Der Klang, den du mit deinem Instrument erzielst, hängt zum Teil von der Konzeption ab, die du im Kopf hast, zum Teil aber auch von physikalischen Eigenschaften wie der Form und der Struktur deines Mundes und deines Rachens. Ich versuchte nun, den Klang umzusetzen, den ich innerlich hörte – wie es jeder Künstler tut. Dafür experimentierte ich mit verschiedenen Blättern für die Mundstücke, verwendete dann aber nur noch eine Blattstärke: ein hartes Blatt.
Es war Miles, der mich drängte, ein besserer Musiker zu werden. Von ihm kamen die Anstöße für einige der hörenswertesten Momente, die ich in der Musik hatte. Da war vor allem sein Sinn für Einfachheit. Anfangs wollte ich so Tenorsaxofon spielen wie er Trompete. Aber ich spürte, dass mir das nie gelingen würde, und so schlug ich eine andere Richtung ein.
„Village Blues“ aus „Coltrane Jazz“
Manche sagen, meine Musik klinge zornig, zerrissen, spirituell, erdrückend – was kriegt man nicht alles zu hören. Andere sehen sich von ihr „beflügelt“. Du weißt nie, wo es hingeht, du kannst nur versuchen, den natürlichen Quellen nahezukommen, eins zu werden mit den Naturgesetzen, das umsetzen und nach besten Kräften anderen vermitteln.
Ich schäme mich für die ersten Platten mit Miles. Warum er mich haben wollte, war mir anfangs schleierhaft.
Das Schöne am Jazz ist, dass du frei bist zu tun, was du willst.
Einige Jazzformen habe ich so lange praktiziert, dass ich andere Formen suchte, oder auch gar keine Form.
„Africa“ aus „The Africa/Brass Sessions“
„My ideas have to develop in one long solo.“
Ich habe nicht den Eindruck, dass der Jazz sich nur in eine Richtung entwickelt. Jazz ist an Emotionen gebunden, und es gibt so viele Gefühle auszudrücken. Diese Musik ist nicht leicht zu erfassen, du musst dich auf sie hinbewegen. Man kann nicht alles einfach mit offenen Armen empfangen. Meine fünf Jahre bei Miles waren eine sehr inspirierende Periode. Es war das erste Mal, dass ich meinen Stil änderte, was danach häufiger vorkam.
Ich freue mich, wenn ich irgendwo einen ruhigen Küstenstreifen finde, wo ich üben kann. Wenn es windstill ist, klingt das Horn wunderbar, da kann ich stundenlang blasen. Ich liebe die Stille, die langen Autofahrten auf endlosen Landstraßen. Wenn ich auf Tour bin, reise ich so am liebsten.
Einige werfen mir vor, ich würde öffentlich üben. Sie haben recht. Aber ich mache seit 25 Jahren Musik, ich habe immer öffentlich geübt. Doch üben ist das falsche Wort, denn wer Jazz spielt, reagiert auf das, was im Moment aufkommt, dabei entsteht etwas noch nie Gesagtes. Das Wort dafür ist nicht üben, sondern improvisieren.
„Chasin’ The Trane“ aus „The Complete Village Vanguard Recordings, 1961“
„Well, if you like something for ten minutes, why shouldn’t you like it for 46 minutes?“
Ob der Jazz stirbt oder nicht, weiß ich nicht. Meine Alben verkaufen sich gut, darüber bin ich froh. Ich habe keine Angst, dass meine Musik zu far out rüberkommen könnte. Man findet nicht etwas Neues, indem man immerzu das Gleiche macht. Es gilt, dem Alten etwas Neues hinzuzufügen.
„You have to give up something in order to get something.“
Was zählt, ist die emotionale Reaktion. Solange es ein Gefühl von Kommunikation gibt, muss nicht alles in Gänze verstanden werden. Musik habe ich schon geliebt, lange bevor ich einen g-Moll-Septakkord identifizieren konnte.
Jazz ist so sehr eine Musik der Individualität, dass jeder neue, halbwegs originelle Künstler eine Veränderung auf der Szene bewirken kann.
Ich habe nicht das Gefühl, von anderen imitiert zu werden, weil wie in jeder Kunst gewisse Dinge gleichsam in der Luft liegen. Es kann jemand mit einem eigenen Konzept kommen, und andere erreichen das gleiche Ziel – indem sie ähnliche Entdeckungen machen.
Warum gibt es auf einigen Prestigealben diese Trios ohne Klavier, John?
„The piano-player didn’t show up.“
„Attaining“ aus „Sun Ship“ – The Complete Session
"A Love Supreme“ gehört zu den größten Alben des Jazz im 20. Jahrhundert. An einem einzigen Tag nahm John Coltrane in einer sehr turbulenten Phase der amerikanischen Geschichte mit seinem Quartett ein ekstatisches Glaubensbekenntnis auf. Ein Tonpoem, das die Grenzen des Jazz sprengte. Der scheue, introvertierte Musiker gab zeitlebens nur wenige Interviews, in denen er über sein Selbstverständnis als Mensch und Künstler Auskunft gab. Das epochale Schaffen John Coltranes, der am 23. September hundert Jahre alt geworden wäre, hat auch fast sechzig Jahre nach seinem Tod nichts von seiner Faszination eingebüßt.
„Lush Life“ aus „John Coltrane & Johnny Hartman“
„I work a lot by feeling. I just have to feel it. If I don’t, then I keep trying.“
Meine Großväter waren beide Pfarrer, auch meine Mutter war sehr religiös. In meiner Jugend ging ich jeden Sonntag zur Kirche und stand sehr unter ihrem Einfluss. Mein Großvater war sehr gebildet und politisch aktiv, aber sein Sohn, von Beruf Schneider, war ziemlich wortkarg und weniger militant. Doch er war ein ziemlich guter Geiger. In dieser Umgebung wuchs ich auf, stellte aber schon bald vieles infrage, vor allem religiöse Themen. Mit 22, 23 wurden viele meiner Freunde Muslime, und auch ich dachte darüber nach, unternahm aber nichts in der Richtung.
„Chronic Blues“ aus „The First Trane“
Ich kam in einer Kleinstadt namens Hamlet in North Carolina zur Welt. Dann zogen wir nach High Point, einer größeren Stadt, wo ich siebzehn Jahre verbrachte und die Schule besuchte. 1939 verlor ich meinen Vater, danach zogen wir nach Philadelphia. Meine Mutter opferte sich auf für meinen Musikunterricht und hat nie wieder geheiratet. Ein Interesse an Jazz regte sich erst an der Highschool: Louis Jordans Band gefiel mir, ich achtete sehr auf die Hörner, lauschte Count Basie und besaß einige Platten. Meine Familie hörte Kirchenmusik, nur auf Partys lief Musik von Armstrong oder Ellington. Erst mit fünfzehn kam ich zum Altsaxofon, doch Musiker zu werden, wäre mir 1942 nicht im Traum eingefallen. Johnny Hodges, Benny Carter und Tab Smith lauschte ich intensiv. Als ich Charlie Parker entdeckte, wurde mir klar: Das war mein Ding. Fieberhaft transkribierte ich Birds Soli.
Um meinen Weg zu finden, musste ich erst mal lernen, straight zu spielen. Es gab ja so viel zu lernen. Charlie Parker hatte mich in seinen Bann gezogen. Bird war mir so weit voraus, dass ich kaum Schritt halten konnte. Richtig voran ging es erst mit Miles, den ich 1947 kurz kennengelernt hatte. Ich wollte immer bei ihm mitmachen. Er brachte mich ans Arbeiten, und als er 1955 ein Quintett formierte, war ich dabei. Was ich bei Miles tat, hätte ich schon Jahre vorher tun sollen. Lange Zeit akzeptierte ich Jobs als Sideman bei allen möglichen Leuten, obwohl ich mit ihren musikalischen Grundsätzen nicht immer konform ging. Weil ich etwas lernen und meinen Lebensunterhalt verdienen konnte.
„Traneing In“ aus dem gleichnamigen Album
Lange Zeit lebte ich ein Schattendasein und tat, was man von mir erwartete, ohne groß Eigenes hinzuzufügen. Mit Miles Davis wendete sich das Blatt, und mir wurde klar: Ich hatte noch anderes zu bieten. Bei Miles blieb ich bis Mitte 1957, den Rest des Jahres verbrachte ich mit Thelonious Monk. Das brachte mich in Kontakt mit einem Klangarchitekten ersten Ranges, durch ihn lernte ich alles, über die Sinne, theoretisch, technisch. Wir redeten über musikalische Probleme, während er mir die Lösungen am Klavier zeigte.
„Trane’s Slo Blues“ aus „Lush Life“
Einmal durchlief ich eine depressive Phase und war kurz davor aufzugeben. Ich danke Gott, dass er mich davor bewahrte. Meine Frau Nita und unsere Tochter Toni machten mein Leben glücklicher. Ich fürchtete, mein Spiel klinge manchmal nach akademischen Übungen, und bemühte mich, dass es sich schöner anhörte. Durch Miles hatte ich Dinge gelernt, wie das richtige Tempo zu finden und die Anwendung verschiedener Tonarten für meine eigenen Stücke. Ich arbeite mich durch Akkordwechsel und Sequenzen, und dabei kann aus einem musikalischen Problem ein Song entstehen. Den bearbeite ich weiter am Klavier und übertrage ihn harmonisch erweitert aufs Saxofon.
„Trinkle, Tinkle“ aus „Thelonious Monk with John Coltrane“
Oft ging ich zu Monk und holte ihn aus dem Bett. Dann setzte er sich ans Klavier und spielte eins seiner Stücke. Dabei schaute er mich an, ich nahm mein Horn und versuchte ihm zu folgen. Immer wieder spielte er mir eine Stelle vor, ich lernte sie, und so kamen wir voran. Für schwierige Teile holte er seine Mappe hervor und zeigte mir die Noten – er hatte alles ausnotiert. Ich lernte es auswendig, und so schafften wir ein Stück pro Tag. Damals hörte ich mit dem Trinken und dem anderen Mist (Heroin) auf. Vieles klang jetzt deutlich besser, Monks Musik wirkte wie eine Stimulanz.
In jenem Jahr 1957 erfuhr ich durch die Gnade Gottes ein spirituelles Erwachen, das mich zu einem reicheren, volleren, produktiven Leben führte. Hör genau zu, nimm dich selbst nicht so wichtig, dass du auf andere nicht mehr achtest. Lebe ein sauberes Leben … Sei rechtschaffen … Werde ein besserer Mensch … Das befördert auch die Musik, und damit stehen wir in der Pflicht gegenüber uns selbst.
„Little Melonae“ aus „Settin’ The Pace“
Als ich mit Monk im Five Spot in New York auftrat, spielte ich oft ohne Klavier. Nach zwei Stücken ging Thelonious in die Garderobe oder starrte zwei, drei Stunden lang aus dem Fenster, und wir machten ohne ihn weiter. Ich habe zwar lieber einen Pianisten dabei, aber nicht, wenn er Cecil Taylor heißt. Ich habe mit Cecil gespielt. Viel zu kompliziert. Mit Monk verfiel ich in die Gewohnheit, lange Soli zu spielen. Ende 1957 kehrte ich zu Miles’ Band zurück und fand ihn bereits auf einer neuen Stufe seiner Entwicklung: Vorher sehr an Akkorden interessiert, schlug er jetzt eine andere Richtung ein, mit immer weniger Akkordwechseln zugunsten frei fließender Linien.
„My Favorite Things“ aus dem gleichnamigen Album
Im Winter 1959 fuhren wir zurück von einem Gig in Washington. Zwei von uns saßen vorne in meinem Wagen, und ein flüchtiger Bekannter, ein Saxofonist, saß hinten. Der Typ war sehr still. In Baltimore legten wir kurz Rast ein. Als wir dreißig Meilen gefahren waren, merkten wir, dass der Mann hinter uns nicht mehr dabei war. Wir hofften, er hätte etwas Geld für die Rückfahrt, und setzten unsere Fahrt fort. Zu Hause in New York brachte ich seinen Koffer und mein Horn in meine Wohnung, öffnete den Koffer und erblickte ein Sopransaxofon. Ich spielte ein wenig darauf und fand es toll. So entdeckte ich das Instrument. [Wenig später reklamierte der rechtmäßige Besitzer sein Saxofon.]
„My Favorite Things“ – mit dem Sopransaxofon – ist meine Lieblingsplatte. Ich glaube nicht, dass ich es noch mal anders machen würde, während die anderen Alben in Details noch verbessert werden könnten. Dieser Walzer ist fantastisch: Spielst du ihn langsam, entwickelt er einen „Gospel-Aspekt“ – das ist nicht übel. Bringst du ihn schnell, ergeben sich noch andere Qualitäten. Es ist interessant, ein Terrain zu erkunden, das sich je nach den Impulsen, die du ihm gibst, ständig erneuert.
Ein Musiker, mit dem ich gerne mal etwas aufnehmen würde, ist der indische Sitarist Ravi Shankar, dem ich mehrmals begegnet bin. Ich bin mir sicher, meine Musik würde durch ihn zehnmal mehr Power bekommen.
Der Klang, den du mit deinem Instrument erzielst, hängt zum Teil von der Konzeption ab, die du im Kopf hast, zum Teil aber auch von physikalischen Eigenschaften wie der Form und der Struktur deines Mundes und deines Rachens. Ich versuchte nun, den Klang umzusetzen, den ich innerlich hörte – wie es jeder Künstler tut. Dafür experimentierte ich mit verschiedenen Blättern für die Mundstücke, verwendete dann aber nur noch eine Blattstärke: ein hartes Blatt.
Es war Miles, der mich drängte, ein besserer Musiker zu werden. Von ihm kamen die Anstöße für einige der hörenswertesten Momente, die ich in der Musik hatte. Da war vor allem sein Sinn für Einfachheit. Anfangs wollte ich so Tenorsaxofon spielen wie er Trompete. Aber ich spürte, dass mir das nie gelingen würde, und so schlug ich eine andere Richtung ein.
„Village Blues“ aus „Coltrane Jazz“
Manche sagen, meine Musik klinge zornig, zerrissen, spirituell, erdrückend – was kriegt man nicht alles zu hören. Andere sehen sich von ihr „beflügelt“. Du weißt nie, wo es hingeht, du kannst nur versuchen, den natürlichen Quellen nahezukommen, eins zu werden mit den Naturgesetzen, das umsetzen und nach besten Kräften anderen vermitteln.
Ich schäme mich für die ersten Platten mit Miles. Warum er mich haben wollte, war mir anfangs schleierhaft.
Das Schöne am Jazz ist, dass du frei bist zu tun, was du willst.
Einige Jazzformen habe ich so lange praktiziert, dass ich andere Formen suchte, oder auch gar keine Form.
„Africa“ aus „The Africa/Brass Sessions“
„My ideas have to develop in one long solo.“
Ich habe nicht den Eindruck, dass der Jazz sich nur in eine Richtung entwickelt. Jazz ist an Emotionen gebunden, und es gibt so viele Gefühle auszudrücken. Diese Musik ist nicht leicht zu erfassen, du musst dich auf sie hinbewegen. Man kann nicht alles einfach mit offenen Armen empfangen. Meine fünf Jahre bei Miles waren eine sehr inspirierende Periode. Es war das erste Mal, dass ich meinen Stil änderte, was danach häufiger vorkam.
Ich freue mich, wenn ich irgendwo einen ruhigen Küstenstreifen finde, wo ich üben kann. Wenn es windstill ist, klingt das Horn wunderbar, da kann ich stundenlang blasen. Ich liebe die Stille, die langen Autofahrten auf endlosen Landstraßen. Wenn ich auf Tour bin, reise ich so am liebsten.
Einige werfen mir vor, ich würde öffentlich üben. Sie haben recht. Aber ich mache seit 25 Jahren Musik, ich habe immer öffentlich geübt. Doch üben ist das falsche Wort, denn wer Jazz spielt, reagiert auf das, was im Moment aufkommt, dabei entsteht etwas noch nie Gesagtes. Das Wort dafür ist nicht üben, sondern improvisieren.
„Chasin’ The Trane“ aus „The Complete Village Vanguard Recordings, 1961“
„Well, if you like something for ten minutes, why shouldn’t you like it for 46 minutes?“
Ob der Jazz stirbt oder nicht, weiß ich nicht. Meine Alben verkaufen sich gut, darüber bin ich froh. Ich habe keine Angst, dass meine Musik zu far out rüberkommen könnte. Man findet nicht etwas Neues, indem man immerzu das Gleiche macht. Es gilt, dem Alten etwas Neues hinzuzufügen.
„You have to give up something in order to get something.“
Was zählt, ist die emotionale Reaktion. Solange es ein Gefühl von Kommunikation gibt, muss nicht alles in Gänze verstanden werden. Musik habe ich schon geliebt, lange bevor ich einen g-Moll-Septakkord identifizieren konnte.
Jazz ist so sehr eine Musik der Individualität, dass jeder neue, halbwegs originelle Künstler eine Veränderung auf der Szene bewirken kann.
Ich habe nicht das Gefühl, von anderen imitiert zu werden, weil wie in jeder Kunst gewisse Dinge gleichsam in der Luft liegen. Es kann jemand mit einem eigenen Konzept kommen, und andere erreichen das gleiche Ziel – indem sie ähnliche Entdeckungen machen.
Warum gibt es auf einigen Prestigealben diese Trios ohne Klavier, John?
„The piano-player didn’t show up.“
„Attaining“ aus „Sun Ship“ – The Complete Session



