Gold

Wie ein großes Los aus einem Knallbonbon

Von
Marvin Josef Deitz
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Dr. Derek Goldfoot / Archiv Boosey & Hawkes
Foto: Dr. Derek Goldfoot / Archiv Boosey & Hawkes

In einem NDR-Dokumentarfilm steht der neunzigjährige Berthold Goldschmidt vor einem Fenster seiner Londoner Wohnung, betreibt routiniert seine Morgengymnastik und sinniert über das Phänomen der Zeit: Die Zeit habe stets eine wichtige Rolle in seinem Bewusstsein gespielt, er verfüge über ein absolutes Zeitgefühl, wisse genau, wie spät es ist und wann vier Minuten vergangen sind. Warum? „Weil Musik das Einfangen der Zeit ist.“ Doch diese ominöse Zeit, das gesteht Goldschmidt, „hat sich grausam benommen“ im Verlaufe seines Lebens: Das große Talent der Zwischenkriegszeit wurde von den Nazis verfolgt und verfemt, im Exil ignoriert und bald vergessen. Die verdiente Anerkennung wurde ihm am Lebensende zuteil – „wie eine freundliche Apokalypse“.

Hamburg

„Von der Wohnung in der Großen Allee aus habe ich als Dreijähriger den Brand der Michaeliskirche erlebt. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als der brennende Turm in sich zusammenstürzte.“ Hamburg im Jahr 1906, drei Jahre nach Berthold Goldschmidts Geburt in eine jüdische Kaufmannsfamilie. Die Eltern führen ein Bettengeschäft. Bertholds musikalisches Talent erkennen sie früh, fördern und bestärken ihn. Mit sechs Jahren erhält er Klavierunterricht und beginnt nach seinem Verständnis zu „komponieren“, indem er Noten von Bach oder Mahler ausschneidet und neu zusammenklebt.

Die heile Welt findet bald ein abruptes Ende: Als der Erste Weltkrieg über Deutschland hereinbricht, ist Berthold zu jung für die Waffe. Stattdessen wird er zu kriegsdienenden Arbeiten aufs Land geschickt, wo er Zeuge von Misshandlungen an russischen Gefangenen wird. Erfahrungen, die ihn prägen und später zu einem überzeugten Antifaschisten machen. Als der Schrecken ein Ende hat, kehrt Goldschmidt für kurze Zeit in seine Heimatstadt zurück, um Philosophie und Kunstgeschichte zu studieren. Doch schnell besinnt er sich auf seine eigentliche Leidenschaft: Musik! Nächster Halt: Berlin.

Berlin

Denn Goldschmidts Ansprüche sind groß. Er möchte nicht an irgendeiner Hochschule studieren, sondern an der besten. Und nicht bei irgendwem, sondern beim Direktor persönlich. Also setzt er alles auf eine Karte und bewirbt sich um einen Platz an der Berliner Musikhochschule in der Kompositionsklasse von Franz Schreker. Er kann mit einem Scherzo für Klavier überzeugen und wird angenommen. Schon während des Studiums arbeitet er als Korrepetitor an der Staatsoper Unter den Linden, wo er Toscanini, Furtwängler und Walter kennenlernt. Unter Erich Kleiber spielt er bei der Uraufführung von Alban Bergs „Wozzeck“ die Celesta. Und auch mit seinen eigenen Werken weiß Goldschmidt zu überzeugen. „Meine Kompositionen haben immer ein Gerüst, sie sind planvoll konzipiert“, beschrieb er sein Kompositionsprinzip später. „Ich scheue nicht die Tonalität, und ich scheue auch nicht die Dissonanzen. Aber man muss eine eigene Sprache haben.“ Ausgangspunkt seiner Werke sind seine Beziehungen zu Frauen: „Meine Werke sind ausschließlich in diesem Zusammenhang entstanden.“ Die Passacaglia für Orchester op. 4 wird 1925 mit dem Mendelssohn-Preis ausgezeichnet. Über seine Ouvertüre „Komödie der Irrungen“ op. 6 heißt es nach der Uraufführung 1928: „Die Ouvertüre gefiel durch den echten Humor, die einige in spritziger Bewegung ausgezeichnet aufgebaute Themenspiele zu so schlagfertigen Pointen führte, dass eine Wiederholung nötig wurde.“

In den Folgejahren arbeitet Goldschmidt an seiner ersten Oper, während ihm einer seiner besten Freunde die erste große Liebe ausspannt. Dass der Titel der Oper ausgerechnet „Der gewaltige Hahnrei“ lautet, ist eine Komik, die wohl nur das Leben schreibt. Das große Überthema des Librettos ist eine unverhohlene Kritik an Machtmissbrauch und politischer Autorität – in Zeiten des aufkommenden Nationalsozialismus zugleich Nährboden für Erfolg und Polarisierung. Nach der Uraufführung am 14. Februar 1932 im Mannheimer Staatstheater soll „Der gewaltige Hahnrei“ im Folgejahr in der Deutschen Oper Berlin gezeigt werden. Doch dazu kommt es nicht mehr.

Mit der „Machtergreifung“ der Nazis wird Goldschmidt aller Ämter enthoben, seine Werke werden verboten, er selbst in Gewahrsam genommen. Als der Gestapobeamte jedoch herausfindet, dass Goldschmidt als Jude weniger für eine Klavierstunde nimmt als der Lehrer seiner Tochter, zeigt er sich gnädig: „Machen Sie, dass Sie so schnell wie möglich aus diesem Lande herauskommen!“

London

Weil er schon einige Kontakte in London hat, entscheidet er sich für die englische Hauptstadt. Mit zwei oder drei Anzügen in einem großen Kabinenkoffer und ein paar wenigen Kompositionen unter dem Arm schifft er sich ein. Über die Schweiz kann er Geld für die ersten Monate nach England schmuggeln. Dort erhält er zwar eine Aufenthalts-, aber keine Arbeitserlaubnis und muss sich mit Privatstunden über Wasser halten. Doch gemessen am Leid der Zurückgebliebenen, Verfolgten und Ermordeten, geht es ihm gut – eine Grundhaltung, die sich bei allen Schicksalsschlägen durch sein Leben zieht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich der Weg nach London für sein kompositorisches Schaffen bald als Sackgasse entpuppt. Während des Kriegs kann er nicht: „Was kann man komponieren, wenn um einen herum Morde geschehen in gigantischem Ausmaß? Wenn die Bomben herunterfallen, kann man nicht sagen, ich will trotzdem ein lyrisches Thema schreiben. Das geht eben nicht.“ Und später will er nicht mehr: Die radikalen Umwälzungen der Nachkriegsmoderne um Nono, Boulez und Stockhausen empfindet er als „geistige Diktatur“, der er sich nicht anpassen möchte. Berthold Goldschmidt bleibt sich treu, kommt mit seiner tonal-freitonalen Musik aber nicht mehr zu Wort. Er fühlt sich nicht verstanden, nicht gehört, nicht ernst genommen. Wie kann seine Musik, die vor dem Krieg als modern galt, plötzlich nichts mehr wert sein? Es ist der große Bruch in seiner Biografie.

Zwar entstehen in den 50er Jahren noch wichtige Werke: die „Ciaccona Sinfonica“, die Konzerte für Klarinette, Cello und Violine oder die Oper „Beatrice Cenci“. Doch als das Interesse an einer Aufführung ausbleibt, hängt Goldschmidt seinen Bleistift nach den „Mediterranean Songs“ an den Nagel: enttäuscht und verletzt zwar, aber nicht verbittert. Bis 1982 komponiert er nichts mehr und konzentriert sich vor allem auf das Dirigieren. Über seine Kontakte zur BBC, wo er bis 1947 das deutsche Programm geleitet hat, erhält er Engagements und lernt Deryck Cooke kennen, mit dem er Mahlers zehnte Sinfonie rekonstruiert und aufführt. Dann wird es still um Berthold Goldschmidt.

(Wieder-)Entdeckung

Und es bleibt still, bis sich die Berliner Festwochen 1987 das Motto „Verdrängte Musik: Berliner Komponisten im Exil“ auf ihre Fahnen schreiben und Simon Rattle die „Ciaccona Sinfonica“ aufführt. Es ist die Wiederentdeckung des Berthold Goldschmidt. Oder ist es überhaupt erst seine Entdeckung? Schlagartig ist Goldschmidt in aller Munde. „Das hätte ich mir nie träumen lassen. Das sind Ereignisse wie eine freundliche Apokalypse, die jetzt stattfindet, eine Zusammenraffung von Geschehnissen, die eigentlich über sechzig Jahre verteilt werden sollen. Die werden mir jetzt wie ein großes Los aus einem Knallbonbon serviert.“

Seine Oper „Beatrice Cenci“ kommt 1988 endlich zur Uraufführung, „Der gewaltige Hahnrei“ ist in Deutschland, der Schweiz und als „The Mighty Cuckold“ sogar in den USA erfolgreich. 1992, sechzig Jahre nach ihrer Absetzung, wird die Oper konzertant in der Berliner Philharmonie aufgeführt, zwei Jahre später szenisch in der Deutschen Oper. „Noch viel zu wenige wissen“, stellt die „Frankfurter Rundschau“ anschließend fest, „dass ‚Der gewaltige Hahnrei‘ zu den Opern gehört, die dem Besten des Jahrhunderts an die Seite zu stellen sind.“ Auf der Welle des Erfolgs folgen CD-Einspielungen, wissenschaftliche Auseinandersetzungen und die Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz. Und Berthold Goldschmidt komponiert auch wieder – seit 1982 schon, doch die plötzliche Anerkennung gibt ihm neuen Rückenwind. Sein letztes Werk, die zweite der „Deux Nocturnes“, komponiert er in seinem Todesjahr 1996 im Alter von 93 – vor genau dreißig Jahren.

All den Steinen und Hürden, den Schikanen und Enttäuschungen zum Trotz hat Berthold Goldschmidt nie aufgegeben und immer an sich und seine Musik geglaubt, in der Hoffnung, sie würde vielleicht eines Tages noch einmal eine Chance bekommen: „Man muss es nur überleben.“

In einem NDR-Dokumentarfilm steht der neunzigjährige Berthold Goldschmidt vor einem Fenster seiner Londoner Wohnung, betreibt routiniert seine Morgengymnastik und sinniert über das Phänomen der Zeit: Die Zeit habe stets eine wichtige Rolle in seinem Bewusstsein gespielt, er verfüge über ein absolutes Zeitgefühl, wisse genau, wie spät es ist und wann vier Minuten vergangen sind. Warum? „Weil Musik das Einfangen der Zeit ist.“ Doch diese ominöse Zeit, das gesteht Goldschmidt, „hat sich grausam benommen“ im Verlaufe seines Lebens: Das große Talent der Zwischenkriegszeit wurde von den Nazis verfolgt und verfemt, im Exil ignoriert und bald vergessen. Die verdiente Anerkennung wurde ihm am Lebensende zuteil – „wie eine freundliche Apokalypse“.

Hamburg

„Von der Wohnung in der Großen Allee aus habe ich als Dreijähriger den Brand der Michaeliskirche erlebt. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als der brennende Turm in sich zusammenstürzte.“ Hamburg im Jahr 1906, drei Jahre nach Berthold Goldschmidts Geburt in eine jüdische Kaufmannsfamilie. Die Eltern führen ein Bettengeschäft. Bertholds musikalisches Talent erkennen sie früh, fördern und bestärken ihn. Mit sechs Jahren erhält er Klavierunterricht und beginnt nach seinem Verständnis zu „komponieren“, indem er Noten von Bach oder Mahler ausschneidet und neu zusammenklebt.

Die heile Welt findet bald ein abruptes Ende: Als der Erste Weltkrieg über Deutschland hereinbricht, ist Berthold zu jung für die Waffe. Stattdessen wird er zu kriegsdienenden Arbeiten aufs Land geschickt, wo er Zeuge von Misshandlungen an russischen Gefangenen wird. Erfahrungen, die ihn prägen und später zu einem überzeugten Antifaschisten machen. Als der Schrecken ein Ende hat, kehrt Goldschmidt für kurze Zeit in seine Heimatstadt zurück, um Philosophie und Kunstgeschichte zu studieren. Doch schnell besinnt er sich auf seine eigentliche Leidenschaft: Musik! Nächster Halt: Berlin.

Berlin

Denn Goldschmidts Ansprüche sind groß. Er möchte nicht an irgendeiner Hochschule studieren, sondern an der besten. Und nicht bei irgendwem, sondern beim Direktor persönlich. Also setzt er alles auf eine Karte und bewirbt sich um einen Platz an der Berliner Musikhochschule in der Kompositionsklasse von Franz Schreker. Er kann mit einem Scherzo für Klavier überzeugen und wird angenommen. Schon während des Studiums arbeitet er als Korrepetitor an der Staatsoper Unter den Linden, wo er Toscanini, Furtwängler und Walter kennenlernt. Unter Erich Kleiber spielt er bei der Uraufführung von Alban Bergs „Wozzeck“ die Celesta. Und auch mit seinen eigenen Werken weiß Goldschmidt zu überzeugen. „Meine Kompositionen haben immer ein Gerüst, sie sind planvoll konzipiert“, beschrieb er sein Kompositionsprinzip später. „Ich scheue nicht die Tonalität, und ich scheue auch nicht die Dissonanzen. Aber man muss eine eigene Sprache haben.“ Ausgangspunkt seiner Werke sind seine Beziehungen zu Frauen: „Meine Werke sind ausschließlich in diesem Zusammenhang entstanden.“ Die Passacaglia für Orchester op. 4 wird 1925 mit dem Mendelssohn-Preis ausgezeichnet. Über seine Ouvertüre „Komödie der Irrungen“ op. 6 heißt es nach der Uraufführung 1928: „Die Ouvertüre gefiel durch den echten Humor, die einige in spritziger Bewegung ausgezeichnet aufgebaute Themenspiele zu so schlagfertigen Pointen führte, dass eine Wiederholung nötig wurde.“

In den Folgejahren arbeitet Goldschmidt an seiner ersten Oper, während ihm einer seiner besten Freunde die erste große Liebe ausspannt. Dass der Titel der Oper ausgerechnet „Der gewaltige Hahnrei“ lautet, ist eine Komik, die wohl nur das Leben schreibt. Das große Überthema des Librettos ist eine unverhohlene Kritik an Machtmissbrauch und politischer Autorität – in Zeiten des aufkommenden Nationalsozialismus zugleich Nährboden für Erfolg und Polarisierung. Nach der Uraufführung am 14. Februar 1932 im Mannheimer Staatstheater soll „Der gewaltige Hahnrei“ im Folgejahr in der Deutschen Oper Berlin gezeigt werden. Doch dazu kommt es nicht mehr.

Mit der „Machtergreifung“ der Nazis wird Goldschmidt aller Ämter enthoben, seine Werke werden verboten, er selbst in Gewahrsam genommen. Als der Gestapobeamte jedoch herausfindet, dass Goldschmidt als Jude weniger für eine Klavierstunde nimmt als der Lehrer seiner Tochter, zeigt er sich gnädig: „Machen Sie, dass Sie so schnell wie möglich aus diesem Lande herauskommen!“

London

Weil er schon einige Kontakte in London hat, entscheidet er sich für die englische Hauptstadt. Mit zwei oder drei Anzügen in einem großen Kabinenkoffer und ein paar wenigen Kompositionen unter dem Arm schifft er sich ein. Über die Schweiz kann er Geld für die ersten Monate nach England schmuggeln. Dort erhält er zwar eine Aufenthalts-, aber keine Arbeitserlaubnis und muss sich mit Privatstunden über Wasser halten. Doch gemessen am Leid der Zurückgebliebenen, Verfolgten und Ermordeten, geht es ihm gut – eine Grundhaltung, die sich bei allen Schicksalsschlägen durch sein Leben zieht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich der Weg nach London für sein kompositorisches Schaffen bald als Sackgasse entpuppt. Während des Kriegs kann er nicht: „Was kann man komponieren, wenn um einen herum Morde geschehen in gigantischem Ausmaß? Wenn die Bomben herunterfallen, kann man nicht sagen, ich will trotzdem ein lyrisches Thema schreiben. Das geht eben nicht.“ Und später will er nicht mehr: Die radikalen Umwälzungen der Nachkriegsmoderne um Nono, Boulez und Stockhausen empfindet er als „geistige Diktatur“, der er sich nicht anpassen möchte. Berthold Goldschmidt bleibt sich treu, kommt mit seiner tonal-freitonalen Musik aber nicht mehr zu Wort. Er fühlt sich nicht verstanden, nicht gehört, nicht ernst genommen. Wie kann seine Musik, die vor dem Krieg als modern galt, plötzlich nichts mehr wert sein? Es ist der große Bruch in seiner Biografie.

Zwar entstehen in den 50er Jahren noch wichtige Werke: die „Ciaccona Sinfonica“, die Konzerte für Klarinette, Cello und Violine oder die Oper „Beatrice Cenci“. Doch als das Interesse an einer Aufführung ausbleibt, hängt Goldschmidt seinen Bleistift nach den „Mediterranean Songs“ an den Nagel: enttäuscht und verletzt zwar, aber nicht verbittert. Bis 1982 komponiert er nichts mehr und konzentriert sich vor allem auf das Dirigieren. Über seine Kontakte zur BBC, wo er bis 1947 das deutsche Programm geleitet hat, erhält er Engagements und lernt Deryck Cooke kennen, mit dem er Mahlers zehnte Sinfonie rekonstruiert und aufführt. Dann wird es still um Berthold Goldschmidt.

(Wieder-)Entdeckung

Und es bleibt still, bis sich die Berliner Festwochen 1987 das Motto „Verdrängte Musik: Berliner Komponisten im Exil“ auf ihre Fahnen schreiben und Simon Rattle die „Ciaccona Sinfonica“ aufführt. Es ist die Wiederentdeckung des Berthold Goldschmidt. Oder ist es überhaupt erst seine Entdeckung? Schlagartig ist Goldschmidt in aller Munde. „Das hätte ich mir nie träumen lassen. Das sind Ereignisse wie eine freundliche Apokalypse, die jetzt stattfindet, eine Zusammenraffung von Geschehnissen, die eigentlich über sechzig Jahre verteilt werden sollen. Die werden mir jetzt wie ein großes Los aus einem Knallbonbon serviert.“

Seine Oper „Beatrice Cenci“ kommt 1988 endlich zur Uraufführung, „Der gewaltige Hahnrei“ ist in Deutschland, der Schweiz und als „The Mighty Cuckold“ sogar in den USA erfolgreich. 1992, sechzig Jahre nach ihrer Absetzung, wird die Oper konzertant in der Berliner Philharmonie aufgeführt, zwei Jahre später szenisch in der Deutschen Oper. „Noch viel zu wenige wissen“, stellt die „Frankfurter Rundschau“ anschließend fest, „dass ‚Der gewaltige Hahnrei‘ zu den Opern gehört, die dem Besten des Jahrhunderts an die Seite zu stellen sind.“ Auf der Welle des Erfolgs folgen CD-Einspielungen, wissenschaftliche Auseinandersetzungen und die Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz. Und Berthold Goldschmidt komponiert auch wieder – seit 1982 schon, doch die plötzliche Anerkennung gibt ihm neuen Rückenwind. Sein letztes Werk, die zweite der „Deux Nocturnes“, komponiert er in seinem Todesjahr 1996 im Alter von 93 – vor genau dreißig Jahren.

All den Steinen und Hürden, den Schikanen und Enttäuschungen zum Trotz hat Berthold Goldschmidt nie aufgegeben und immer an sich und seine Musik geglaubt, in der Hoffnung, sie würde vielleicht eines Tages noch einmal eine Chance bekommen: „Man muss es nur überleben.“

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