„Ein guter Freund und guter Capellmeister“
Der Komponist, Dirigent, Pianist und Brahms-Freund Otto Dessoff, der die Uraufführung der ersten Sinfonie leitete

Ende Oktober 1876 schrieb Johannes Brahms aus seinem Baden-Badener Domizil an seinen Freund Otto Dessoff, der seit einem guten Jahr Hofkapellmeister in Karlsruhe war: „Es war mir nämlich immer ein heimlich lieber Gedanke, das Ding zuerst in der kleinen Stadt, die einen guten Freund, guten Capellmeister und gutes Orchester hat, zu hören.“ Dass Brahms „das Ding“, nämlich seine von der Musikwelt mit höchster Spannung erwartete erste Sinfonie nicht in einem der großen Musikzentren, zum Beispiel Wien oder Leipzig, präsentierte, hat einen guten Grund: Er wollte einem möglichen Misserfolg, wie er ihn 1859 mit seinem ersten Klavierkonzert in Leipzig erlebt hatte, vorbeugen und sein nach sehr langem Ringen entstandenes Werk zunächst einmal von außen beurteilen. Der triumphale Erfolg bei der Uraufführung am 4. November 1876 im „großen Saal des Museums“ in Karlsruhe unter Dessoffs Leitung und in Anwesenheit des Komponisten wurde anschließend mit seinen vielen Freunden und Verehrern gefeiert, unter ihnen der bedeutende Altphilologe Gustav Wendt, Direktor des Gymnasiums und Großvater des Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Damit hatte Brahms die musikalische Königsgattung „Sinfonie“ trotz des Schattens Beethovens neu definiert, was umso bemerkenswerter war, weil nur drei Monate zuvor mit Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth ein weiterer Wendepunkt der Musikgeschichte erreicht worden war. Dass Brahms vom Konzertmeister des Karlsruher Orchesters, dem Spohr-Schüler Karl Will, nach dem Konzert einen bewegenden Dankesbrief bekam, ist allerdings ein singuläres Ereignis, zumal Will in Bayreuth als einer der Konzertmeister mitgewirkt hatte!
Anlässlich der 125. Wiederkehr der Uraufführung der ersten Sinfonie von Brahms gab es in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe eine Ausstellung unter dem Titel „Otto Dessoff (1835-1892) – Ein Dirigent, Komponist und Weggefährte von Johannes Brahms“, zu der auch ein reich bebildertes Begleitbuch erschienen ist (München 2001, Katzbichler). Die Ausstellung mit Autographen, Erstausgaben, Fotos, Bildern, Urkunden und Programmzetteln wurde anschließend auch in Baden-Baden, Wien, Chemnitz, Zwickau, Kassel und Frankfurt am Main, also an den wichtigsten Wirkungsstätten Dessoffs, gezeigt. Die im Brahms-Jahr 1983 begonnene Wiederentdeckung des allzu lange übersehenen und vergessenen Dessoff als Komponist und Dirigent nahm von da an Fahrt auf.
Felix Otto Dessoff wurde am 14. Januar 1835 in Leipzig geboren. Den ersten Musikunterricht erhielt der Sohn eines Tuchhändlers aus Dessau von seiner Mutter Emma, geborene Herzfeld. Mit vierzehn Jahren war der musikbegeisterte und begabte Knabe entschlossen, Musiker zu werden; die Entscheidung darüber legte man vertrauensvoll in die Hände Franz Liszts, der, als ihm der Junge in Weimar vorgespielt hatte, zu seiner Mutter sagte: „Madame, lassen Sie diesen da nur ruhig Musiker werden, wir werden es alle drei nicht bereuen.“ Dessoff wurde 1851 Schüler des Leipziger Konservatoriums, wo der Thomaskantor Moritz Hauptmann, Ignaz Moscheles und Julius Rietz in der Komposition, im Klavierspiel und im Dirigieren seine Lehrer waren. Bereits 1854 musste der Neunzehnjährige in die musikalische Praxis eintreten. Der steinige Weg als Theaterkapellmeister, der aber die Grundlage für seine erfolgreiche Tätigkeit als Dirigent legte, führte von Altenburg über Chemnitz, Düsseldorf, Aachen und Magdeburg nach Kassel.
Hier nahm seine Laufbahn unerwartet eine entscheidende Wende. Durch die Fürsprache zweier Sänger wurde er zum Probedirigieren an die Wiener Hofoper eingeladen und leitete dort am 7. September 1859 auswendig eine Vorstellung von Rossinis „Wilhelm Tell“, die ihm nicht nur den großen Beifall des Publikums, sondern auch einen Vertrag als Kapellmeister an diesem renommierten Hause einbrachte. Schon am 1. Januar 1860 trat er sein neues Amt an. Am 26. September 1860 wurde er unerwarteterweise auch mit 62 Stimmen zum neuen Leiter der „Philharmonischen Konzerte“ gewählt, obwohl er erst 25 Jahre alt und Ausländer war. 1861 wurde er Professor für Kompositionslehre am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Zu seinen Schülern gehörten dort unter anderen die Komponisten und Dirigenten Ignaz Brüll, Robert Fuchs, Wilhelm Gericke, Hermann Grädener, Heinrich von Herzogenberg, Richard Heuberger, Felix Mottl, Arthur Nikisch, Richard von Perger und Ernst von Schuch sowie der Musikwissenschaftler (und Freund Gustav Mahlers) Guido Adler. Dessoff entfaltete nicht nur eine rege und erfolgreiche Tätigkeit als Operndirigent, sondern brachte auch die 1842 von Otto Nicolai begründeten, aber inzwischen nur mit Unterbrechungen und starken Niveauschwankungen veranstalteten „Philharmonischen Konzerte“ zu neuer Blüte. Auf dem ersten erhaltenen Foto der Wiener Philharmoniker aus dem Jahre 1864 sieht man ihn im Kreise des Orchesters, dessen Aufstieg zur Weltgeltung nicht zuletzt auch seinem unermüdlichen künstlerischen und organisatorischen Wirken zu verdanken ist.
Während dieser Zeit lernte auch Brahms den erfolgreichen Dirigenten kennen. An Dessoffs Mittagstafel lag damals nach den „Philharmonischen Sonntagskonzerten“ immer ein Gedeck für den Junggesellen bereit. Auch für dessen noch keineswegs anerkannte Werke setzte er sich tatkräftig ein, zum Beispiel 1863 für die zweite Serenade A-Dur op. 16. Sechs Jahre später lehnten die Philharmoniker in einer Probe die erste Serenade D-Dur op. 11 ab, worüber Dessoff so in Wut geriet, dass er mit dem Taktstock die Partitur durchbohrte und davonlief. Dennoch kam es am 12. Dezember 1869 zu einer Aufführung des Werkes unter Leitung des Komponisten, weil Dessoff mit seiner Demission gedroht hatte. Am 22. Januar 1871 spielte Brahms sein Klavierkonzert d-Moll op. 15 unter Dessoffs Leitung, am 2. November 1873 konnte er selbst die Uraufführung seiner „Variationen über ein Thema von Joseph Haydn“ op. 56a dirigieren. Misshelligkeiten mit seinem Kollegen Herbeck, die ständigen Anfeindungen eines böswilligen Musikkritikers und der Rat seines Freundes Brahms veranlassten Dessoff, das Angebot, als Hofkapellmeister nach Karlsruhe zu gehen, anzunehmen, obwohl er dort ein wesentlich kleineres und bescheideneres Orchester hatte, aber dafür alleiniger Chef war.
In der glücklichen und arbeitsreichen Karlsruher Zeit intensivierte sich die Beziehung zu Brahms trotz der räumlichen Trennung. Schon am 8. Mai 1875 spielte er zusammen mit dem Komponisten die vierhändige Begleitung der „Neuen Liebeslieder-Walzer“ op. 65, die von vier Sängern der Karlsruher Oper gesungen wurden. Nach der erfolgreichen Uraufführung der ersten Sinfonie von Brahms waren die beiden per Du. Ein finanziell attraktives Angebot veranlasste Dessoff, im Herbst 1880 Karlsruhe zu verlassen, um die Leitung der Frankfurter Oper zu übernehmen. Als Nachfolger schlug er selbst seinen erst 24 Jahre alten Schüler Mottl vor, der dann bis 1903 die glanzvolle Zeit der Karlsruher Hofoper („Klein-Bayreuth“) prägte.
Schon am 13. Oktober dirigierte er zum ersten Mal in Frankfurt, und zwar Beethovens „Fidelio“, nur eine Woche später leitete er eine Festaufführung von Mozarts „Don Giovanni“ zur Eröffnung des neu erbauten Opernhauses (der heutigen Alten Oper) in Anwesenheit Kaiser Wilhelms I. Nach rastlosem Wirken starb er völlig unerwartet am 28. Oktober 1892, erst 57 Jahre alt. Brahms widmete ihm in einem Brief an Clara Schumann vom Ende Oktober einen etwas nüchtern klingenden Nachruf, der dennoch Wesentliches über ihn aussagt: „An Dessoff habt Ihr viel verloren – das weiß ich, da wir es durch seinen Weggang von hier [Wien] erfuhren. Er ist uns nicht ersetzt. Das merkt man an allem möglichen. Er war ein vortrefflicher Mensch und ein lebhaft empfindender, feiner, gebildeter Musiker.“
Otto Dessoff gehört ohne Zweifel zu den großen Dirigenten des 19. Jahrhunderts, wie die eindrucksvolle Bilanz seines Wirkens in Wien, Karlsruhe und Frankfurt am Main zeigt. Eduard Hanslick rühmte schon 1869 seine „seltene Routine, Geistesgegenwart und Ausdauer“. Der Komponist Gustav Erlanger (1842-1908) charakterisierte Dessoff in seinem Nachruf in der „Frankfurter Zeitung“ am 8. November 1892 treffend: „Er liebte die Werke, die er aufführte, er drang in deren innerstes Wesen, er fasste und begriff sie und er verlieh ihnen bei den Aufführungen durch die Art, wie er seine Intentionen – ohne Mühe und ohne übermäßige und anstrengende Proben – jedem Einzelnen seiner Künstlerschaar klar zu machen wußte, jenes Leben, jenen Schwung, jenen Glanz, jene nachhaltige Wirkung schließlich, welche den Hörer erwärmt, voll befriedigt und hinreißt.“
Als Komponist wurde er schon zu Lebzeiten völlig vergessen. Da ein Sinfoniesatz und eine Violinsonate aus seiner Leipziger Studienzeit nicht erhalten sind, besteht sein schmales, aber durchweg musikalisch wertvolles Oeuvre, wohl auch die Frucht strengster Selbstkritik, aus 33 Liedern, einem Heft Chöre, zwei Klavierwerken, zwei Streichquartetten und einem Streichquintett, die bezeichnenderweise vor seinem Engagement in Wien und in Karlsruhe entstanden sind – in Wien und in Frankfurt ließen ihm seine dirigentischen Aufgaben offenbar keine Zeit zum Komponieren. Den Konflikt zwischen schöpferischer und nachschöpferischer musikalischer Arbeit, der auch für Bülow, Levi, Mottl, Mahler, Furtwängler, Bruno Walter und viele andere Dirigenten schmerzlich war, hat Dessoff somit auf seine Weise gelöst.
Stehen die bis 1860 veröffentlichten Lieder und Klavierwerke überwiegend im Banne Schumanns, Mendelssohns und Gades, so zeigen die Lieder und Kammermusikwerke der Karlsruher Zeit ohne Ausnahme ein ganz eigenes Profil, voller rhythmischer, harmonischer und klanglicher Feinheiten, die unter dem Schutz klassisch-konventioneller Formen ein Eigenleben entwickeln. In den Liedern bevorzugt Dessoff wie Brahms das einfache oder variierte Strophenlied und schlägt gelegentlich wie dieser einen artifiziellen „Volkston“ an, geht aber in den zum Teil opulenten und abwechslungsreichen Klavierbegleitungen ganz eigene Wege, besonders in den „Fünf Liedern“ op. 8, die der Karlsruher Opernsängerin Magdalene Koelle-Murjahn, einer Schülerin von Pauline Viardot, gewidmet sind – sie rühmte den Dirigenten als besonders einfühlsamen Liedbegleiter. In der Wahl der Textdichter (Georg Friedrich Daumer, Emanuel Geibel, Klaus Groth) trifft sich Dessoff zum Teil mit Brahms, meidet aber meist von berühmten Vorgängern oder häufig vertonte Texte.
Das seinem verehrten Freund Brahms gewidmete Streichquartett F-Dur op. 7 und das erst 2000 wiederentdeckte und 2023 im Druck (Ortus Verlag) erschienene Streichquartett E-Dur op. 11 sind Meisterwerke der Gattung, voller spielerischer Grazie, farbiger, bisweilen kühner Harmonik, reizvoller Klangeffekte und rhythmischer Überraschungen. Dies gilt auch für das Streichquintett G-Dur op. 10 mit zwei Violoncelli wie Schuberts C-Dur-Quintett D 956. Das ebenso klang- wie spielfreudige Werk sprengt trotz bisweilen orchestraler Klangfülle niemals den Rahmen echter Kammermusik, die in ihrem Einfallsreichtum und ihrer handwerklichen Meisterschaft den Vergleich mit Brahms nicht zu scheuen hat.
Ende Oktober 1876 schrieb Johannes Brahms aus seinem Baden-Badener Domizil an seinen Freund Otto Dessoff, der seit einem guten Jahr Hofkapellmeister in Karlsruhe war: „Es war mir nämlich immer ein heimlich lieber Gedanke, das Ding zuerst in der kleinen Stadt, die einen guten Freund, guten Capellmeister und gutes Orchester hat, zu hören.“ Dass Brahms „das Ding“, nämlich seine von der Musikwelt mit höchster Spannung erwartete erste Sinfonie nicht in einem der großen Musikzentren, zum Beispiel Wien oder Leipzig, präsentierte, hat einen guten Grund: Er wollte einem möglichen Misserfolg, wie er ihn 1859 mit seinem ersten Klavierkonzert in Leipzig erlebt hatte, vorbeugen und sein nach sehr langem Ringen entstandenes Werk zunächst einmal von außen beurteilen. Der triumphale Erfolg bei der Uraufführung am 4. November 1876 im „großen Saal des Museums“ in Karlsruhe unter Dessoffs Leitung und in Anwesenheit des Komponisten wurde anschließend mit seinen vielen Freunden und Verehrern gefeiert, unter ihnen der bedeutende Altphilologe Gustav Wendt, Direktor des Gymnasiums und Großvater des Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Damit hatte Brahms die musikalische Königsgattung „Sinfonie“ trotz des Schattens Beethovens neu definiert, was umso bemerkenswerter war, weil nur drei Monate zuvor mit Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth ein weiterer Wendepunkt der Musikgeschichte erreicht worden war. Dass Brahms vom Konzertmeister des Karlsruher Orchesters, dem Spohr-Schüler Karl Will, nach dem Konzert einen bewegenden Dankesbrief bekam, ist allerdings ein singuläres Ereignis, zumal Will in Bayreuth als einer der Konzertmeister mitgewirkt hatte!
Anlässlich der 125. Wiederkehr der Uraufführung der ersten Sinfonie von Brahms gab es in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe eine Ausstellung unter dem Titel „Otto Dessoff (1835-1892) – Ein Dirigent, Komponist und Weggefährte von Johannes Brahms“, zu der auch ein reich bebildertes Begleitbuch erschienen ist (München 2001, Katzbichler). Die Ausstellung mit Autographen, Erstausgaben, Fotos, Bildern, Urkunden und Programmzetteln wurde anschließend auch in Baden-Baden, Wien, Chemnitz, Zwickau, Kassel und Frankfurt am Main, also an den wichtigsten Wirkungsstätten Dessoffs, gezeigt. Die im Brahms-Jahr 1983 begonnene Wiederentdeckung des allzu lange übersehenen und vergessenen Dessoff als Komponist und Dirigent nahm von da an Fahrt auf.
Felix Otto Dessoff wurde am 14. Januar 1835 in Leipzig geboren. Den ersten Musikunterricht erhielt der Sohn eines Tuchhändlers aus Dessau von seiner Mutter Emma, geborene Herzfeld. Mit vierzehn Jahren war der musikbegeisterte und begabte Knabe entschlossen, Musiker zu werden; die Entscheidung darüber legte man vertrauensvoll in die Hände Franz Liszts, der, als ihm der Junge in Weimar vorgespielt hatte, zu seiner Mutter sagte: „Madame, lassen Sie diesen da nur ruhig Musiker werden, wir werden es alle drei nicht bereuen.“ Dessoff wurde 1851 Schüler des Leipziger Konservatoriums, wo der Thomaskantor Moritz Hauptmann, Ignaz Moscheles und Julius Rietz in der Komposition, im Klavierspiel und im Dirigieren seine Lehrer waren. Bereits 1854 musste der Neunzehnjährige in die musikalische Praxis eintreten. Der steinige Weg als Theaterkapellmeister, der aber die Grundlage für seine erfolgreiche Tätigkeit als Dirigent legte, führte von Altenburg über Chemnitz, Düsseldorf, Aachen und Magdeburg nach Kassel.
Hier nahm seine Laufbahn unerwartet eine entscheidende Wende. Durch die Fürsprache zweier Sänger wurde er zum Probedirigieren an die Wiener Hofoper eingeladen und leitete dort am 7. September 1859 auswendig eine Vorstellung von Rossinis „Wilhelm Tell“, die ihm nicht nur den großen Beifall des Publikums, sondern auch einen Vertrag als Kapellmeister an diesem renommierten Hause einbrachte. Schon am 1. Januar 1860 trat er sein neues Amt an. Am 26. September 1860 wurde er unerwarteterweise auch mit 62 Stimmen zum neuen Leiter der „Philharmonischen Konzerte“ gewählt, obwohl er erst 25 Jahre alt und Ausländer war. 1861 wurde er Professor für Kompositionslehre am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Zu seinen Schülern gehörten dort unter anderen die Komponisten und Dirigenten Ignaz Brüll, Robert Fuchs, Wilhelm Gericke, Hermann Grädener, Heinrich von Herzogenberg, Richard Heuberger, Felix Mottl, Arthur Nikisch, Richard von Perger und Ernst von Schuch sowie der Musikwissenschaftler (und Freund Gustav Mahlers) Guido Adler. Dessoff entfaltete nicht nur eine rege und erfolgreiche Tätigkeit als Operndirigent, sondern brachte auch die 1842 von Otto Nicolai begründeten, aber inzwischen nur mit Unterbrechungen und starken Niveauschwankungen veranstalteten „Philharmonischen Konzerte“ zu neuer Blüte. Auf dem ersten erhaltenen Foto der Wiener Philharmoniker aus dem Jahre 1864 sieht man ihn im Kreise des Orchesters, dessen Aufstieg zur Weltgeltung nicht zuletzt auch seinem unermüdlichen künstlerischen und organisatorischen Wirken zu verdanken ist.
Während dieser Zeit lernte auch Brahms den erfolgreichen Dirigenten kennen. An Dessoffs Mittagstafel lag damals nach den „Philharmonischen Sonntagskonzerten“ immer ein Gedeck für den Junggesellen bereit. Auch für dessen noch keineswegs anerkannte Werke setzte er sich tatkräftig ein, zum Beispiel 1863 für die zweite Serenade A-Dur op. 16. Sechs Jahre später lehnten die Philharmoniker in einer Probe die erste Serenade D-Dur op. 11 ab, worüber Dessoff so in Wut geriet, dass er mit dem Taktstock die Partitur durchbohrte und davonlief. Dennoch kam es am 12. Dezember 1869 zu einer Aufführung des Werkes unter Leitung des Komponisten, weil Dessoff mit seiner Demission gedroht hatte. Am 22. Januar 1871 spielte Brahms sein Klavierkonzert d-Moll op. 15 unter Dessoffs Leitung, am 2. November 1873 konnte er selbst die Uraufführung seiner „Variationen über ein Thema von Joseph Haydn“ op. 56a dirigieren. Misshelligkeiten mit seinem Kollegen Herbeck, die ständigen Anfeindungen eines böswilligen Musikkritikers und der Rat seines Freundes Brahms veranlassten Dessoff, das Angebot, als Hofkapellmeister nach Karlsruhe zu gehen, anzunehmen, obwohl er dort ein wesentlich kleineres und bescheideneres Orchester hatte, aber dafür alleiniger Chef war.
In der glücklichen und arbeitsreichen Karlsruher Zeit intensivierte sich die Beziehung zu Brahms trotz der räumlichen Trennung. Schon am 8. Mai 1875 spielte er zusammen mit dem Komponisten die vierhändige Begleitung der „Neuen Liebeslieder-Walzer“ op. 65, die von vier Sängern der Karlsruher Oper gesungen wurden. Nach der erfolgreichen Uraufführung der ersten Sinfonie von Brahms waren die beiden per Du. Ein finanziell attraktives Angebot veranlasste Dessoff, im Herbst 1880 Karlsruhe zu verlassen, um die Leitung der Frankfurter Oper zu übernehmen. Als Nachfolger schlug er selbst seinen erst 24 Jahre alten Schüler Mottl vor, der dann bis 1903 die glanzvolle Zeit der Karlsruher Hofoper („Klein-Bayreuth“) prägte.
Schon am 13. Oktober dirigierte er zum ersten Mal in Frankfurt, und zwar Beethovens „Fidelio“, nur eine Woche später leitete er eine Festaufführung von Mozarts „Don Giovanni“ zur Eröffnung des neu erbauten Opernhauses (der heutigen Alten Oper) in Anwesenheit Kaiser Wilhelms I. Nach rastlosem Wirken starb er völlig unerwartet am 28. Oktober 1892, erst 57 Jahre alt. Brahms widmete ihm in einem Brief an Clara Schumann vom Ende Oktober einen etwas nüchtern klingenden Nachruf, der dennoch Wesentliches über ihn aussagt: „An Dessoff habt Ihr viel verloren – das weiß ich, da wir es durch seinen Weggang von hier [Wien] erfuhren. Er ist uns nicht ersetzt. Das merkt man an allem möglichen. Er war ein vortrefflicher Mensch und ein lebhaft empfindender, feiner, gebildeter Musiker.“
Otto Dessoff gehört ohne Zweifel zu den großen Dirigenten des 19. Jahrhunderts, wie die eindrucksvolle Bilanz seines Wirkens in Wien, Karlsruhe und Frankfurt am Main zeigt. Eduard Hanslick rühmte schon 1869 seine „seltene Routine, Geistesgegenwart und Ausdauer“. Der Komponist Gustav Erlanger (1842-1908) charakterisierte Dessoff in seinem Nachruf in der „Frankfurter Zeitung“ am 8. November 1892 treffend: „Er liebte die Werke, die er aufführte, er drang in deren innerstes Wesen, er fasste und begriff sie und er verlieh ihnen bei den Aufführungen durch die Art, wie er seine Intentionen – ohne Mühe und ohne übermäßige und anstrengende Proben – jedem Einzelnen seiner Künstlerschaar klar zu machen wußte, jenes Leben, jenen Schwung, jenen Glanz, jene nachhaltige Wirkung schließlich, welche den Hörer erwärmt, voll befriedigt und hinreißt.“
Als Komponist wurde er schon zu Lebzeiten völlig vergessen. Da ein Sinfoniesatz und eine Violinsonate aus seiner Leipziger Studienzeit nicht erhalten sind, besteht sein schmales, aber durchweg musikalisch wertvolles Oeuvre, wohl auch die Frucht strengster Selbstkritik, aus 33 Liedern, einem Heft Chöre, zwei Klavierwerken, zwei Streichquartetten und einem Streichquintett, die bezeichnenderweise vor seinem Engagement in Wien und in Karlsruhe entstanden sind – in Wien und in Frankfurt ließen ihm seine dirigentischen Aufgaben offenbar keine Zeit zum Komponieren. Den Konflikt zwischen schöpferischer und nachschöpferischer musikalischer Arbeit, der auch für Bülow, Levi, Mottl, Mahler, Furtwängler, Bruno Walter und viele andere Dirigenten schmerzlich war, hat Dessoff somit auf seine Weise gelöst.
Stehen die bis 1860 veröffentlichten Lieder und Klavierwerke überwiegend im Banne Schumanns, Mendelssohns und Gades, so zeigen die Lieder und Kammermusikwerke der Karlsruher Zeit ohne Ausnahme ein ganz eigenes Profil, voller rhythmischer, harmonischer und klanglicher Feinheiten, die unter dem Schutz klassisch-konventioneller Formen ein Eigenleben entwickeln. In den Liedern bevorzugt Dessoff wie Brahms das einfache oder variierte Strophenlied und schlägt gelegentlich wie dieser einen artifiziellen „Volkston“ an, geht aber in den zum Teil opulenten und abwechslungsreichen Klavierbegleitungen ganz eigene Wege, besonders in den „Fünf Liedern“ op. 8, die der Karlsruher Opernsängerin Magdalene Koelle-Murjahn, einer Schülerin von Pauline Viardot, gewidmet sind – sie rühmte den Dirigenten als besonders einfühlsamen Liedbegleiter. In der Wahl der Textdichter (Georg Friedrich Daumer, Emanuel Geibel, Klaus Groth) trifft sich Dessoff zum Teil mit Brahms, meidet aber meist von berühmten Vorgängern oder häufig vertonte Texte.
Das seinem verehrten Freund Brahms gewidmete Streichquartett F-Dur op. 7 und das erst 2000 wiederentdeckte und 2023 im Druck (Ortus Verlag) erschienene Streichquartett E-Dur op. 11 sind Meisterwerke der Gattung, voller spielerischer Grazie, farbiger, bisweilen kühner Harmonik, reizvoller Klangeffekte und rhythmischer Überraschungen. Dies gilt auch für das Streichquintett G-Dur op. 10 mit zwei Violoncelli wie Schuberts C-Dur-Quintett D 956. Das ebenso klang- wie spielfreudige Werk sprengt trotz bisweilen orchestraler Klangfülle niemals den Rahmen echter Kammermusik, die in ihrem Einfallsreichtum und ihrer handwerklichen Meisterschaft den Vergleich mit Brahms nicht zu scheuen hat.



