Interview & Porträt

„Die zeitgenössische Musik muss unter die Leute“

Von
Christiane Peitz
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Astrid Karger
Foto: Astrid Karger

Wenn Iris ter Schiphorst komponiert, wird sie zur Sammlerin. Was immer ihr auf dem Weg Richtung Stück begegnet, greift sie auf und baut sie ein. Gewöhnlich gilt die Entstehung von Kunst als Prozess der Verdichtung, bei Iris ter Schiphorst organisiert sie sich umgekehrt durch Ablagerungen und Anreicherungen. So wird ihre Musik zum Echoraum der Gegenwart mit all ihren Wirrnissen, ihren sehnsuchtsvollen und schmutzigen Sounds.

Schon die Stücktitel künden davon. In „Whistle-Blower“ (2020/21) wehrt sich eine Blockflöte gegen die Attacken des Orchesters – eine Hommage an die Meinungsfreiheit und die Whistleblowerin Chelsea Manning. „meine-keine-lieder/die aufgabe von musik“ (2014) für Frauenstimme, Bassklarinette und Klavier/Keyboard, ein Auftragswerk zur Frage, ob nach 1945 noch Lieder zu singen seien, befasst sich mit dem romantischen Kunstlied und dem Rechtsruck in Deutschland. Und das Ensemblestück „Zerstören“ (2005/06) spielt mit schier berstender Dynamik auf Gewalt und Destruktion als zunehmende politische Option an.

Wobei Iris ter Schiphorst ihre Inspirationen weniger über Zitate und schon gar nicht programmatisch integriert, als dass sie sich ihre Fundstücke anverwandelt. Etwa im Streichquartett „Aus Liebe“ von 2013: Die Bach-Arie hörte sie in einer Aufführung der Matthäus-Passion unter Simon Rattle, modelte deren Motive mit polyphonen Techniken um, baute Textfragmente mittels Morsealphabet ein und dachte über Holland nach, denn sie schrieb das Stück für ein niederländisches Ensemble. Eine TV-Reportage über den holländischen Hungerwinter 1944/45 brachte sie schließlich auf die Kindheitserinnerungen ihres Vaters. Das Ergebnis: ein filigranes Gebilde, mit klirrenden, sirrenden, sich teils verfinsternden Streicherklängen.  

Iris ter Schiphorst ist eine gewitzte Komponistin, eine politische sowieso. Sie kann gar nicht anders, erzählt sie, als wir uns im Café in Berlin-Kreuzberg treffen, sie lebt schon lange in diesem Kiez. Bereits als Kind regis­trierte sie Ungerechtigkeiten, fühlte sich als Mädchen wie ein Mensch zweiter Klasse und fragte sich: „Wieso sind die Möglichkeiten von Welt nicht gleichberechtigt verteilt?“

Als junge Frau unterrichtete sie an der Musikschule Neukölln, dort traf sie auf Kinder und Jugendliche, die oft noch gar nicht in Berührung mit Musik gekommen waren. „Ich hätte klassischen Klavierunterricht geben können, aber das interessierte mich nicht.“ Lieber arrangierte sie Leonard Bernsteins „West Side Story“ für mehrere E-Orgeln, ebenjene Instrumente, die zur Verfügung standen. So lernte sie orchestrieren, auch sonst eignete sie sich das Komponieren in weiten Teilen autodidaktisch an.

Es wäre ohnehin falsch, sie einfach nur Komponistin zu nennen. Iris ter Schiphorst, die im Mai siebzig Jahre alt wurde, ist außerdem Pianistin, Bassistin, Keyboarderin, Publizistin, Pädagogin, Feministin. Bis 2022 lehrte sie Medienkomposition an der Wiener Musikuniversität; als stellvertretende Direktorin der Musik-Sektion an der Berliner Akademie der Künste engagiert sie sich im Kampf gegen den Klimawandel. Und sie protestierte gegen die aktuelle GEMA-Reform, wegen deren Entwertung der zeitgenössischen Klassik – leider vergeblich.  

Dass sie sich eine „Expertin fürs Dazwischen“ nennt, wundert einen nicht angesichts ihrer Biografie. Als Tochter eines Niederländers und einer deutschen Klavierlehrerin in Hamburg geboren, wuchs sie zwischen den Sprachen auf. Seit jeher fasziniert sie der Klang der Worte, das Eigenleben auch der Schriftsprache, ihre Assoziationsräume, ihre Bedeutung als Kommunikationsmittel. Gern baut sie Texte und O-Töne in ihre Stücke ein, seien es Verse von Ingeborg Bachmann (im Monodram „Undine geht!“, 2020/21) oder Unica Zürn (in der Orchesterballade „Hundert Komma Null“, 1999), Passagen von Hannah Arendt und der ostdeutschen Dichterin Inge Müller („meine-keine-lieder …“) oder die Stimme von Pierre Boulez („Make him talk!“, 2016).

Als Musikerin bewegt sie sich zwischen den Genres und Stilen. Mit vierzehn spielte sie Beethoven-Sonaten nach dem Gehör, studierte Klavier, trat das Meisterstudium aber nicht an und ging lieber auf Reisen, weil ihr die Klassik zu eng wurde. Im Radio hörte sie den Jazz- und Fusion-Bassisten Stanley Clarke, war begeistert von dessen Slaptechnik, brachte sich das E-Bass-Spielen bei und musizierte in Punk- und Funkbands.

Anfang der Achtziger, zur Hochzeit der Hausbesetzerbewegung, zog sie nach Berlin und hielt sich mit Jobs über Wasser. Unterrichtete an der Musikschule, putzte im Labor, gab Nachhilfe, arbeitete in der Altenpflege, als Sekretärin oder Zimmermädchen. „Ich hatte diese Hemingway’sche Attitüde, zumal ich anfangs Schriftstellerin werden wollte: Das sind alles interessante Lebenserfahrungen“, erinnert sie sich. „Heute denke ich, all das fließt bestimmt auch in meine Musik ein.“

In der Zeit studierte Iris ter Schiphorst auch Philosophie und Theaterwissenschaften, ging zu Vorlesungen von Luigi Nono und Dieter Schnebel. Und sie nahm mit ihrem Kassettenrekorder ständig Sounds auf, „den Regen, Straßengeräusche, heimlich auch Konzerte“. Sie begann zu sampeln, Klänge zu arrangieren, elektronisch zu verfremden, mit ihren „Hörlustmusiken“ zu spielen.

Einmal rumste in einem Schweizer Tal ein entsetzliches Geräusch los, „wegen der Berge mit Echoeffekt: Es war ein Bulldozer, und ich nahm ihn sofort auf“. Daraus entstand eine ihrer frühen wichtigen Kompositionen, „Ballade für einen Bulldozer“, für Synthesizer und verstärkte Violine. Die Geigerin Susanne Schulz, die zu Schiphorsts Ensemble Intrors gehörte, bestritt 1990 die Uraufführung.

Ihr Werkkatalog umfasst so gut wie alle Genres, darunter allein dreizehn Orchesterwerke und Musiktheaterstücke. Dazu gehören die bereits an vielen Häusern aufgeführte Kinderoper „Die Gänsemagd“ (2009) oder die szenische Komposition „Was wird hier eigentlich gespielt“ (2022/23), in Zusammenarbeit mit Felicitas Hoppe. Ihre mit zahlreichen Audio- und Videolinks zu den Werken versehene Webseite verzeichnet außerdem Solo- und Ensemblestücke, Filmmusiken und andere Multimediawerke.

Ein gemeinsamer Nenner? Das Berliner Zafraan Ensemble, das der Komponistin anlässlich ihres runden Geburtstags in diesem Jahr mehrere Jubiläumskonzerte und im Oktober ein ganztägiges Festival in Berlin widmet, bescheinigt Iris ter Schiphorst jedenfalls, dass sie „politische Wachheit mit poetischer Kraft, sinnlicher Klanglichkeit und formaler Radikalität“ verbindet.

Zu den herausragenden jüngeren Werken gehört „Hyper-Dub“ von 2022, eine Revision der widerständigen Atmosphäre der Achtzigerjahre, die
Schiphorst zusammen mit Dirk von Lowtzow entwickelt hat. Darin rezitiert der Tocotronic-Sänger eigene Verse vom „vorletzten Glas“, das er wieder „in einem Zustand absoluter Nüchternheit“ trinkt. Die Komponistin grundiert sie mit einem defekten, mikrotonal eingefärbten Sound des legendären Synthesizers MS 20, den das DAF-Gründungsmitglied Chrislo Haas generiert hat. Eine hochaktuelle Reminiszenz, sagt sie. „Wie widerständig sind wir eigentlich heute? Auch der Musikmarkt ist auf Effizienz getrimmt. Wir müssen uns die ,erfüllte Zeit‘, wie die Philosophin Eva von Redecker es nennt, zurückerobern.“

Uraufgeführt wurde „Hyper-Dub“ bei den Donaueschinger Musiktagen, dem Eldorado der seriellen Avantgarde. Als sie in den Neunzigern dort erstmals als Komponistin auftrat, war sie schockiert vom Machismo der Neue-Musik-Szene. „Von vielen wurde ich sehr schräg angesehen.“ In der Zeit komponierte sie auch gemeinsam mit ihrem damaligen Partner Helmut Oehring. „Dann hieß es schon mal, der arme Helmut, auf was hat er sich da eingelassen?“ Aber auch in den feministischen Zirkeln in Deutschland fühlte sie sich nicht immer wohl. Zu geschlossen, zu streng. Wieder saß sie zwischen den Stühlen.

Vereinnahmen lässt Iris ter Schiphorst sich bis heute nicht. Ob sie nun das Kuss-Quartett und den Blockflötisten Maurice Steger im Elf-Minuten-Stück „Sei gutes Muts“ mit den Füßen aufstampfen lässt, bis die „Der Tod und das Mädchen“-Paraphrasen in einen selbstironischen Kommentar münden: „Und der liebe Gott hängt fest im Dominantseptakkord.“ Oder ob sie sich um die Zukunft des Hörens sorgt.

Diese Zukunft liegt ihr am Herzen. Die Einübung ins Zuhören sei etwas Urdemokratisches, so die Komponistin: „Jemanden nicht unterbrechen, zu Ende sprechen lassen, erst dann reagieren …“ Immer hat sie das Dialogische im Sinn, ein „imaginäres Du“, seien es Erwachsene oder Kinder, wie in ihrer „Gänsemagd“-Märchenoper. Gerade Neue Musik könne sensibilisieren, verstören, im besten Wortsinn bewegen.

Ebendas sieht sie gefährdet. „Unsere Gesellschaft lässt zu, dass es kaum noch Musikunterricht gibt“, das falle uns bereits jetzt auf die Füße. Auch hätte die Umverteilung in der GEMA anders geregelt werden müssen. Sie kennt die Ochsentour von ihren eigenen Anfängen, aber die Aufkündigung der Solidargemeinschaft lässt dem Komponistennachwuchs kaum noch eine Chance.

Iris ter Schiphorst appelliert an Festivals, Orchester und Opernhäuser, Neue Musik nicht nur uraufzuführen, sondern sie auch wieder und wieder zu spielen. „Die zeitgenössische Musik muss unter die Leute, sie muss weiterleben, in möglichst verschiedenen Interpretationen.“ Dass sie 2025 ein Klarinettenstück für den ARD-Musikwettbewerb schreiben und es von den Teilnehmenden in den verschiedensten Versionen hören konnte, erlebte sie als großes Vergnügen.  

Der Klang der Zeit hat sich verändert, meint sie am Ende unseres Gesprächs. Unser kollektives Gehör ist ein anderes als vor zwanzig Jahren, nicht zuletzt wegen der Streamingdienste. Häufig werde der Content vorausgewählt, selbst das Live-Erlebnis sei oft durchformatiert. „Taylor Swift ist toll, aber ihre Konzerte sind durchgeplante, industrielle Großereignisse. Auch bei einem Klassikkonzert erleben wir selten etwas Unvorhergesehenes.“

Wer Musik von Iris ter Schiphorst hört, kann sicher sein, dass genau dies doch geschieht. In ihren Werken bringen die Musikerinnen und Musiker Klänge hervor, mit denen die Ohren nie im Leben gerechnet haben.

Wenn Iris ter Schiphorst komponiert, wird sie zur Sammlerin. Was immer ihr auf dem Weg Richtung Stück begegnet, greift sie auf und baut sie ein. Gewöhnlich gilt die Entstehung von Kunst als Prozess der Verdichtung, bei Iris ter Schiphorst organisiert sie sich umgekehrt durch Ablagerungen und Anreicherungen. So wird ihre Musik zum Echoraum der Gegenwart mit all ihren Wirrnissen, ihren sehnsuchtsvollen und schmutzigen Sounds.

Schon die Stücktitel künden davon. In „Whistle-Blower“ (2020/21) wehrt sich eine Blockflöte gegen die Attacken des Orchesters – eine Hommage an die Meinungsfreiheit und die Whistleblowerin Chelsea Manning. „meine-keine-lieder/die aufgabe von musik“ (2014) für Frauenstimme, Bassklarinette und Klavier/Keyboard, ein Auftragswerk zur Frage, ob nach 1945 noch Lieder zu singen seien, befasst sich mit dem romantischen Kunstlied und dem Rechtsruck in Deutschland. Und das Ensemblestück „Zerstören“ (2005/06) spielt mit schier berstender Dynamik auf Gewalt und Destruktion als zunehmende politische Option an.

Wobei Iris ter Schiphorst ihre Inspirationen weniger über Zitate und schon gar nicht programmatisch integriert, als dass sie sich ihre Fundstücke anverwandelt. Etwa im Streichquartett „Aus Liebe“ von 2013: Die Bach-Arie hörte sie in einer Aufführung der Matthäus-Passion unter Simon Rattle, modelte deren Motive mit polyphonen Techniken um, baute Textfragmente mittels Morsealphabet ein und dachte über Holland nach, denn sie schrieb das Stück für ein niederländisches Ensemble. Eine TV-Reportage über den holländischen Hungerwinter 1944/45 brachte sie schließlich auf die Kindheitserinnerungen ihres Vaters. Das Ergebnis: ein filigranes Gebilde, mit klirrenden, sirrenden, sich teils verfinsternden Streicherklängen.  

Iris ter Schiphorst ist eine gewitzte Komponistin, eine politische sowieso. Sie kann gar nicht anders, erzählt sie, als wir uns im Café in Berlin-Kreuzberg treffen, sie lebt schon lange in diesem Kiez. Bereits als Kind regis­trierte sie Ungerechtigkeiten, fühlte sich als Mädchen wie ein Mensch zweiter Klasse und fragte sich: „Wieso sind die Möglichkeiten von Welt nicht gleichberechtigt verteilt?“

Als junge Frau unterrichtete sie an der Musikschule Neukölln, dort traf sie auf Kinder und Jugendliche, die oft noch gar nicht in Berührung mit Musik gekommen waren. „Ich hätte klassischen Klavierunterricht geben können, aber das interessierte mich nicht.“ Lieber arrangierte sie Leonard Bernsteins „West Side Story“ für mehrere E-Orgeln, ebenjene Instrumente, die zur Verfügung standen. So lernte sie orchestrieren, auch sonst eignete sie sich das Komponieren in weiten Teilen autodidaktisch an.

Es wäre ohnehin falsch, sie einfach nur Komponistin zu nennen. Iris ter Schiphorst, die im Mai siebzig Jahre alt wurde, ist außerdem Pianistin, Bassistin, Keyboarderin, Publizistin, Pädagogin, Feministin. Bis 2022 lehrte sie Medienkomposition an der Wiener Musikuniversität; als stellvertretende Direktorin der Musik-Sektion an der Berliner Akademie der Künste engagiert sie sich im Kampf gegen den Klimawandel. Und sie protestierte gegen die aktuelle GEMA-Reform, wegen deren Entwertung der zeitgenössischen Klassik – leider vergeblich.  

Dass sie sich eine „Expertin fürs Dazwischen“ nennt, wundert einen nicht angesichts ihrer Biografie. Als Tochter eines Niederländers und einer deutschen Klavierlehrerin in Hamburg geboren, wuchs sie zwischen den Sprachen auf. Seit jeher fasziniert sie der Klang der Worte, das Eigenleben auch der Schriftsprache, ihre Assoziationsräume, ihre Bedeutung als Kommunikationsmittel. Gern baut sie Texte und O-Töne in ihre Stücke ein, seien es Verse von Ingeborg Bachmann (im Monodram „Undine geht!“, 2020/21) oder Unica Zürn (in der Orchesterballade „Hundert Komma Null“, 1999), Passagen von Hannah Arendt und der ostdeutschen Dichterin Inge Müller („meine-keine-lieder …“) oder die Stimme von Pierre Boulez („Make him talk!“, 2016).

Als Musikerin bewegt sie sich zwischen den Genres und Stilen. Mit vierzehn spielte sie Beethoven-Sonaten nach dem Gehör, studierte Klavier, trat das Meisterstudium aber nicht an und ging lieber auf Reisen, weil ihr die Klassik zu eng wurde. Im Radio hörte sie den Jazz- und Fusion-Bassisten Stanley Clarke, war begeistert von dessen Slaptechnik, brachte sich das E-Bass-Spielen bei und musizierte in Punk- und Funkbands.

Anfang der Achtziger, zur Hochzeit der Hausbesetzerbewegung, zog sie nach Berlin und hielt sich mit Jobs über Wasser. Unterrichtete an der Musikschule, putzte im Labor, gab Nachhilfe, arbeitete in der Altenpflege, als Sekretärin oder Zimmermädchen. „Ich hatte diese Hemingway’sche Attitüde, zumal ich anfangs Schriftstellerin werden wollte: Das sind alles interessante Lebenserfahrungen“, erinnert sie sich. „Heute denke ich, all das fließt bestimmt auch in meine Musik ein.“

In der Zeit studierte Iris ter Schiphorst auch Philosophie und Theaterwissenschaften, ging zu Vorlesungen von Luigi Nono und Dieter Schnebel. Und sie nahm mit ihrem Kassettenrekorder ständig Sounds auf, „den Regen, Straßengeräusche, heimlich auch Konzerte“. Sie begann zu sampeln, Klänge zu arrangieren, elektronisch zu verfremden, mit ihren „Hörlustmusiken“ zu spielen.

Einmal rumste in einem Schweizer Tal ein entsetzliches Geräusch los, „wegen der Berge mit Echoeffekt: Es war ein Bulldozer, und ich nahm ihn sofort auf“. Daraus entstand eine ihrer frühen wichtigen Kompositionen, „Ballade für einen Bulldozer“, für Synthesizer und verstärkte Violine. Die Geigerin Susanne Schulz, die zu Schiphorsts Ensemble Intrors gehörte, bestritt 1990 die Uraufführung.

Ihr Werkkatalog umfasst so gut wie alle Genres, darunter allein dreizehn Orchesterwerke und Musiktheaterstücke. Dazu gehören die bereits an vielen Häusern aufgeführte Kinderoper „Die Gänsemagd“ (2009) oder die szenische Komposition „Was wird hier eigentlich gespielt“ (2022/23), in Zusammenarbeit mit Felicitas Hoppe. Ihre mit zahlreichen Audio- und Videolinks zu den Werken versehene Webseite verzeichnet außerdem Solo- und Ensemblestücke, Filmmusiken und andere Multimediawerke.

Ein gemeinsamer Nenner? Das Berliner Zafraan Ensemble, das der Komponistin anlässlich ihres runden Geburtstags in diesem Jahr mehrere Jubiläumskonzerte und im Oktober ein ganztägiges Festival in Berlin widmet, bescheinigt Iris ter Schiphorst jedenfalls, dass sie „politische Wachheit mit poetischer Kraft, sinnlicher Klanglichkeit und formaler Radikalität“ verbindet.

Zu den herausragenden jüngeren Werken gehört „Hyper-Dub“ von 2022, eine Revision der widerständigen Atmosphäre der Achtzigerjahre, die
Schiphorst zusammen mit Dirk von Lowtzow entwickelt hat. Darin rezitiert der Tocotronic-Sänger eigene Verse vom „vorletzten Glas“, das er wieder „in einem Zustand absoluter Nüchternheit“ trinkt. Die Komponistin grundiert sie mit einem defekten, mikrotonal eingefärbten Sound des legendären Synthesizers MS 20, den das DAF-Gründungsmitglied Chrislo Haas generiert hat. Eine hochaktuelle Reminiszenz, sagt sie. „Wie widerständig sind wir eigentlich heute? Auch der Musikmarkt ist auf Effizienz getrimmt. Wir müssen uns die ,erfüllte Zeit‘, wie die Philosophin Eva von Redecker es nennt, zurückerobern.“

Uraufgeführt wurde „Hyper-Dub“ bei den Donaueschinger Musiktagen, dem Eldorado der seriellen Avantgarde. Als sie in den Neunzigern dort erstmals als Komponistin auftrat, war sie schockiert vom Machismo der Neue-Musik-Szene. „Von vielen wurde ich sehr schräg angesehen.“ In der Zeit komponierte sie auch gemeinsam mit ihrem damaligen Partner Helmut Oehring. „Dann hieß es schon mal, der arme Helmut, auf was hat er sich da eingelassen?“ Aber auch in den feministischen Zirkeln in Deutschland fühlte sie sich nicht immer wohl. Zu geschlossen, zu streng. Wieder saß sie zwischen den Stühlen.

Vereinnahmen lässt Iris ter Schiphorst sich bis heute nicht. Ob sie nun das Kuss-Quartett und den Blockflötisten Maurice Steger im Elf-Minuten-Stück „Sei gutes Muts“ mit den Füßen aufstampfen lässt, bis die „Der Tod und das Mädchen“-Paraphrasen in einen selbstironischen Kommentar münden: „Und der liebe Gott hängt fest im Dominantseptakkord.“ Oder ob sie sich um die Zukunft des Hörens sorgt.

Diese Zukunft liegt ihr am Herzen. Die Einübung ins Zuhören sei etwas Urdemokratisches, so die Komponistin: „Jemanden nicht unterbrechen, zu Ende sprechen lassen, erst dann reagieren …“ Immer hat sie das Dialogische im Sinn, ein „imaginäres Du“, seien es Erwachsene oder Kinder, wie in ihrer „Gänsemagd“-Märchenoper. Gerade Neue Musik könne sensibilisieren, verstören, im besten Wortsinn bewegen.

Ebendas sieht sie gefährdet. „Unsere Gesellschaft lässt zu, dass es kaum noch Musikunterricht gibt“, das falle uns bereits jetzt auf die Füße. Auch hätte die Umverteilung in der GEMA anders geregelt werden müssen. Sie kennt die Ochsentour von ihren eigenen Anfängen, aber die Aufkündigung der Solidargemeinschaft lässt dem Komponistennachwuchs kaum noch eine Chance.

Iris ter Schiphorst appelliert an Festivals, Orchester und Opernhäuser, Neue Musik nicht nur uraufzuführen, sondern sie auch wieder und wieder zu spielen. „Die zeitgenössische Musik muss unter die Leute, sie muss weiterleben, in möglichst verschiedenen Interpretationen.“ Dass sie 2025 ein Klarinettenstück für den ARD-Musikwettbewerb schreiben und es von den Teilnehmenden in den verschiedensten Versionen hören konnte, erlebte sie als großes Vergnügen.  

Der Klang der Zeit hat sich verändert, meint sie am Ende unseres Gesprächs. Unser kollektives Gehör ist ein anderes als vor zwanzig Jahren, nicht zuletzt wegen der Streamingdienste. Häufig werde der Content vorausgewählt, selbst das Live-Erlebnis sei oft durchformatiert. „Taylor Swift ist toll, aber ihre Konzerte sind durchgeplante, industrielle Großereignisse. Auch bei einem Klassikkonzert erleben wir selten etwas Unvorhergesehenes.“

Wer Musik von Iris ter Schiphorst hört, kann sicher sein, dass genau dies doch geschieht. In ihren Werken bringen die Musikerinnen und Musiker Klänge hervor, mit denen die Ohren nie im Leben gerechnet haben.

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