„Wo heilige Kunst von unheiligen Menschen gemacht wird“
Die Sopranistin Golda Schultz über Inspirationsquellen, Social Media und fehlende Opernstoffe

Im Leben eines Künstlers gibt es immer wieder neue Stationen: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Bei Sängerinnen und Sängern handelt es sich dabei vor allem um Bühnen und Rollen. Von manchen Partien muss man sich verabschieden; dafür entsteht Raum für neue. Als ich die Sopranistin Golda Schultz interviewe, steht sie kurz vor ihrer letzten Vorstellung als Agathe in „Freischütz“ an der Bayerischen Staatsoper. Sich von einer Rolle zu verabschieden, falle ihr immer schwer, sagt sie, bevor wir das Interview offiziell beginnen. Schließlich habe sie sich sehr lange damit auseinandergesetzt, sie sei ihr ans Herz gewachsen. Die südafrikanische Sängerin, die nach ihrer Zeit beim Opernstudio der Bayerischen Staatsoper 2011 Deutschland zu ihrer Wahlheimat auserkoren hat, hat zunächst Journalismus studiert, bevor sie an der Universität von Kapstadt und der Juilliard School in New York eine Gesangsausbildung erhielt. Ihre Neugier auf Menschen ist ihr dabei erhalten geblieben.
Frau Schultz, wie beeinflusst die journalistische Ausbildung Ihre Auseinandersetzung und Ihre Herangehensweise an Werke und Komponisten?
Die Arbeit ist eigentlich gleich, finde ich. Als Journalistin versucht man, einer Person so nahezukommen, dass sie sich öffnet und sich zeigt in all ihren verschiedenen Facetten. Und so muss man auch mit einem Musikwerk umgehen. Was will der Komponist hier mit dieser Harmonie sagen? Was möchte uns der Librettist mit diesen Worten mitteilen? Um was für ein Gefühl geht es? Man muss auch ein bisschen ein Philosoph sein, weil die Kunst immer philosophische Fragen behandelt: Wer sind wir? Was wollen wir? Warum sind wir überhaupt hier? Ich denke, das sind die drei wichtigsten Fragen unseres Menschseins. Damit beschäftige ich mich als Person. Und die Journalistin in mir stellt diese Fragen dann den Figuren, die ich verkörpern will. Ich muss die Musik, die Worte und auch, was andere Figuren über den Charakter sagen, nutzen, um eine dreidimensionale Person auf der Bühne darzustellen.
Welche anderen Inspirationsquellen gibt es noch für Sie?
Ich lese viel. Ich schaue mir auch andere Kunst an. Und ich beschäftige mich mit der Entstehungszeit des Werkes: Was haben die Menschen damals gespielt, was haben sie gelesen? Ich versuche zu verstehen, woher die verschiedenen Metaphern, die Bilder stammen. Und dann wird einem plötzlich klar, wie alles zusammenhängt. Spannend ist auch, worüber und über wen nicht gesprochen wird. Was sagt das über die Zeit aus? Da stößt man auf die inneren Konflikte. Und die kann man nutzen für Inszenierungen, die uns aktuell berühren. Wir alle tragen diese inneren Konflikte mit uns herum. Das beeinflusst unter anderem ja auch, wie man einen Raum betritt. Ich finde Psychologie interessant, Philosophie, bildende Kunst, Film, alle Facetten von Musik. Was wir Menschen in der Kunst erschaffen, sagt so viel darüber aus, wer wir sind. Ich glaube, deswegen wollte ich auch Journalistin werden: weil ich mich für Menschen interessiere.
Und plötzlich kommt bei Golda Schultz die Journalistin zum Vorschein. Unverhofft stellt sie mir eine Frage über meine Beweggründe, Journalistin zu werden. Als ich ihr von meinen verschiedenen Standbeinen erzähle, wird sie euphorisch.
Das finde ich so cool an einem kreativen Beruf, dass man die Möglichkeiten hat, wirklich alles, was einen bewegt, auszuprobieren. Mich interessiert eine Sache? Also versuche ich es. Ich habe Interesse an etwas anderem? Ich versuch’s. Ich finde, das wird in der kreativen Industrie so unterschätzt – sagt man das so auf Deutsch? Die Worte fehlen mir gerade. Ich habe nicht genug Kaffee getrunken, das merke ich sofort. Was ich versuche zu sagen: Wir haben so viele Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren. Und irgendwie hat man das Gefühl, dass man nicht einer geraden Linie folgt. Andere Leute haben einen Job und machen daneben ihre Hobbys. Für uns gehört alles zusammen.
Sie haben über das Lesen gesprochen. Gibt es einen Roman, der für Sie ein idealer Opernstoff wäre?
Okay, jetzt kommt meine Liste. (lacht) Ich warte noch darauf, dass jemand „Was ihr wollt“ von Shakespeare perfekt vertont. Das würde ich so gerne auf der Bühne sehen! Ich finde es großartig, wie Shakespeare Frauenfiguren geschrieben hat: komplex und divers. So gerne würde ich auch „Sinn und Sinnlichkeit“ von Jane Austen auf der Opernbühne sehen. Die Schwestern Elinor und Marianne sind total verschieden, aber es herrscht ein großes Einverständnis zwischen den beiden, so eine riesige Liebe – selbst wenn sie nicht derselben Meinung sind. Diese Geschichte würde ich zu gerne sehen. Und ich würde gern in einem Stück mitspielen, wo wir in Kleidung wie in „Bridgerton“ herumlaufen können. Was noch? Eine Oper nach einem Buch von Margaret Atwood! Sie hat ein großartiges über Odysseus’ Frau Penelope geschrieben. Es heißt „Die Penelopiade“. Penelope ist eine unglaublich interessante Figur, sie ist eigentlich das Idealbild der wartenden Frau. Die Frau, die zu Hause auf einen Mann wartet, der etwas unternimmt. Und Margaret Atwood zeigt, dass „warten“ sehr aktiv sein kann. Das bedeutet nicht nur sitzen; es gibt einen Konflikt beim Warten. Das fand ich sehr spannend. Also das sind meine Vorschläge – wenn sie jemand umsetzen möchte: Ich bin dabei!
Wenn Golda Schultz über ihre Ideen spricht, kommt es einem fast so vor, als würde sie die Inszenierungen schon vor ihrem inneren Auge sehen, so enthusiastisch klingt sie dann. Es würde mich nicht überraschen, sollte sie demnächst selbst inszenieren.
Ich hatte das Glück, Sie vor neun Jahren bei den Salzburger Festspielen in „La Clemenza di Tito“ unter Teodor Currentzis in der Inszenierung von Peter Sellars zu erleben. In Bezug auf die Besetzung war Diversität ein großes Thema, das war damals noch sehr ungewöhnlich. Was hat sich seitdem in der Opernwelt verändert? Und wo muss die kulturelle Repräsentation noch ausgebaut werden?
Das ist eine sehr gute Frage. Es muss ein Abbild davon geben, wie unsere Welt außerhalb unserer Kultureinrichtungen aussieht. Die Welt ist bunt und vielfältig, wir sehen die Menschen mit ihren ganz unterschiedlichen Körpern auf den Straßen. Aber in Film und Fernsehen, im Theater, in der Oper, in der klassischen Musik sehen wir sie zu selten. Die Welt außerhalb der Oper sieht komplett anders aus, als was man auf der Bühne sieht. Im richtigen Leben gibt es nicht nur kleine Size-Zero-Frauen und Work-out-Männer. Wir brauchen die ganze Bandbreite. Jeder Mensch ist etwas Besonderes – und auch wieder nicht. Die Bühne sollte ein Ort sein, wo heilige Kunst von unheiligen Menschen gemacht wird. Wir alle sind unheilig, wir sind menschlich, wir machen Fehler. Aber wir versuchen, einen heiligen Moment zu erschaffen, gemeinsam.
Im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper ist eine junge südafrikanische Sängerin. Sie ist lieb, hat eine schöne Stimme und eine großartige Ausstrahlung auf der Bühne. Ich habe mich gefreut, jemand anderen aus meinem Heimatland zu sehen. Wir stehen hier zusammen auf der Bühne, was für ein Erlebnis! Aber dann denke ich mir: Wie schade, dass sich das noch immer so außergewöhnlich, so merkwürdig anfühlt. Damit will ich nicht sagen, dass jedes Opernhaus eine Afrikanerin braucht. Nein. Aber die Kunst stirbt, wenn Leute sich nicht willkommen fühlen in einem Raum, im Theater, im Museum, wenn sie sich dort nicht repräsentiert sehen. Das ist der Kreislauf der Inspiration: Inspiration inspiriert. Das ist harte Arbeit, aber wichtige Arbeit.
So langsam kommen viel mehr junge Frauen aufs Podium und machen ihre Sache so gut. Das freut mich riesig. Aber ich warte noch auf die jungen Regisseurinnen. Wo sind die Bühnenbildnerinnen? Wo sind die Beleuchterinnen, die Castingdirektorinnen, die Intendantinnen? Das sollte einfach selbstverständlich sein. Ich mache mir Gedanken und frage mich: Wie kann ich etwas in meinem kleinen Einflusskreis ändern? Wo kann ich ein bisschen pushen, damit ich das Gefühl habe, dass es in die richtige Richtung geht?
Also: Es gibt noch viel zu tun. Wir dürfen nicht denken, wir hätten genug getan. Denn dann werden alle ganz locker und tolerant, und es schleicht sich langsam die Negativität ein, und wir müssen wieder kämpfen. Wir müssen immer achtsam bleiben! Deswegen ist es wichtig, unsere Geschichte zu verstehen, um sie präsent zu halten, immer mit einem kritischen Auge darauf. Und deswegen ist Kunst auch so wichtig: um uns immer daran zu erinnern, dass die Welt ohne Vielfalt eine arme Welt wäre.
So wie in diesem Gespräch ist Golda Schultz auch in ihrer Präsenz in den sozialen Medien sehr authentisch. Sie zeigt sich beispielsweise nach einem Rezital im Ballkleid auf einem Teppich liegend, weil ihre Füße schmerzen. Das ist nicht selbstverständlich. Oft wird in den sozialen Medien ein glamouröses Bild vermittelt, das nicht die Realität widerspiegelt. Golda Schultz, die durchweg Lebensfreude ausstrahlt, findet eine schöne Metapher für die Präsentation online.
Trotz all der gläsernen Social-Media-Fenster weiß man nie, wie es drinnen im Haus aussieht. Ich versuche zu zeigen: „Hey, mein Haus sieht manchmal chaotisch aus; manchmal läuft es nicht gut. Manchmal wird es in meinem Kopf zu viel. Aber in anderen Momenten macht alles Spaß.“ Social Media ist ganz wichtig, es gehört dazu. Das finde ich so schade für meine jungen Kolleginnen und Kollegen: Sie sind ständig damit beschäftigt, auf Social Media Follower zu generieren. Man merkt inzwischen, dass Opernhäuser darauf achten, ob man viele Follower hat. Das Haus bekommt dann zusätzliche Likes, und vielleicht kommt auch mehr Publikum. Das gehört inzwischen dazu. Aber man darf nie vergessen, was unsere eigentliche Aufgabe ist: so gut wie möglich Kunst zu machen. Das ist auch das, was ich den jungen Sängerinnen und Sängern sage: „Vielleicht postest du ein Video, das viral geht, und bekommst deshalb eine Chance – die Met ruft an und sagt, sie brauchen eine Carmen. Und dann kommst du auf die Bühne und kannst die Rolle nicht. Chance verpasst.“ Eine Karriere kann man nicht auf Social Media aufbauen. In unserer Branche baut sich eine Karriere von einer Bühne zur nächsten auf: Man macht einen Job so gut wie möglich, damit man den nächsten bekommt. Und erst am Ende, wenn man zurückblickt, weiß man, dass man eine Karriere hatte. Mit Höhen und Tiefen.
Aber warum ich diese Arbeit wirklich liebe und immer noch mache, das sind die inspirierenden Menschen, die starken Persönlichkeiten, mit denen ich Zeit verbringe. Das ist das, was ich mit dem Publikum teilen möchte: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?
Um noch mal zum Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen: Mit jeder Tür, die sich schließt, mit jeder Rolle, von der man sich verabschiedet, kommt auch etwas Neues. Sie geben demnächst Ihr Rollendebüt als Ariadne in Strauss’ „Ariadne auf Naxos“. Was bedeutet solch ein Schritt für Sie?
Jede neue Rolle ist ein Versuch. Es ist alles eine Art Glücksspiel. Ich setze auf mich, wenn ich sage, dass ich glaube, die Ariadne zu können. Aber ich weiß nicht, ob ich die beste Ariadne sein werde. Als Menschen müssen wir uns ausprobieren, darum geht es in unserem Leben. Es ist alles ein Versuch. Ich versuche so gut wie möglich zu singen. Ich versuche ein guter Mensch zu sein. Ich versuche eine gute Ehefrau zu sein, eine gute Partnerin, eine gute Freundin, eine gute Tochter. Schaffe ich das jedes Mal? Nein, keiner schafft das. Aber das Wichtigste ist, es immer wieder zu versuchen.
Wie ich an neue Rollen herangehe, das geht wieder auf den Journalismus zurück. Ich frage die Figur: Wer bist du? Was willst du? Was versuchst du über unser Menschsein zu sagen? Und dann frage ich mich selbst: Glaube ich, dass ich, Golda, etwas Neues beisteuern kann, etwas, was man noch nicht gesehen hat? Und will ich dieses Neue in der Figur verkörpern? Und wenn ich diese Fragen mit Ja beantworten kann, dann habe ich das Gefühl, dass ich die Rolle mit meiner Stimme übernehmen muss.
Und ich werde älter. Es gibt Rollen, die ich schon lange gesungen habe und auch weiterhin singen könnte, aber ich möchte Platz machen für meine jüngeren Kolleginnen, damit auch sie ihre Zeit in diesen Rollen haben. Das Wasser fließt in den Ozean. Und wir sind keine Lachse, wir schwimmen nicht zurück, wir schwimmen immer nach vorne. So ist das Leben. Auch ich muss nach vorne gucken. An einer Stelle und in nur ein paar Rollen zu bleiben, das wäre für mich irgendwann nicht mehr interessant. Dann würde ich meine Leidenschaft für die Kunst verlieren. Denn meine Leidenschaft für meine Arbeit entzündet sich an den Fragen, die ich an die Figuren stelle. Natürlich kann ich immer versuchen, etwas Neues zu entdecken bei den alten Rollen, aber irgendwann hat man jede Facette ausprobiert. Dann ist es nur noch „Malen nach Zahlen“, und das wird langweilig; für mich und für das Publikum.
Im Leben eines Künstlers gibt es immer wieder neue Stationen: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Bei Sängerinnen und Sängern handelt es sich dabei vor allem um Bühnen und Rollen. Von manchen Partien muss man sich verabschieden; dafür entsteht Raum für neue. Als ich die Sopranistin Golda Schultz interviewe, steht sie kurz vor ihrer letzten Vorstellung als Agathe in „Freischütz“ an der Bayerischen Staatsoper. Sich von einer Rolle zu verabschieden, falle ihr immer schwer, sagt sie, bevor wir das Interview offiziell beginnen. Schließlich habe sie sich sehr lange damit auseinandergesetzt, sie sei ihr ans Herz gewachsen. Die südafrikanische Sängerin, die nach ihrer Zeit beim Opernstudio der Bayerischen Staatsoper 2011 Deutschland zu ihrer Wahlheimat auserkoren hat, hat zunächst Journalismus studiert, bevor sie an der Universität von Kapstadt und der Juilliard School in New York eine Gesangsausbildung erhielt. Ihre Neugier auf Menschen ist ihr dabei erhalten geblieben.
Frau Schultz, wie beeinflusst die journalistische Ausbildung Ihre Auseinandersetzung und Ihre Herangehensweise an Werke und Komponisten?
Die Arbeit ist eigentlich gleich, finde ich. Als Journalistin versucht man, einer Person so nahezukommen, dass sie sich öffnet und sich zeigt in all ihren verschiedenen Facetten. Und so muss man auch mit einem Musikwerk umgehen. Was will der Komponist hier mit dieser Harmonie sagen? Was möchte uns der Librettist mit diesen Worten mitteilen? Um was für ein Gefühl geht es? Man muss auch ein bisschen ein Philosoph sein, weil die Kunst immer philosophische Fragen behandelt: Wer sind wir? Was wollen wir? Warum sind wir überhaupt hier? Ich denke, das sind die drei wichtigsten Fragen unseres Menschseins. Damit beschäftige ich mich als Person. Und die Journalistin in mir stellt diese Fragen dann den Figuren, die ich verkörpern will. Ich muss die Musik, die Worte und auch, was andere Figuren über den Charakter sagen, nutzen, um eine dreidimensionale Person auf der Bühne darzustellen.
Welche anderen Inspirationsquellen gibt es noch für Sie?
Ich lese viel. Ich schaue mir auch andere Kunst an. Und ich beschäftige mich mit der Entstehungszeit des Werkes: Was haben die Menschen damals gespielt, was haben sie gelesen? Ich versuche zu verstehen, woher die verschiedenen Metaphern, die Bilder stammen. Und dann wird einem plötzlich klar, wie alles zusammenhängt. Spannend ist auch, worüber und über wen nicht gesprochen wird. Was sagt das über die Zeit aus? Da stößt man auf die inneren Konflikte. Und die kann man nutzen für Inszenierungen, die uns aktuell berühren. Wir alle tragen diese inneren Konflikte mit uns herum. Das beeinflusst unter anderem ja auch, wie man einen Raum betritt. Ich finde Psychologie interessant, Philosophie, bildende Kunst, Film, alle Facetten von Musik. Was wir Menschen in der Kunst erschaffen, sagt so viel darüber aus, wer wir sind. Ich glaube, deswegen wollte ich auch Journalistin werden: weil ich mich für Menschen interessiere.
Und plötzlich kommt bei Golda Schultz die Journalistin zum Vorschein. Unverhofft stellt sie mir eine Frage über meine Beweggründe, Journalistin zu werden. Als ich ihr von meinen verschiedenen Standbeinen erzähle, wird sie euphorisch.
Das finde ich so cool an einem kreativen Beruf, dass man die Möglichkeiten hat, wirklich alles, was einen bewegt, auszuprobieren. Mich interessiert eine Sache? Also versuche ich es. Ich habe Interesse an etwas anderem? Ich versuch’s. Ich finde, das wird in der kreativen Industrie so unterschätzt – sagt man das so auf Deutsch? Die Worte fehlen mir gerade. Ich habe nicht genug Kaffee getrunken, das merke ich sofort. Was ich versuche zu sagen: Wir haben so viele Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren. Und irgendwie hat man das Gefühl, dass man nicht einer geraden Linie folgt. Andere Leute haben einen Job und machen daneben ihre Hobbys. Für uns gehört alles zusammen.
Sie haben über das Lesen gesprochen. Gibt es einen Roman, der für Sie ein idealer Opernstoff wäre?
Okay, jetzt kommt meine Liste. (lacht) Ich warte noch darauf, dass jemand „Was ihr wollt“ von Shakespeare perfekt vertont. Das würde ich so gerne auf der Bühne sehen! Ich finde es großartig, wie Shakespeare Frauenfiguren geschrieben hat: komplex und divers. So gerne würde ich auch „Sinn und Sinnlichkeit“ von Jane Austen auf der Opernbühne sehen. Die Schwestern Elinor und Marianne sind total verschieden, aber es herrscht ein großes Einverständnis zwischen den beiden, so eine riesige Liebe – selbst wenn sie nicht derselben Meinung sind. Diese Geschichte würde ich zu gerne sehen. Und ich würde gern in einem Stück mitspielen, wo wir in Kleidung wie in „Bridgerton“ herumlaufen können. Was noch? Eine Oper nach einem Buch von Margaret Atwood! Sie hat ein großartiges über Odysseus’ Frau Penelope geschrieben. Es heißt „Die Penelopiade“. Penelope ist eine unglaublich interessante Figur, sie ist eigentlich das Idealbild der wartenden Frau. Die Frau, die zu Hause auf einen Mann wartet, der etwas unternimmt. Und Margaret Atwood zeigt, dass „warten“ sehr aktiv sein kann. Das bedeutet nicht nur sitzen; es gibt einen Konflikt beim Warten. Das fand ich sehr spannend. Also das sind meine Vorschläge – wenn sie jemand umsetzen möchte: Ich bin dabei!
Wenn Golda Schultz über ihre Ideen spricht, kommt es einem fast so vor, als würde sie die Inszenierungen schon vor ihrem inneren Auge sehen, so enthusiastisch klingt sie dann. Es würde mich nicht überraschen, sollte sie demnächst selbst inszenieren.
Ich hatte das Glück, Sie vor neun Jahren bei den Salzburger Festspielen in „La Clemenza di Tito“ unter Teodor Currentzis in der Inszenierung von Peter Sellars zu erleben. In Bezug auf die Besetzung war Diversität ein großes Thema, das war damals noch sehr ungewöhnlich. Was hat sich seitdem in der Opernwelt verändert? Und wo muss die kulturelle Repräsentation noch ausgebaut werden?
Das ist eine sehr gute Frage. Es muss ein Abbild davon geben, wie unsere Welt außerhalb unserer Kultureinrichtungen aussieht. Die Welt ist bunt und vielfältig, wir sehen die Menschen mit ihren ganz unterschiedlichen Körpern auf den Straßen. Aber in Film und Fernsehen, im Theater, in der Oper, in der klassischen Musik sehen wir sie zu selten. Die Welt außerhalb der Oper sieht komplett anders aus, als was man auf der Bühne sieht. Im richtigen Leben gibt es nicht nur kleine Size-Zero-Frauen und Work-out-Männer. Wir brauchen die ganze Bandbreite. Jeder Mensch ist etwas Besonderes – und auch wieder nicht. Die Bühne sollte ein Ort sein, wo heilige Kunst von unheiligen Menschen gemacht wird. Wir alle sind unheilig, wir sind menschlich, wir machen Fehler. Aber wir versuchen, einen heiligen Moment zu erschaffen, gemeinsam.
Im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper ist eine junge südafrikanische Sängerin. Sie ist lieb, hat eine schöne Stimme und eine großartige Ausstrahlung auf der Bühne. Ich habe mich gefreut, jemand anderen aus meinem Heimatland zu sehen. Wir stehen hier zusammen auf der Bühne, was für ein Erlebnis! Aber dann denke ich mir: Wie schade, dass sich das noch immer so außergewöhnlich, so merkwürdig anfühlt. Damit will ich nicht sagen, dass jedes Opernhaus eine Afrikanerin braucht. Nein. Aber die Kunst stirbt, wenn Leute sich nicht willkommen fühlen in einem Raum, im Theater, im Museum, wenn sie sich dort nicht repräsentiert sehen. Das ist der Kreislauf der Inspiration: Inspiration inspiriert. Das ist harte Arbeit, aber wichtige Arbeit.
So langsam kommen viel mehr junge Frauen aufs Podium und machen ihre Sache so gut. Das freut mich riesig. Aber ich warte noch auf die jungen Regisseurinnen. Wo sind die Bühnenbildnerinnen? Wo sind die Beleuchterinnen, die Castingdirektorinnen, die Intendantinnen? Das sollte einfach selbstverständlich sein. Ich mache mir Gedanken und frage mich: Wie kann ich etwas in meinem kleinen Einflusskreis ändern? Wo kann ich ein bisschen pushen, damit ich das Gefühl habe, dass es in die richtige Richtung geht?
Also: Es gibt noch viel zu tun. Wir dürfen nicht denken, wir hätten genug getan. Denn dann werden alle ganz locker und tolerant, und es schleicht sich langsam die Negativität ein, und wir müssen wieder kämpfen. Wir müssen immer achtsam bleiben! Deswegen ist es wichtig, unsere Geschichte zu verstehen, um sie präsent zu halten, immer mit einem kritischen Auge darauf. Und deswegen ist Kunst auch so wichtig: um uns immer daran zu erinnern, dass die Welt ohne Vielfalt eine arme Welt wäre.
So wie in diesem Gespräch ist Golda Schultz auch in ihrer Präsenz in den sozialen Medien sehr authentisch. Sie zeigt sich beispielsweise nach einem Rezital im Ballkleid auf einem Teppich liegend, weil ihre Füße schmerzen. Das ist nicht selbstverständlich. Oft wird in den sozialen Medien ein glamouröses Bild vermittelt, das nicht die Realität widerspiegelt. Golda Schultz, die durchweg Lebensfreude ausstrahlt, findet eine schöne Metapher für die Präsentation online.
Trotz all der gläsernen Social-Media-Fenster weiß man nie, wie es drinnen im Haus aussieht. Ich versuche zu zeigen: „Hey, mein Haus sieht manchmal chaotisch aus; manchmal läuft es nicht gut. Manchmal wird es in meinem Kopf zu viel. Aber in anderen Momenten macht alles Spaß.“ Social Media ist ganz wichtig, es gehört dazu. Das finde ich so schade für meine jungen Kolleginnen und Kollegen: Sie sind ständig damit beschäftigt, auf Social Media Follower zu generieren. Man merkt inzwischen, dass Opernhäuser darauf achten, ob man viele Follower hat. Das Haus bekommt dann zusätzliche Likes, und vielleicht kommt auch mehr Publikum. Das gehört inzwischen dazu. Aber man darf nie vergessen, was unsere eigentliche Aufgabe ist: so gut wie möglich Kunst zu machen. Das ist auch das, was ich den jungen Sängerinnen und Sängern sage: „Vielleicht postest du ein Video, das viral geht, und bekommst deshalb eine Chance – die Met ruft an und sagt, sie brauchen eine Carmen. Und dann kommst du auf die Bühne und kannst die Rolle nicht. Chance verpasst.“ Eine Karriere kann man nicht auf Social Media aufbauen. In unserer Branche baut sich eine Karriere von einer Bühne zur nächsten auf: Man macht einen Job so gut wie möglich, damit man den nächsten bekommt. Und erst am Ende, wenn man zurückblickt, weiß man, dass man eine Karriere hatte. Mit Höhen und Tiefen.
Aber warum ich diese Arbeit wirklich liebe und immer noch mache, das sind die inspirierenden Menschen, die starken Persönlichkeiten, mit denen ich Zeit verbringe. Das ist das, was ich mit dem Publikum teilen möchte: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?
Um noch mal zum Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen: Mit jeder Tür, die sich schließt, mit jeder Rolle, von der man sich verabschiedet, kommt auch etwas Neues. Sie geben demnächst Ihr Rollendebüt als Ariadne in Strauss’ „Ariadne auf Naxos“. Was bedeutet solch ein Schritt für Sie?
Jede neue Rolle ist ein Versuch. Es ist alles eine Art Glücksspiel. Ich setze auf mich, wenn ich sage, dass ich glaube, die Ariadne zu können. Aber ich weiß nicht, ob ich die beste Ariadne sein werde. Als Menschen müssen wir uns ausprobieren, darum geht es in unserem Leben. Es ist alles ein Versuch. Ich versuche so gut wie möglich zu singen. Ich versuche ein guter Mensch zu sein. Ich versuche eine gute Ehefrau zu sein, eine gute Partnerin, eine gute Freundin, eine gute Tochter. Schaffe ich das jedes Mal? Nein, keiner schafft das. Aber das Wichtigste ist, es immer wieder zu versuchen.
Wie ich an neue Rollen herangehe, das geht wieder auf den Journalismus zurück. Ich frage die Figur: Wer bist du? Was willst du? Was versuchst du über unser Menschsein zu sagen? Und dann frage ich mich selbst: Glaube ich, dass ich, Golda, etwas Neues beisteuern kann, etwas, was man noch nicht gesehen hat? Und will ich dieses Neue in der Figur verkörpern? Und wenn ich diese Fragen mit Ja beantworten kann, dann habe ich das Gefühl, dass ich die Rolle mit meiner Stimme übernehmen muss.
Und ich werde älter. Es gibt Rollen, die ich schon lange gesungen habe und auch weiterhin singen könnte, aber ich möchte Platz machen für meine jüngeren Kolleginnen, damit auch sie ihre Zeit in diesen Rollen haben. Das Wasser fließt in den Ozean. Und wir sind keine Lachse, wir schwimmen nicht zurück, wir schwimmen immer nach vorne. So ist das Leben. Auch ich muss nach vorne gucken. An einer Stelle und in nur ein paar Rollen zu bleiben, das wäre für mich irgendwann nicht mehr interessant. Dann würde ich meine Leidenschaft für die Kunst verlieren. Denn meine Leidenschaft für meine Arbeit entzündet sich an den Fragen, die ich an die Figuren stelle. Natürlich kann ich immer versuchen, etwas Neues zu entdecken bei den alten Rollen, aber irgendwann hat man jede Facette ausprobiert. Dann ist es nur noch „Malen nach Zahlen“, und das wird langweilig; für mich und für das Publikum.



