Ein Stall voller Rennpferde
Das Stuttgarter Kammerorchester erfindet sich fortwährend neu und setzt in der Mitte zwischen Orchester- und Kammermusik vor allem auf eines: konstant hohe Qualität

Innovation und Tradition, Wandel und Beständigkeit sind keine Gegensätze. Sondern Tugenden, die einander stützen. Es gibt kein Ensemble, das dies so eindrucksvoll beweist wie eines, das schon wegen seiner Größe zwischen allen Stühlen sitzt. Die siebzehn Streicher des Stuttgarter Kammerorchesters (SKO) stehen in der Mitte zwischen Tutti und Individuum, Orchester- und Kammermusik, und wer sie kennt, mag sich zu der These versteigen, dass ebendieses Zwitterdasein der Humus ist für die Versöhnung scheinbarer Gegensätze. Altes und Neues, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: All dies vereint das SKO in seinen Programmen.
Bei seiner Gründung 1945 war das Stuttgarter Kammerorchester das erste Ensemble seiner Art. Vor allem mit den Bach-Aufführungen unter Karl Münchinger wurde es nach dem Zweiten Weltkrieg zum deutschen Exportweltmeister. Und zu einem Kulturbotschafter, der schon 1949 nach Frankreich eingeladen und beim ehemaligen Kriegsgegner frenetisch bejubelt wurde. Der gebürtige Stuttgarter Karl Münchinger hatte sich direkt nach Kriegsende aus einem amerikanischen Gefangenenlager bei Mannheim zu Fuß auf den Weg in seine Heimatstadt gemacht und dort zwischen den Trümmern nach Musikern gesucht. Was folgte, war eine typische Nachkriegs-Erfolgsgeschichte. Partituren wurden gefunden, Einzelstimmen abgeschrieben. Beim ersten Konzert des Stuttgarter Kammerorchesters am 18. September im Stuttgarter Furtbachhaus regnete es durch die Decke. Die nächsten Auftritte erfolgten im Austausch für Bezugsscheine, Lebensmittelmarken oder Heizmaterial. Aber schon 1947 hatte das Stuttgarter Kammerorchester einen Produktionsvertrag mit dem Süddeutschen Rundfunk, aus dem Musikerhaufen wurde ein eingetragener Verein.
Das damals noch neue Spielideal des Ensembles war ein Gegenentwurf zur nachromantischen Riesenbesetzung mit deutlich entschlacktem, hellem, durchsichtigem Klang, gepaart mit großer Präzision und Ernsthaftigkeit. „Da muss“, so ein Kritiker der „Stuttgarter Nachrichten“ anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums 1975, „in den Musikern eine Flamme aus unerschöpflichem Vorrat brennen; ein Licht, das leeren Wohlklang zerschmort, aber Linearitäten beleuchtet und Formen wachsen lässt.“ „Das Stuttgarter Kammerorchester“, so aus demselben Anlass sein Kollege von der „Stuttgarter Zeitung“, „spielt Bach mit intensivem Espressivo ohne gefühlige Romantizismen, mit Kantabilität ohne Glätte, die raschen Sätze mit nerviger Straffheit ohne starre Motorik, wobei in den Tanzsätzen eine gewisse Erdhaftigkeit mit Eleganz verbunden wird, innere Wärme mit äußerem Glanz.“
Diese Wärme hört man beim SKO noch immer, sie entsteht durch die verstärkte klangliche Mitte des Ensembles, in dem zwischen fünf ersten und vier zweiten Geigen auf der einen Seite und drei Celli plus Kontrabass auf der anderen vier Bratschen spielen. Wer sich ständig neu erfindet, braucht einen stabilen Kern, und dazu gehört auch der Klang des Ensembles. Ansonsten ist mittlerweile aber vieles ganz anders. Heute hat das Stuttgarter Kammerorchester als erstes Berufsorchester konsequent Notenpapier durch Tablets ersetzt, experimentiert mit künstlicher Intelligenz, mit neuen Räumlichkeiten und Präsentationsformen, bringt in Konzerten Musik (unter anderem) von Purcell und Nirvana, Vivaldi und Iron Maiden zusammen, stellt Klassik neben Rap, holt in einem Resozialisierungsprojekt jugendliche Straftäter auf die Bühne, hat den Frack abgeschafft (und durch schwarze Konzertkleidung mit roten Akzenten ersetzt), lockt Fußballfans in den Konzertsaal, spielt vor dem DFB-Pokalfinale in Berlin und bringt seit 2023 seine CDs auf einem eigenen Label heraus.
Möglich wird dies auch durch bürgerliches Engagement. Markus Korselt, seit 2017 Geschäftsführender Intendant des Ensembles, ist studierter Cellist (der in früheren Zeiten auch schon mal beim SKO ausgeholfen hat), Kulturmanager, ein geschickter Netzwerker – und er denkt in Zusammenhängen. Zum Beispiel so: Wenn das Orchester der Landeshauptstadt, die Stuttgarter Philharmoniker, während der Sanierung ihres Domizils ein Interim brauchen, wenn der Stadt ein Konzertsaal mit etwa tausend Plätzen fehlt, wenn ein Areal am Neckar zum Verkauf und ein Investor in den Startlöchern steht, wenn private Förderer zu festen finanziellen Zusagen bereit sind, dann liegt die Idee eines Neubaus nahe. Korselt bewirbt und betreibt das Projekt eines Konzertforums, das Stuttgart unbedingt bräuchte, nach Kräften; wäre die städtische Finanzlage eine andere, so wäre es längst schon im Bau.
Bei SKO Records kommen gerade nach und nach (bis 2027) sämtliche Sinfonien Beethovens heraus, geleitet von Thomas Zehetmair. Der Geiger und Dirigent ist seit 2019 Chefdirigent des Stuttgarter Kammerorchesters, und man hat sich so gut aufeinander eingestellt, dass Zehetmairs Vertrag erst vor Kurzem zum zweiten Mal bis 2029
verlängert wurde. Er ist der bislang Letzte in einer Reihe sehr unterschiedlicher Künstlerpersönlichkeiten, die das SKO geprägt haben. Und ganz besonders bei den Beethoven-Aufnahmen hört man die Imprägnierung, die das Ensemble – übrigens das Einzige seiner Art mit einer ununterbrochenen Geschichte – unter seinen Chefdirigenten erfahren hat.
Karl Münchinger stand 42 Jahre am Pult. In dieser Zeit wandelte sich im Musikleben sehr viel: Das Musizieren wurde individueller, die historische Aufführungspraxis etablierte sich, der Blick weitete sich, ging über Mitteleuropa hinaus. Nach einer nicht vollends glückenden Zeit unter Martin Sieghart öffnete Dennis Russell Davies zwischen 1995 und 2006 als Chef das Orchester für Musik der Gegenwart, ganz besonders für nordosteuropäische Werke und für Minimal Music. Russell Davies, bis heute Ehrendirigent des SKO, machte damals außerdem mit einer Gesamteinspielung aller 107 Haydn-Sinfonien von sich reden.
Dass auch dieses ambitionierte Projekt vom Zahn der Zeit nicht verschont blieb, hat wieder mit der Konkurrenz der historisch informierten Aufführungspraxis zu tun. Um hier den Anschluss zu halten, holte das Orchester bis 2013 Michael Hofstetter ins Boot, der mit alten Bögen und historischer Artikulation und Stilistik experimentierte. Danach hat Matthias Foremny drei Jahre lang den Blick wieder geweitet. Und so dem Markenzeichen des SKO zugearbeitet, denn die siebzehn Streicher wollten nie eine Spezialistentruppe sein – und wenn doch, dann eine für alles. Wenn jetzt Thomas Zehetmair an der Individualisierung des Klangs arbeitet, dann macht es ihm die Mann- und Frauschaft des SKO leicht, denn bei ihr hat sich seit einem Jahrzehnt ein Generationswandel vollzogen. Und eine Internationalisierung: Heute trägt das Ensemble nicht nur seine Klänge in alle Welt, sondern holt die Welt in seine Reihen. Das merkt man nicht zuletzt bei seinem jährlichen Dreikönigskonzert, wo es zur guten Tradition gehört, dass alle Musikerinnen und Musiker dem Publikum in ihrer jeweiligen Muttersprache ein gutes neues Jahr wünschen. Fun Fact und Ergebnis der häufigen Tourneen: Die Ersteinspielung der nepalesischen Nationalhymne stammt vom Stuttgarter Kammerorchester.
Was die multinationale Truppe verbindet? „Auf der tiefsten Ebene“, so Thomas Zehetmair, „ist Musik nicht planbar, sie lebt von der höchsten Sensibilisierung aller Beteiligten – das ist eine Qualität, die das Stuttgarter Kammerorchester schon seit Karl Münchinger auszeichnet.“ So viel zum künstlerischen Blick. Dafür, dass sich die Kunst des SKO auch auf dem Markt verkauft und behauptet, sorgt zuallererst konstant hohe Qualität. Das meint jedenfalls der Intendant. Das Stuttgarter Kammerorchester, so Markus Korselt, sei „ein Stall voller Rennpferde“. Die galoppieren schon mal in unterschiedliche Richtungen, finden aber immer wieder mit sichtbarer Freude zusammen. Im Übrigen, so Korselt, lebe es sich ganz wunderbar zwischen Orchester- und Kammermusik, „denn das ist unsere große Chance: dass wir in beide Richtungen atmen können“.
Innovation und Tradition, Wandel und Beständigkeit sind keine Gegensätze. Sondern Tugenden, die einander stützen. Es gibt kein Ensemble, das dies so eindrucksvoll beweist wie eines, das schon wegen seiner Größe zwischen allen Stühlen sitzt. Die siebzehn Streicher des Stuttgarter Kammerorchesters (SKO) stehen in der Mitte zwischen Tutti und Individuum, Orchester- und Kammermusik, und wer sie kennt, mag sich zu der These versteigen, dass ebendieses Zwitterdasein der Humus ist für die Versöhnung scheinbarer Gegensätze. Altes und Neues, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: All dies vereint das SKO in seinen Programmen.
Bei seiner Gründung 1945 war das Stuttgarter Kammerorchester das erste Ensemble seiner Art. Vor allem mit den Bach-Aufführungen unter Karl Münchinger wurde es nach dem Zweiten Weltkrieg zum deutschen Exportweltmeister. Und zu einem Kulturbotschafter, der schon 1949 nach Frankreich eingeladen und beim ehemaligen Kriegsgegner frenetisch bejubelt wurde. Der gebürtige Stuttgarter Karl Münchinger hatte sich direkt nach Kriegsende aus einem amerikanischen Gefangenenlager bei Mannheim zu Fuß auf den Weg in seine Heimatstadt gemacht und dort zwischen den Trümmern nach Musikern gesucht. Was folgte, war eine typische Nachkriegs-Erfolgsgeschichte. Partituren wurden gefunden, Einzelstimmen abgeschrieben. Beim ersten Konzert des Stuttgarter Kammerorchesters am 18. September im Stuttgarter Furtbachhaus regnete es durch die Decke. Die nächsten Auftritte erfolgten im Austausch für Bezugsscheine, Lebensmittelmarken oder Heizmaterial. Aber schon 1947 hatte das Stuttgarter Kammerorchester einen Produktionsvertrag mit dem Süddeutschen Rundfunk, aus dem Musikerhaufen wurde ein eingetragener Verein.
Das damals noch neue Spielideal des Ensembles war ein Gegenentwurf zur nachromantischen Riesenbesetzung mit deutlich entschlacktem, hellem, durchsichtigem Klang, gepaart mit großer Präzision und Ernsthaftigkeit. „Da muss“, so ein Kritiker der „Stuttgarter Nachrichten“ anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums 1975, „in den Musikern eine Flamme aus unerschöpflichem Vorrat brennen; ein Licht, das leeren Wohlklang zerschmort, aber Linearitäten beleuchtet und Formen wachsen lässt.“ „Das Stuttgarter Kammerorchester“, so aus demselben Anlass sein Kollege von der „Stuttgarter Zeitung“, „spielt Bach mit intensivem Espressivo ohne gefühlige Romantizismen, mit Kantabilität ohne Glätte, die raschen Sätze mit nerviger Straffheit ohne starre Motorik, wobei in den Tanzsätzen eine gewisse Erdhaftigkeit mit Eleganz verbunden wird, innere Wärme mit äußerem Glanz.“
Diese Wärme hört man beim SKO noch immer, sie entsteht durch die verstärkte klangliche Mitte des Ensembles, in dem zwischen fünf ersten und vier zweiten Geigen auf der einen Seite und drei Celli plus Kontrabass auf der anderen vier Bratschen spielen. Wer sich ständig neu erfindet, braucht einen stabilen Kern, und dazu gehört auch der Klang des Ensembles. Ansonsten ist mittlerweile aber vieles ganz anders. Heute hat das Stuttgarter Kammerorchester als erstes Berufsorchester konsequent Notenpapier durch Tablets ersetzt, experimentiert mit künstlicher Intelligenz, mit neuen Räumlichkeiten und Präsentationsformen, bringt in Konzerten Musik (unter anderem) von Purcell und Nirvana, Vivaldi und Iron Maiden zusammen, stellt Klassik neben Rap, holt in einem Resozialisierungsprojekt jugendliche Straftäter auf die Bühne, hat den Frack abgeschafft (und durch schwarze Konzertkleidung mit roten Akzenten ersetzt), lockt Fußballfans in den Konzertsaal, spielt vor dem DFB-Pokalfinale in Berlin und bringt seit 2023 seine CDs auf einem eigenen Label heraus.
Möglich wird dies auch durch bürgerliches Engagement. Markus Korselt, seit 2017 Geschäftsführender Intendant des Ensembles, ist studierter Cellist (der in früheren Zeiten auch schon mal beim SKO ausgeholfen hat), Kulturmanager, ein geschickter Netzwerker – und er denkt in Zusammenhängen. Zum Beispiel so: Wenn das Orchester der Landeshauptstadt, die Stuttgarter Philharmoniker, während der Sanierung ihres Domizils ein Interim brauchen, wenn der Stadt ein Konzertsaal mit etwa tausend Plätzen fehlt, wenn ein Areal am Neckar zum Verkauf und ein Investor in den Startlöchern steht, wenn private Förderer zu festen finanziellen Zusagen bereit sind, dann liegt die Idee eines Neubaus nahe. Korselt bewirbt und betreibt das Projekt eines Konzertforums, das Stuttgart unbedingt bräuchte, nach Kräften; wäre die städtische Finanzlage eine andere, so wäre es längst schon im Bau.
Bei SKO Records kommen gerade nach und nach (bis 2027) sämtliche Sinfonien Beethovens heraus, geleitet von Thomas Zehetmair. Der Geiger und Dirigent ist seit 2019 Chefdirigent des Stuttgarter Kammerorchesters, und man hat sich so gut aufeinander eingestellt, dass Zehetmairs Vertrag erst vor Kurzem zum zweiten Mal bis 2029
verlängert wurde. Er ist der bislang Letzte in einer Reihe sehr unterschiedlicher Künstlerpersönlichkeiten, die das SKO geprägt haben. Und ganz besonders bei den Beethoven-Aufnahmen hört man die Imprägnierung, die das Ensemble – übrigens das Einzige seiner Art mit einer ununterbrochenen Geschichte – unter seinen Chefdirigenten erfahren hat.
Karl Münchinger stand 42 Jahre am Pult. In dieser Zeit wandelte sich im Musikleben sehr viel: Das Musizieren wurde individueller, die historische Aufführungspraxis etablierte sich, der Blick weitete sich, ging über Mitteleuropa hinaus. Nach einer nicht vollends glückenden Zeit unter Martin Sieghart öffnete Dennis Russell Davies zwischen 1995 und 2006 als Chef das Orchester für Musik der Gegenwart, ganz besonders für nordosteuropäische Werke und für Minimal Music. Russell Davies, bis heute Ehrendirigent des SKO, machte damals außerdem mit einer Gesamteinspielung aller 107 Haydn-Sinfonien von sich reden.
Dass auch dieses ambitionierte Projekt vom Zahn der Zeit nicht verschont blieb, hat wieder mit der Konkurrenz der historisch informierten Aufführungspraxis zu tun. Um hier den Anschluss zu halten, holte das Orchester bis 2013 Michael Hofstetter ins Boot, der mit alten Bögen und historischer Artikulation und Stilistik experimentierte. Danach hat Matthias Foremny drei Jahre lang den Blick wieder geweitet. Und so dem Markenzeichen des SKO zugearbeitet, denn die siebzehn Streicher wollten nie eine Spezialistentruppe sein – und wenn doch, dann eine für alles. Wenn jetzt Thomas Zehetmair an der Individualisierung des Klangs arbeitet, dann macht es ihm die Mann- und Frauschaft des SKO leicht, denn bei ihr hat sich seit einem Jahrzehnt ein Generationswandel vollzogen. Und eine Internationalisierung: Heute trägt das Ensemble nicht nur seine Klänge in alle Welt, sondern holt die Welt in seine Reihen. Das merkt man nicht zuletzt bei seinem jährlichen Dreikönigskonzert, wo es zur guten Tradition gehört, dass alle Musikerinnen und Musiker dem Publikum in ihrer jeweiligen Muttersprache ein gutes neues Jahr wünschen. Fun Fact und Ergebnis der häufigen Tourneen: Die Ersteinspielung der nepalesischen Nationalhymne stammt vom Stuttgarter Kammerorchester.
Was die multinationale Truppe verbindet? „Auf der tiefsten Ebene“, so Thomas Zehetmair, „ist Musik nicht planbar, sie lebt von der höchsten Sensibilisierung aller Beteiligten – das ist eine Qualität, die das Stuttgarter Kammerorchester schon seit Karl Münchinger auszeichnet.“ So viel zum künstlerischen Blick. Dafür, dass sich die Kunst des SKO auch auf dem Markt verkauft und behauptet, sorgt zuallererst konstant hohe Qualität. Das meint jedenfalls der Intendant. Das Stuttgarter Kammerorchester, so Markus Korselt, sei „ein Stall voller Rennpferde“. Die galoppieren schon mal in unterschiedliche Richtungen, finden aber immer wieder mit sichtbarer Freude zusammen. Im Übrigen, so Korselt, lebe es sich ganz wunderbar zwischen Orchester- und Kammermusik, „denn das ist unsere große Chance: dass wir in beide Richtungen atmen können“.



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