„Jazz ist mein Zuhause“
Der Pianist Phillip Golub steht für eine ungewohnt komplexe Spielart von Jazz. Auf seinem Album „Partisan Ship“ kommt nun auch Mikrotonalität mit ins Bild

Seine Musik ist dicht, fordernd, vielschichtig. Phillip Golub bevorzugt dafür den Begriff „intricate“, was man wohl mit „vertrackt“ übersetzen kann. Diese Vertracktheit sei nichts, was er um ihrer selbst willen anstreben würde, sagt der 33-Jährige. „Aber ich tendiere wohl einfach dahin. Meine Musik muss auf irgendeine Weise reflektieren, wer ich bin, wie ich die Welt sehe, wie ich die Dinge haben möchte. Unsere Welt ist zutiefst kompliziert und oft auch nicht verständlich. Ich denke, meine Musik spiegelt das. Ich habe ein sinnliches Vergnügen an dieser Vertracktheit.“ Aus demselben Grund, sagt Golub, liebe er die Polyphonie der Renaissancemusik, „dieses Gefühl, dass das Ohr auf viele Wege gelockt werden kann, in viele Linien des Kontrapunkts hinein. Es kann eine ausgesprochen aufregende und emotionale Erfahrung sein, wenn Musik dir diese ineinander verschränkten Linien oder Schichten präsentiert.“
Phillip Golub ist der Sohn des US-amerikanischen Filmkomponisten Peter Golub. Er hat Masterabschlüsse in Komposition und in Jazz-Performance, arbeitete in Boston als Dramaturg, studierte beim Komponisten Michael Finnissy und bei den Jazzpianisten Fred Hersch und Jason Moran. Einige seiner Kompositionen wurden bereits von Ensembles wie dem Los Angeles Philharmonic Orchestra und den New York Virtuoso Singers aufgeführt. „Ich folge da einfach meiner Nase“, sagt Golub. „Ich lasse mir die Möglichkeit offen, in den nächsten Jahren ganz verschiedene Arten von Projekten anzugehen. Aber wie auch immer: Ich verstehe mich in erster Linie als Jazzmusiker. Das ist mein Zuhause. Das ist mein Umfeld. Das ist meine Lieblingsmusik und wird es immer bleiben. Jazz ist eine sehr flexible Musik, vielleicht die flexibelste, die je gemacht wurde. Sie kann mit beinahe allem verschmelzen.“
Als vor zwei Jahren Phillip Golubs Album „Abiding Memory“ erschien, prägte der Pianokollege Vijay Iyer dafür den Begriff „New Brooklyn Complexity“. Iyer beschreibt Golubs Musik als ein Amalgam aus „hochmodernem kompositorischem Know-how und innovativer Improvisationskompetenz“ – sie sei kammermusikalisch transparent und besitze zugleich das Feeling einer ungestümen Jazzband. Entstanden war die Musik dieses Albums damals aus kleinen Zellen, musikalischen Ideen, die Golub zusammen mit dem Schlagzeuger Vicente Atria entwickelt hatte. Dabei ging es um wechselnde Metren und schwankende Tempi – es waren rhythmische Laborversuche. Auf ihrer Grundlage schuf Golub eine Musik, die sich manchmal wie in Zeitlupe bewegt, dann wieder wie im Zeitraffer dahinrast, verschachtelt, gebrochen. Die Melodien klingen dagegen eher abstrakt und großräumig, von der Spätromantik inspiriert. Und das Ganze wird gespielt von einem improvisationsstarken Jazzquintett und ist zusätzlich verdichtet durch Elektronik, Loops, Soundexperimente. Vijay Iyer sprach von „unwahrscheinlichen Gleichzeitigkeiten“, von „unheimlichen Timbre-Mischungen“.
Golubs Musik bewegt sich mal wie in Zeitlupe, mal rast sie wie im Zeitraffer dahin
Auf Golubs jüngstem Album erreicht diese Vertracktheit sogar noch eine höhere Stufe. Denn die Musik auf „Partisan Ship“ ist mikrotonal konzipiert. Etliche von Golubs musikalischen Kolleginnen und Kollegen arbeiten schon länger regelmäßig mit Mikrointervallen – etwa der Trompeter Amir ElSaffar, die Saxofonistin Anna Webber, die Geigerin Layale Chaker, der Gitarrist Alec Goldfarb. „Ich interessiere mich seit Langem für mikrotonale Konzepte“, sagt Phillip Golub. „Mir geht es dabei hauptsächlich um die Harmonik. Ich benutze neue Tonhöhen, um neue harmonische Fortschreitungen zu finden, die sich ähnlich logisch anhören sollen wie die traditionelle Funktionalharmonik.“
Das Projekt „Partisan Ship“ nahm seinen Anfang in der Pandemie. Mit einigen Kollegen – sie nannten sich selbstironisch den „Microtonal Composers Club“ – tauschte Golub über Zoom mikrotonale Skalen und kleine mikrotonale Kompositionen aus und entwickelte daraus am Ende eine 157-seitige Partitur. Befreundete Musiker und Musikerinnen spielten die Stimmen und Improvisationen ein – mit der Kreativität von Jazzkünstlern. „Sie machten Dinge, von denen ich vorher nicht wusste, dass sie möglich sind.“ Das Ergebnis ist ein Jazz von komplexer Vieldeutigkeit und futuristischem Zuschnitt.
Nun sind Mikrotöne auf einer Trompete oder Violine mit einiger Übung durchaus realisierbar. Doch für sein eigenes Instrument, das Klavier, musste sich Golub bei „Partisan Ship“ eine besondere Lösung einfallen lassen. Er nennt sie: Flexichord. Das Flexichord ist nicht wirklich ein Instrument, sondern eine Softwareprogrammierung. Sie erlaubt eine flexible mikrotonale Belegung der Keyboardtasten, vermittelt aber zudem das „Anschlagsgefühl“ eines Klaviers. „Ich wollte meine 25-jährige Erfahrung darin, mich auf dem Klavier auszudrücken, nicht preisgeben. Ich habe sorgfältig einen Sound geschaffen, der bestimmte Qualitäten eines echten Instruments aufweist. Das Flexichord hat Saiten, auch wenn sie nur digital sind.“
Beide Alben – es sind nur zwei von elf eigenen Alben, die Golub auf seiner Website aufführt – sind bei Berthold Records erschienen. Der Saxofonist Timo Vollbrecht hatte dem Pianisten das deutsche Label empfohlen. „Ich schrieb ihnen einfach eine E-Mail – ich hatte sie nie zuvor getroffen. Ich mache meine Alben ganz in eigener Regie, auch Mix und Mastering, und schicke sie ihnen dann. Ich mag es, mit diesen Leuten zu arbeiten, weil sie eine Langzeitkooperation anstreben. Auch hilft mir die Verbindung zu einem deutschen Label, um Kontakte in Europa zu knüpfen. Außerdem sind das einfach nette Leute, die Musik mögen. Das ist schon sehr wichtig.“
Seine Musik ist dicht, fordernd, vielschichtig. Phillip Golub bevorzugt dafür den Begriff „intricate“, was man wohl mit „vertrackt“ übersetzen kann. Diese Vertracktheit sei nichts, was er um ihrer selbst willen anstreben würde, sagt der 33-Jährige. „Aber ich tendiere wohl einfach dahin. Meine Musik muss auf irgendeine Weise reflektieren, wer ich bin, wie ich die Welt sehe, wie ich die Dinge haben möchte. Unsere Welt ist zutiefst kompliziert und oft auch nicht verständlich. Ich denke, meine Musik spiegelt das. Ich habe ein sinnliches Vergnügen an dieser Vertracktheit.“ Aus demselben Grund, sagt Golub, liebe er die Polyphonie der Renaissancemusik, „dieses Gefühl, dass das Ohr auf viele Wege gelockt werden kann, in viele Linien des Kontrapunkts hinein. Es kann eine ausgesprochen aufregende und emotionale Erfahrung sein, wenn Musik dir diese ineinander verschränkten Linien oder Schichten präsentiert.“
Phillip Golub ist der Sohn des US-amerikanischen Filmkomponisten Peter Golub. Er hat Masterabschlüsse in Komposition und in Jazz-Performance, arbeitete in Boston als Dramaturg, studierte beim Komponisten Michael Finnissy und bei den Jazzpianisten Fred Hersch und Jason Moran. Einige seiner Kompositionen wurden bereits von Ensembles wie dem Los Angeles Philharmonic Orchestra und den New York Virtuoso Singers aufgeführt. „Ich folge da einfach meiner Nase“, sagt Golub. „Ich lasse mir die Möglichkeit offen, in den nächsten Jahren ganz verschiedene Arten von Projekten anzugehen. Aber wie auch immer: Ich verstehe mich in erster Linie als Jazzmusiker. Das ist mein Zuhause. Das ist mein Umfeld. Das ist meine Lieblingsmusik und wird es immer bleiben. Jazz ist eine sehr flexible Musik, vielleicht die flexibelste, die je gemacht wurde. Sie kann mit beinahe allem verschmelzen.“
Als vor zwei Jahren Phillip Golubs Album „Abiding Memory“ erschien, prägte der Pianokollege Vijay Iyer dafür den Begriff „New Brooklyn Complexity“. Iyer beschreibt Golubs Musik als ein Amalgam aus „hochmodernem kompositorischem Know-how und innovativer Improvisationskompetenz“ – sie sei kammermusikalisch transparent und besitze zugleich das Feeling einer ungestümen Jazzband. Entstanden war die Musik dieses Albums damals aus kleinen Zellen, musikalischen Ideen, die Golub zusammen mit dem Schlagzeuger Vicente Atria entwickelt hatte. Dabei ging es um wechselnde Metren und schwankende Tempi – es waren rhythmische Laborversuche. Auf ihrer Grundlage schuf Golub eine Musik, die sich manchmal wie in Zeitlupe bewegt, dann wieder wie im Zeitraffer dahinrast, verschachtelt, gebrochen. Die Melodien klingen dagegen eher abstrakt und großräumig, von der Spätromantik inspiriert. Und das Ganze wird gespielt von einem improvisationsstarken Jazzquintett und ist zusätzlich verdichtet durch Elektronik, Loops, Soundexperimente. Vijay Iyer sprach von „unwahrscheinlichen Gleichzeitigkeiten“, von „unheimlichen Timbre-Mischungen“.
Golubs Musik bewegt sich mal wie in Zeitlupe, mal rast sie wie im Zeitraffer dahin
Auf Golubs jüngstem Album erreicht diese Vertracktheit sogar noch eine höhere Stufe. Denn die Musik auf „Partisan Ship“ ist mikrotonal konzipiert. Etliche von Golubs musikalischen Kolleginnen und Kollegen arbeiten schon länger regelmäßig mit Mikrointervallen – etwa der Trompeter Amir ElSaffar, die Saxofonistin Anna Webber, die Geigerin Layale Chaker, der Gitarrist Alec Goldfarb. „Ich interessiere mich seit Langem für mikrotonale Konzepte“, sagt Phillip Golub. „Mir geht es dabei hauptsächlich um die Harmonik. Ich benutze neue Tonhöhen, um neue harmonische Fortschreitungen zu finden, die sich ähnlich logisch anhören sollen wie die traditionelle Funktionalharmonik.“
Das Projekt „Partisan Ship“ nahm seinen Anfang in der Pandemie. Mit einigen Kollegen – sie nannten sich selbstironisch den „Microtonal Composers Club“ – tauschte Golub über Zoom mikrotonale Skalen und kleine mikrotonale Kompositionen aus und entwickelte daraus am Ende eine 157-seitige Partitur. Befreundete Musiker und Musikerinnen spielten die Stimmen und Improvisationen ein – mit der Kreativität von Jazzkünstlern. „Sie machten Dinge, von denen ich vorher nicht wusste, dass sie möglich sind.“ Das Ergebnis ist ein Jazz von komplexer Vieldeutigkeit und futuristischem Zuschnitt.
Nun sind Mikrotöne auf einer Trompete oder Violine mit einiger Übung durchaus realisierbar. Doch für sein eigenes Instrument, das Klavier, musste sich Golub bei „Partisan Ship“ eine besondere Lösung einfallen lassen. Er nennt sie: Flexichord. Das Flexichord ist nicht wirklich ein Instrument, sondern eine Softwareprogrammierung. Sie erlaubt eine flexible mikrotonale Belegung der Keyboardtasten, vermittelt aber zudem das „Anschlagsgefühl“ eines Klaviers. „Ich wollte meine 25-jährige Erfahrung darin, mich auf dem Klavier auszudrücken, nicht preisgeben. Ich habe sorgfältig einen Sound geschaffen, der bestimmte Qualitäten eines echten Instruments aufweist. Das Flexichord hat Saiten, auch wenn sie nur digital sind.“
Beide Alben – es sind nur zwei von elf eigenen Alben, die Golub auf seiner Website aufführt – sind bei Berthold Records erschienen. Der Saxofonist Timo Vollbrecht hatte dem Pianisten das deutsche Label empfohlen. „Ich schrieb ihnen einfach eine E-Mail – ich hatte sie nie zuvor getroffen. Ich mache meine Alben ganz in eigener Regie, auch Mix und Mastering, und schicke sie ihnen dann. Ich mag es, mit diesen Leuten zu arbeiten, weil sie eine Langzeitkooperation anstreben. Auch hilft mir die Verbindung zu einem deutschen Label, um Kontakte in Europa zu knüpfen. Außerdem sind das einfach nette Leute, die Musik mögen. Das ist schon sehr wichtig.“



