Interview & Porträt

Von Bayern in die Welt

Von
Dorothea Walchshäusl
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Daniel Delang
Foto: Daniel Delang

Der Klang der Stadt München ist denkbar vielstimmig. Da sind die klirrenden Bierkrüge beim „Prosit“ auf der Wiesn und die pulsierenden Beats aus dem Olympiastadion, da sind die symphonischen Klangwogen aus der Isarphilharmonie und die vielfältigen Spielarten der Straßenmusiker rund um den Stachus. Einen ganz besonderen Teil des Klangmosaiks bestimmt darüber hinaus das Münchener Kammerorchester, das seit seiner Gründung im Jahr 1950 in der bayerischen Hauptstadt zu Hause ist und seine künstlerische Qualität und programmatische Vielfalt von dort aus in die Welt trägt. Dabei offenbart das Ensemble quer durch die Epochen einen außergewöhnlich agilen und transparenten Klang und schafft es, mit einem ungewöhnlich breiten und der Gegenwart zugewandten Repertoire ein großes Publikum zu erreichen.

Initiiert wurde das Ensemble vor mittlerweile 76 Jahren durch einen Kreis von musikinteressierten Mitarbeitern bei Siemens, die – inspiriert vom Kammerorchester Basel unter Paul Sacher – ein ähnliches Ensemble in München schaffen wollten. Schnell entwickelte sich die von Christoph Stepp gegründete Gruppe zum professionellen Klangkörper, dessen Leitung fast vier Jahrzehnte lang Hans Stadl­mair innehatte. Ihm folgten erst Christoph Poppen, dann Alexander Liebreich als Dirigent und künstlerischer Leiter in Personalunion. Ab 2016 wirkte schließlich Clemens Schuldt sechs Jahre als Chefdirigent.

2022 entschied sich das Orchester zu einem einzigartigen Dirigenten-Triumvirat: Mit Jörg Widmann, Enrico Onofri und Bas Wiegers gibt es drei sogenannte „Associated Conductors“, die jeweils eigenständige Programme mit dem Ensemble verwirklichen. Solokontrabassistin Tatjana Erler, die dem Orchester seit 2014 angehört und auch Orchestervorstand ist, hat diese Entwicklung als logischen Schritt erlebt. „Wir hatten auch vorher schon regelmäßig mit anderen Gastdirigenten gearbeitet, deshalb war das kein Bruch.“ Das Orchester habe sich in den letzten zwanzig Jahren stilistisch extrem weiterentwickelt, zudem habe man immer mehr Wert darauf gelegt, die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis miteinzubinden. Der daraus resultierende Anspruch, „in jeder Epoche so gut wie möglich zu spielen“, habe fast zwingend dazu geführt, „dass man sich mit mehreren Dirigenten aufstellt, um unter ihrer Leitung möglichst tief in das jeweilige Repertoire einzutauchen“.

Diesen Anspruch betont auch Florian Ganslmeier, der bereits seit zwanzig Jahren Geschäftsführer des Münchener Kammerorchesters und seit 2016 zudem Mitglied der künstlerischen Leitung ist. Jörg Widmann, Enrico Onofri und Bas Wiegers verkörpern aus seiner Sicht geradezu ideal das weite künstlerische Spektrum des Orchesters und den Willen, der Musik vom Barock bis heute neue Dimensionen abzugewinnen.

Die Programme selbst werden seit zehn Jahren von der künstlerischen Leitung des MKO gestaltet, einem Gremium, dem neben den beiden Konzertmeistern zwei weitere Orchestermitglieder sowie der Geschäftsführer und der Konzertplaner angehören. „Wir wollen gemeinsam Programme erarbeiten, denen man die Handschrift des Orchesters ansieht“, sagt Gansl­meier. Diese Handschrift steht für die Pflege des klassischen Kammerorchester-Repertoires ebenso wie für die intensive Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik und ganz besonders für den Brückenschlag zwischen Vertrautem und Unbekanntem. Das findet auch beim Publikumszuspruch seinen Widerhall. „Uns hören Leute aus verschiedenen Richtungen zu“, sagt Tatjana Erler, begeisterte Verfechter neuer Musik ebenso wie Liebhaber der Klassik. Ziel sei, dass alle Zuhörer in den Konzerten „etwas erleben, das sie noch nicht kennen und als Mehrwert für sich entdecken“.

Seit der Gründung liegt ein wesentlicher Schwerpunkt auf der Erweiterung des Kammerorchester-Repertoires. Zahlreiche Werke wurden in den vergangenen Jahrzehnten in Auftrag gegeben und uraufgeführt, Komponistinnen und Komponisten wie Wolfgang Rihm, Tan Dun, Chaya Czernowin, Georg Friedrich Haas, Beat Furrer oder Miroslav Srnka haben Werke für das Münchener Kammerorchester komponiert. Die neugierige Erkundung zeitgenössischer Kunst ebenso wie der neue Blick auf vermeintlich Vertrautes spiegeln sich darüber hinaus in den zahlreichen Aufnahmen des Ensembles wider. In diesem Sommer erscheint etwa ein Teil eines besonderen Beethoven-Projekts unter Leitung von Enrico Onofri, bei dem die Sinfonien Beethovens mit Werken einiger seiner italienischen Zeitgenossen kombiniert werden.

Der Kern des Ensembles, 28 fest angestellte Streicher aus 16 verschiedenen Ländern, wird je nach Repertoire flexibel erweitert. Überhaupt sind Flexibilität und Bewegung Wesensmerkmale des Orchesters. 1950 fanden sich Musiker ganz unterschiedlichen Alters zum Münchener Kammerorchester zusammen, was dazu führt, dass sich die Besetzung über die Jahre stetig erneuert: Ältere Mitglieder verlassen das Orchester, jüngere kommen nach. Diese Dynamik führe zu einem ständigen Diskurs, in welche Richtung es weitergehen soll, berichtet Tatjana Erler. Mit jedem neuen Mitglied komme frischer Wind herein. „Unsere Musiker kommen aus ganz verschiedenen Richtungen. Es sind keine Gesinnungsgenossen von Anfang an“, sagt auch Florian Gansl­meier. So habe es auch keine harten Übergänge oder Brüche in der Ensemblegeschichte gegeben. Während früher alle Mitglieder Vollzeitstellen hatten, gibt es seit einigen Jahren auch halbe oder Dreiviertelstellen. Der Grund: „Gerade die unglaublich guten jungen Musiker, die das Orchester künstlerisch ganz massiv weiterbringen, spielen oft auch im Streichquartett oder verwirklichen andere künstlerische Dinge“, so Ganslmeier.

Die Festanstellung ist nach Tatjana Erlers Erfahrung wesentlich für das künstlerische Selbstverständnis des Orchesters. „Es mag eine Formalie sein, aber sie schlägt sich spürbar nieder im Gruppengefühl und in der Verantwortung, die wir alle füreinander und für die Musik empfinden“, sagt die Kontrabassistin. Die gemeinsame Arbeit werde dadurch noch verbindlicher. Aus Sicht von Florian Ganslmeier vereint die Struktur des MKO „das Beste aus zwei Welten“. Da sei einerseits eine große musikalische wie soziale Stabilität. Andererseits aber handle es sich eben doch um ein „unabhängiges, freies Orchester, das in dem Bewusstsein lebt, dass erst mal nichts selbstverständlich und in Stein gemeißelt ist“. Für den Geschäftsführer ist das ein Vorteil. „Bei uns gibt es eine große Flexibilität und eine Bereitschaft, in Krisen sofort aktiv zu werden und etwas zu machen.“ In Ausnahmephasen wie der Corona-Pandemie habe sich genau jene Fähigkeit bewährt.

Als freier Zuschussnehmer wird das MKO vom Freistaat Bayern, der Stadt München und dem Bezirk Oberbayern gefördert, zudem ist seit mehr als zwanzig Jahren die European Computer Telecoms AG (ECT) als offizieller Hauptsponsor aktiv. Heute ist das MKO in Sachen Stabilität und künstlerischer Qualität ein Leuchtturmprojekt im Kreis der freien Zuschussnehmer. Dabei war die finanzielle Situation des Orchesters längst nicht immer so stabil. „In den 90er Jahren war das Orchester in einer enormen finanziellen Schieflage“, erzählt Florian Ganslmeier. Die Qualität des Orchesters habe sich nicht in den Abonnenten- und Zuschauerzahlen widergespiegelt. Angesichts der anhaltenden Krise entschlossen sich damals sämtliche Mitglieder des MKO, Musiker wie Teile des Managements, zehn Prozent ihres Gehalts zu flexibilisieren. „Durch dieses Modell einer Risikorücklage haben wir es geschafft, uns zu entschulden“, sagt Ganslmeier, und bis heute bestehe dieses Modell, um für Krisenzeiten gerüstet zu sein – wobei die Rücklage in letzter Zeit immer ausgezahlt werden konnte.

Auch wenn das Münchener Kammerorchester international gefeiert wird – die Verbindung zur Heimatstadt München ist denkbar eng. Dies zeigt sich nicht nur in der zentralen Konzertreihe im Prinzregententheater, sondern auch in außergewöhnlichen Konzertformaten an Münchner Kernorten, etwa den Komponistenporträts in der Pinakothek der Moderne oder dem „MKO Songbook“ in der Werkstattatmosphäre der Spielstätte „schwere reiter“. „Wir haben in München eine grandiose Spielwiese für unsere musikalische Arbeit – das ist ein Riesenprivileg, das wir alle sehr schätzen“, sagt Tatjana Erler. Die Saison 2026/27 des MKO steht unter dem Motto „Heimat(en)“ – einem Begriff, der möglichst facettenreich und durchaus auch kontrovers diskutiert und in der Kunst erfahren werden soll. „Uns geht es um eine diskursive Öffnung nach außen – darum, dass wir zu der Musik, die wir spielen wollen, verschiedene Assoziationsebenen ermöglichen“, sagt Florian Ganslmeier. Damit einher gehe bei aller Unantastbarkeit der Kunst selbst durchaus auch eine politische Dimension, schließlich sei es in Zeiten, in denen der Gedanke der „Heimat“ mitunter politisch missbraucht werde, auch Aufgabe der Kunst, andere Sichtweisen zu bestärken.

Für Tatjana Erler betrifft die Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff auch das MKO selbst. „Wir haben hier in München und in unserem Ensemble ganz klar unsere Heimat, und das ist ein großer Schatz. Gleichzeitig ist es wichtig, sich nicht zu bequem einzurichten in seinem Zuhause, sondern den Blick nach außen hin bewusst offen zu halten“, so die Kontrabassistin. Immer weiter zu forschen, aber sich nicht selbst zu verlieren, das Bekannte neu zu erkunden und gleichzeitig über den Tellerrand zu schauen – das ist Anspruch und Kern des Münchener Kammerorchesters.

Der Klang der Stadt München ist denkbar vielstimmig. Da sind die klirrenden Bierkrüge beim „Prosit“ auf der Wiesn und die pulsierenden Beats aus dem Olympiastadion, da sind die symphonischen Klangwogen aus der Isarphilharmonie und die vielfältigen Spielarten der Straßenmusiker rund um den Stachus. Einen ganz besonderen Teil des Klangmosaiks bestimmt darüber hinaus das Münchener Kammerorchester, das seit seiner Gründung im Jahr 1950 in der bayerischen Hauptstadt zu Hause ist und seine künstlerische Qualität und programmatische Vielfalt von dort aus in die Welt trägt. Dabei offenbart das Ensemble quer durch die Epochen einen außergewöhnlich agilen und transparenten Klang und schafft es, mit einem ungewöhnlich breiten und der Gegenwart zugewandten Repertoire ein großes Publikum zu erreichen.

Initiiert wurde das Ensemble vor mittlerweile 76 Jahren durch einen Kreis von musikinteressierten Mitarbeitern bei Siemens, die – inspiriert vom Kammerorchester Basel unter Paul Sacher – ein ähnliches Ensemble in München schaffen wollten. Schnell entwickelte sich die von Christoph Stepp gegründete Gruppe zum professionellen Klangkörper, dessen Leitung fast vier Jahrzehnte lang Hans Stadl­mair innehatte. Ihm folgten erst Christoph Poppen, dann Alexander Liebreich als Dirigent und künstlerischer Leiter in Personalunion. Ab 2016 wirkte schließlich Clemens Schuldt sechs Jahre als Chefdirigent.

2022 entschied sich das Orchester zu einem einzigartigen Dirigenten-Triumvirat: Mit Jörg Widmann, Enrico Onofri und Bas Wiegers gibt es drei sogenannte „Associated Conductors“, die jeweils eigenständige Programme mit dem Ensemble verwirklichen. Solokontrabassistin Tatjana Erler, die dem Orchester seit 2014 angehört und auch Orchestervorstand ist, hat diese Entwicklung als logischen Schritt erlebt. „Wir hatten auch vorher schon regelmäßig mit anderen Gastdirigenten gearbeitet, deshalb war das kein Bruch.“ Das Orchester habe sich in den letzten zwanzig Jahren stilistisch extrem weiterentwickelt, zudem habe man immer mehr Wert darauf gelegt, die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis miteinzubinden. Der daraus resultierende Anspruch, „in jeder Epoche so gut wie möglich zu spielen“, habe fast zwingend dazu geführt, „dass man sich mit mehreren Dirigenten aufstellt, um unter ihrer Leitung möglichst tief in das jeweilige Repertoire einzutauchen“.

Diesen Anspruch betont auch Florian Ganslmeier, der bereits seit zwanzig Jahren Geschäftsführer des Münchener Kammerorchesters und seit 2016 zudem Mitglied der künstlerischen Leitung ist. Jörg Widmann, Enrico Onofri und Bas Wiegers verkörpern aus seiner Sicht geradezu ideal das weite künstlerische Spektrum des Orchesters und den Willen, der Musik vom Barock bis heute neue Dimensionen abzugewinnen.

Die Programme selbst werden seit zehn Jahren von der künstlerischen Leitung des MKO gestaltet, einem Gremium, dem neben den beiden Konzertmeistern zwei weitere Orchestermitglieder sowie der Geschäftsführer und der Konzertplaner angehören. „Wir wollen gemeinsam Programme erarbeiten, denen man die Handschrift des Orchesters ansieht“, sagt Gansl­meier. Diese Handschrift steht für die Pflege des klassischen Kammerorchester-Repertoires ebenso wie für die intensive Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik und ganz besonders für den Brückenschlag zwischen Vertrautem und Unbekanntem. Das findet auch beim Publikumszuspruch seinen Widerhall. „Uns hören Leute aus verschiedenen Richtungen zu“, sagt Tatjana Erler, begeisterte Verfechter neuer Musik ebenso wie Liebhaber der Klassik. Ziel sei, dass alle Zuhörer in den Konzerten „etwas erleben, das sie noch nicht kennen und als Mehrwert für sich entdecken“.

Seit der Gründung liegt ein wesentlicher Schwerpunkt auf der Erweiterung des Kammerorchester-Repertoires. Zahlreiche Werke wurden in den vergangenen Jahrzehnten in Auftrag gegeben und uraufgeführt, Komponistinnen und Komponisten wie Wolfgang Rihm, Tan Dun, Chaya Czernowin, Georg Friedrich Haas, Beat Furrer oder Miroslav Srnka haben Werke für das Münchener Kammerorchester komponiert. Die neugierige Erkundung zeitgenössischer Kunst ebenso wie der neue Blick auf vermeintlich Vertrautes spiegeln sich darüber hinaus in den zahlreichen Aufnahmen des Ensembles wider. In diesem Sommer erscheint etwa ein Teil eines besonderen Beethoven-Projekts unter Leitung von Enrico Onofri, bei dem die Sinfonien Beethovens mit Werken einiger seiner italienischen Zeitgenossen kombiniert werden.

Der Kern des Ensembles, 28 fest angestellte Streicher aus 16 verschiedenen Ländern, wird je nach Repertoire flexibel erweitert. Überhaupt sind Flexibilität und Bewegung Wesensmerkmale des Orchesters. 1950 fanden sich Musiker ganz unterschiedlichen Alters zum Münchener Kammerorchester zusammen, was dazu führt, dass sich die Besetzung über die Jahre stetig erneuert: Ältere Mitglieder verlassen das Orchester, jüngere kommen nach. Diese Dynamik führe zu einem ständigen Diskurs, in welche Richtung es weitergehen soll, berichtet Tatjana Erler. Mit jedem neuen Mitglied komme frischer Wind herein. „Unsere Musiker kommen aus ganz verschiedenen Richtungen. Es sind keine Gesinnungsgenossen von Anfang an“, sagt auch Florian Gansl­meier. So habe es auch keine harten Übergänge oder Brüche in der Ensemblegeschichte gegeben. Während früher alle Mitglieder Vollzeitstellen hatten, gibt es seit einigen Jahren auch halbe oder Dreiviertelstellen. Der Grund: „Gerade die unglaublich guten jungen Musiker, die das Orchester künstlerisch ganz massiv weiterbringen, spielen oft auch im Streichquartett oder verwirklichen andere künstlerische Dinge“, so Ganslmeier.

Die Festanstellung ist nach Tatjana Erlers Erfahrung wesentlich für das künstlerische Selbstverständnis des Orchesters. „Es mag eine Formalie sein, aber sie schlägt sich spürbar nieder im Gruppengefühl und in der Verantwortung, die wir alle füreinander und für die Musik empfinden“, sagt die Kontrabassistin. Die gemeinsame Arbeit werde dadurch noch verbindlicher. Aus Sicht von Florian Ganslmeier vereint die Struktur des MKO „das Beste aus zwei Welten“. Da sei einerseits eine große musikalische wie soziale Stabilität. Andererseits aber handle es sich eben doch um ein „unabhängiges, freies Orchester, das in dem Bewusstsein lebt, dass erst mal nichts selbstverständlich und in Stein gemeißelt ist“. Für den Geschäftsführer ist das ein Vorteil. „Bei uns gibt es eine große Flexibilität und eine Bereitschaft, in Krisen sofort aktiv zu werden und etwas zu machen.“ In Ausnahmephasen wie der Corona-Pandemie habe sich genau jene Fähigkeit bewährt.

Als freier Zuschussnehmer wird das MKO vom Freistaat Bayern, der Stadt München und dem Bezirk Oberbayern gefördert, zudem ist seit mehr als zwanzig Jahren die European Computer Telecoms AG (ECT) als offizieller Hauptsponsor aktiv. Heute ist das MKO in Sachen Stabilität und künstlerischer Qualität ein Leuchtturmprojekt im Kreis der freien Zuschussnehmer. Dabei war die finanzielle Situation des Orchesters längst nicht immer so stabil. „In den 90er Jahren war das Orchester in einer enormen finanziellen Schieflage“, erzählt Florian Ganslmeier. Die Qualität des Orchesters habe sich nicht in den Abonnenten- und Zuschauerzahlen widergespiegelt. Angesichts der anhaltenden Krise entschlossen sich damals sämtliche Mitglieder des MKO, Musiker wie Teile des Managements, zehn Prozent ihres Gehalts zu flexibilisieren. „Durch dieses Modell einer Risikorücklage haben wir es geschafft, uns zu entschulden“, sagt Ganslmeier, und bis heute bestehe dieses Modell, um für Krisenzeiten gerüstet zu sein – wobei die Rücklage in letzter Zeit immer ausgezahlt werden konnte.

Auch wenn das Münchener Kammerorchester international gefeiert wird – die Verbindung zur Heimatstadt München ist denkbar eng. Dies zeigt sich nicht nur in der zentralen Konzertreihe im Prinzregententheater, sondern auch in außergewöhnlichen Konzertformaten an Münchner Kernorten, etwa den Komponistenporträts in der Pinakothek der Moderne oder dem „MKO Songbook“ in der Werkstattatmosphäre der Spielstätte „schwere reiter“. „Wir haben in München eine grandiose Spielwiese für unsere musikalische Arbeit – das ist ein Riesenprivileg, das wir alle sehr schätzen“, sagt Tatjana Erler. Die Saison 2026/27 des MKO steht unter dem Motto „Heimat(en)“ – einem Begriff, der möglichst facettenreich und durchaus auch kontrovers diskutiert und in der Kunst erfahren werden soll. „Uns geht es um eine diskursive Öffnung nach außen – darum, dass wir zu der Musik, die wir spielen wollen, verschiedene Assoziationsebenen ermöglichen“, sagt Florian Ganslmeier. Damit einher gehe bei aller Unantastbarkeit der Kunst selbst durchaus auch eine politische Dimension, schließlich sei es in Zeiten, in denen der Gedanke der „Heimat“ mitunter politisch missbraucht werde, auch Aufgabe der Kunst, andere Sichtweisen zu bestärken.

Für Tatjana Erler betrifft die Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff auch das MKO selbst. „Wir haben hier in München und in unserem Ensemble ganz klar unsere Heimat, und das ist ein großer Schatz. Gleichzeitig ist es wichtig, sich nicht zu bequem einzurichten in seinem Zuhause, sondern den Blick nach außen hin bewusst offen zu halten“, so die Kontrabassistin. Immer weiter zu forschen, aber sich nicht selbst zu verlieren, das Bekannte neu zu erkunden und gleichzeitig über den Tellerrand zu schauen – das ist Anspruch und Kern des Münchener Kammerorchesters.