„Der Hahn hat gekräht!“
Eine Begegnung mit Brahms auf Rügen

Der Pianist und Komponist Xaver Scharwenka berichtet in seinen Erinnerungen „Klänge aus meinem Leben“, die 1922 in Leipzig erschienen, von seiner Begegnung mit Johannes Brahms im Jahr 1876 auf Rügen.
Scharwenka, der aus Samter/Szamotuly in der Provinz Posen stammte, war damals 25 Jahre alt, lebte in Berlin vor allem vom Unterrichten und hatte als Pianist und Komponist schon erste Erfolge erzielt. 1877 sollte er mit seinem ersten Klavierkonzert international bekannt werden. Als er 1924 in Berlin starb, galt er als einer der bedeutendsten Pianisten überhaupt und war auch als Komponist hochgeachtet.
Der Sommer nahte und mit ihm die Frage: Wohin? Da Frau Gousseff mich eingeladen hatte, die Sommerreise gemeinschaftlich mit ihrer Familie zu machen und mich um Rat und um Angabe über das Wann und Wohin ersuchte, so schlug ich Saßnitz auf Rügen vor, was freudig akzeptiert wurde. Zwei Möbelwagen brachten am Abend vor der Abreise die 36 Koffer, deren Inhalt die Damen in Saßnitz notwendig zu gebrauchen vermeinten, zum Stettiner Bahnhof. In Saßnitz! Damals ein kleines Fischerdörfchen mit strohbedeckten Häuschen. Auch ein Piano wurde mitgenommen. Schon vorher war das ganze Haus des Fischers Hahlbeck in Beschlag genommen worden, denn unsere Gesellschaft war recht zahlreich: Frau Gousseff mit Tochter und Sohn; des Letzteren Hauslehrer, Herr cand. theol. Feiertag; die französische Gesellschafterin Mlle. Lenoir; Köchin Mina und Stubenmädchen Amanda; dazu mein wertes Ich – in Summa acht Personen! In Greifswald musste das Gepäck – man erinnere sich: 36 Koffer und ein Piano – vom Bahnhof zum Schiff befördert werden. Es gelang ja schließlich, doch konnte der Dampfer nur mit einstündiger Verspätung seine Fahrt antreten. Am Landungsplatz in Lauterbach dieselbe Katastrophe. Dann kam die fünfstündige Wagenfahrt im Schneckentempo. Gegen Mitternacht langten wir in Saßnitz an, die Wagenburg – drei Leiterwagen und zwei Landauer – wurde ihres Inhalts entledigt, und wir kamen erst bei Sonnenaufgang zur Ruhe. Einige Stunden Schlaf brachten uns wieder in Ordnung, und die gebratenen Flundern beim Frühstück ließen uns die ausgestandenen Strapazen vollends vergessen.
Mein erstes Seebad, früh 6 Uhr, sollte mir die Gelegenheit zu einer interessanten Bekanntschaft bieten. Ahnungslos plätscherte ich in den sanft bewegten Wogen umher, als sich mir eine apollinisch gebaute Gestalt wassertretend näherte – ich musste unwillkürlich an Böcklins „Spiel der Wellen“ denken – und mich mit den Worten ansprach: „Gestatten Sie mir, dass ich mich Ihnen vorstelle: Ludwig Barnay.“ Auch ich nannte meinen Namen. Wir reichten uns – immer wassertretend – die Hände, und ich bemerkte dem unermüdlichen Wassertreter, dass ich ihn in dieser Rolle zu bewundern heute zum ersten Mal die Gelegenheit habe. In anregender Weise genossen wir noch ein Weilchen, plaudernd auf dem Rücken schwimmend, das köstliche, erfrischende Nass.
Nach dem Verlassen des Bades begegnete mir von ungefähr Georg Henschel, damals im Zenit seines Sängerruhmes. Seine erste Frage nach unserer Begrüßung war: „Haben Sie schon Brahms gesehen? Nein? Nun, dann kommen Sie heut Abend ins Hotel Fahrenberg. Sie werden uns beide dort in der Veranda finden. Addio und auf Wiedersehen.“ Voll erwartungsvoller Spannung begab ich mich, nach kräftigem Morgenimbiss, zur Vormittagspromenade in den herrlichen Buchenwald, umfangen von Waldesgeflüster und fernem Meeresrauschen. „Auf geheimem Waldespfade“, in dunklem Tannendickicht, auf schmalem Fußsteige, traumverloren dahin wandelnd, bemerkte ich in einiger Entfernung ein menschliches Wesen mir entgegenschreitend, mittelgroß, untersetzt, bartlos, in einem Jackettanzug von unmöglichem Schnitt und unbestimmter Farbe; hervortretend war ein mattes Rötlichbraun, kleinkariert. Beinkleider sehr ausgiebig, aber zu kurz, Kopfbedeckung in der Hand. Der einsame Wanderer ging lautlos vorüber. Nach einigen Schritten sah ich mich um, und auch der Braunkarierte wendete sich im selben Augenblick, und so sahen wir uns einen Moment in die Augen. Den ganzen Tag kam mir die Begegnung mit diesem eigentümlich ausschauenden Menschen nicht aus dem Sinn.
Abends pilgerte ich zum „Fahrenberg“. Henschel kam mir entgegen und führte mich zu dem Braunkarierten. Herr Gott, welche Überraschung! Es war Johannes Brahms! Wir plauderten nun gleich wie „alte Bekannte“, denn auch er erinnerte sich der Begegnung im Walde. Auf seine Frage, ob ich Frühaufsteher sei, was ich bejahen konnte, forderte er mich auf, ihn am folgenden Morgen um 3 Uhr zum Flundernfang zu begleiten. Natürlich sagte ich gern zu. Im Laufe der Unterhaltung zeichnete Henschel mit griffelkundiger Hand allerlei scherzhaftes Allotria auf die Rückseite eines „Menü“ – die Bezeichnung „Speisekarte“ war damals in Deutschland noch wenig bekannt – und erregte große Heiterkeit, namentlich durch die drollig karikierte Darstellung bekannter Persönlichkeiten, unter denen der vergnügt lächelnde Weimarer Meister [Liszt] besonders gut gelungen erschien. Ich bat mir die Speisekarte mit dieser pièce de résistance für meine Sammlung aus. Auf dem Heimweg gingen wir mit Brahms an meinem Wigwam vorüber, in dem ich ein Giebelzimmer bewohnte.
Brahms wollte mich früh Schlag 3 Uhr abholen; ich sollte ihn vor meiner Haustür erwarten. So schieden wir, es war wohl 11 Uhr abends geworden. Er verschwand im Dunkel der Nacht gen Krampas hin [ein Bauerndorf, das in Sassnitz aufgegangen ist], während Henschel ins Hotel zurückkehrte.
Bald schlief ich ein. Von der Reise ermüdet und von so manchem Glas Pilsener eingelullt, mag wohl mein Schlaf ein ziemlich fester und dauerhafter gewesen sein. Da plötzlich ein wahnsinniges Poltern, ein entsetzliches Krachen und Klirren zerbrochener Fensterscheiben. Mit fürchterlichem Schreck fahre ich empor aus süßen Träumen. Eine Männerstimme ben marcato e con energia ertönt von der Straße herauf: „Raus aus den Federn; der Hahn hat zum dritten Mal gekräht.“ Richtig! Ich hatte die verabredete Zeit verschlafen; es war Punkt 3 Uhr! Was war geschehen? Brahms hatte, um mich zu wecken, mit einer Bohnenstange die Fensterscheiben eingeschlagen. Ein echter Brahms! Rasch war ich aus den Federn und in den Kleidern. Gemächlich schlenderten wir zum Strande, wo uns der gute Hahlbeck mit dem Boot erwartete. Abends genossen wir unsere „in grün“ zubereitete Beute an der gastlichen Tafel meiner gütigen Wirtin.
Die Kochkunst unserer schwedischen Küchenfee muss meinem illustren Jagdgenossen wohl gewaltig imponiert haben, denn er lud sich ohne Ziererei für den nächsten Tag zum Mittagessen zu uns ein, worüber wir natürlich sehr erfreut waren. Brahms kam – es war an dem Tage sehr heiß – und bat gleich nach der Begrüßung um die Erlaubnis, den Hemdkragen ablegen zu dürfen, was er nach allseitiger Zustimmung ungeniert und, wie es schien, als etwas Selbstverständliches tat. Wir sahen in dieser Huldigung an den Geist zwangloser Gastfreundschaft ein erfreuliches Zeichen, dass Brahms sich in unserem Kreise wohl und ganz at home fühle. Bei Tisch hielt unser nun kragenloser, damals auch noch bartloser Ehrengast eine anzügliche, humorvolle Rede mit bedeutsamem Augenzwinkern und gelinden Sticheleien auf die Tochter des Hauses und ihren Lehrer. Wirklich und wahrhaftig – es lag damals keine Veranlassung zu den allerdings ganz harmlosen Anzüglichkeiten vor. Aber dennoch – Brahms war ein Prophet!
Mein neuer, großer, unsterblicher Freund musste uns leider bald verlassen. Nach einigen Wochen konnte ich ihm meine Verlobung mit Fräulein Zenaide anzeigen, zugleich mit der Bitte, die Widmung meines „Romanzero“ op. 33, der in Saßnitz entstand, als ein Zeichen meiner hohen Verehrung und Bewunderung entgegennehmen zu wollen. Brahms antwortete mit folgenden Zeilen:
Geehrter Herr!
Sie haben gut lachen
Und anderen eine Freude machen!
Das bessere Teil haben Sie doch erwählt; ich kann gar nicht anders, als mich erst dessen freuen und Ihnen von Herzen Glück wünschen. Dann aber will ich mit meinem Teil, dem Notenpapier, zufrieden sein und wirklich – aber jetzt wird es schwer zu sagen, wie ich mich darüber und darauf freue. Wenn ich an Saßnitz zurückdenke, weiß ich, was ich heute von Ihrem Notenpapier erwarten darf – ist aber auch eine Kunst – und da bin ich schon wieder bei Ihrem Teil, und dass ich es seit Saßnitz auch wider alle Weltordnung gefunden hätte, wär’s nicht so gekommen.
Ich kann heute nichts als Sie bestens grüßen und mich den Damen angelegentlich empfehlen. Liegt das Notenheft erst vor mir, soll es keinen dankbareren und aufmerksameren Zuhörer geben können. Einstweilen ist meine Adresse Wien, Karlsgasse 4.
Verzeihen Sie die konfusen Zeilen
Ihrem sehr ergebenen
J. Brahms.
Die schönen Saßnitzer Tage verflogen gar schnell. Brahms, Barnay und Henschel waren abgereist, und von unserem näheren Bekanntenkreise blieb nur Gustav Kadelburg, der sich als fanatischer Entomologe entpuppte. An windstillen Abenden saß er vor seinem abseits am Waldesrand gelegenen Häuschen vor der Tür, die Lampe vor sich auf dem Tisch, und fing die um das Licht flatternden Motten mit kundiger, bis zu höchster Virtuosität ausgebildeter Hand. Als auch er uns verlassen hatte, packten auch wir unsere sieben Sachen – Pardon, nein, 36 Koffer und ein Pianino – und zogen heimwärts.
Am Vorabend unserer Abreise, ach, es war ein so märchenhaft schöner Vollmondabend, ging ich mit Fräulein Zenaide nochmals hinab zum Strand, um Abschied zu nehmen von all den Herrlichkeiten, die die allgütige Mutter Natur über dieses reich gesegnete Fleckchen Erde verschwenderisch hingebreitet hat. Stumm ergriffen blickten wir von unserer Lieblingsbank aus durch das Buchenlaub auf die silbern glänzende See, weltvergessen und versunken in den traumhaft schönen Anblick. Keins sprach ein Wort, kein Blättchen rührte sich; nur ein leichtes, glitzerndes Kräuseln auf der silbernen Bahn, die der himmlische Nachtwandler auf das in mattem Glanze schimmernde Wasser zeichnete. Wie es kam, dass unsere Hände mit leichtem Druck sich fanden, dass wir uns entgegenneigten und endlich zu der Überzeugung gelangten, dass die Lippen nicht ausschließlich zur Lautbildung und als Pforte zur Mundhöhle geschaffen seien – wie es kam? Der alte Nachtwächter am Himmelszelt weiß es genau; fragt ihn. Er hat so etwas gewiss schon sehr oft geschaut, hat aber still geschwiegen! Auch heut geleitete er lautlos zwei Glückliche zurück ins Haus. Brahms ist ein Prophet!
Sophie Gousseff war die angehende Schwiegermutter Scharwenkas, eine gebürtige Finnland-Schwedin, die einen Russen geheiratet hatte. Scharwenka gab der Tochter Zenaide seit einigen Monaten Klavierunterricht.
Ludwig Barnay war ein Schauspieler, damals 33 Jahre alt, am Meininger Hoftheater engagiert, durch Gastspiele aber auch in Berlin bereits berühmt. Später wurde er Intendant in Berlin und Hannover.
Georg Henschel war ein Bariton, wie Scharwenka 25 Jahre alt, der sich wenig später in London niederließ.
Gustav Kadelburg, ein Jahr jünger, war Schauspieler in Berlin, später schrieb er vor allem Lustspiele, u. a. als Co-Autor „Im Weißen Rössl“.
Der Pianist und Komponist Xaver Scharwenka berichtet in seinen Erinnerungen „Klänge aus meinem Leben“, die 1922 in Leipzig erschienen, von seiner Begegnung mit Johannes Brahms im Jahr 1876 auf Rügen.
Scharwenka, der aus Samter/Szamotuly in der Provinz Posen stammte, war damals 25 Jahre alt, lebte in Berlin vor allem vom Unterrichten und hatte als Pianist und Komponist schon erste Erfolge erzielt. 1877 sollte er mit seinem ersten Klavierkonzert international bekannt werden. Als er 1924 in Berlin starb, galt er als einer der bedeutendsten Pianisten überhaupt und war auch als Komponist hochgeachtet.
Der Sommer nahte und mit ihm die Frage: Wohin? Da Frau Gousseff mich eingeladen hatte, die Sommerreise gemeinschaftlich mit ihrer Familie zu machen und mich um Rat und um Angabe über das Wann und Wohin ersuchte, so schlug ich Saßnitz auf Rügen vor, was freudig akzeptiert wurde. Zwei Möbelwagen brachten am Abend vor der Abreise die 36 Koffer, deren Inhalt die Damen in Saßnitz notwendig zu gebrauchen vermeinten, zum Stettiner Bahnhof. In Saßnitz! Damals ein kleines Fischerdörfchen mit strohbedeckten Häuschen. Auch ein Piano wurde mitgenommen. Schon vorher war das ganze Haus des Fischers Hahlbeck in Beschlag genommen worden, denn unsere Gesellschaft war recht zahlreich: Frau Gousseff mit Tochter und Sohn; des Letzteren Hauslehrer, Herr cand. theol. Feiertag; die französische Gesellschafterin Mlle. Lenoir; Köchin Mina und Stubenmädchen Amanda; dazu mein wertes Ich – in Summa acht Personen! In Greifswald musste das Gepäck – man erinnere sich: 36 Koffer und ein Piano – vom Bahnhof zum Schiff befördert werden. Es gelang ja schließlich, doch konnte der Dampfer nur mit einstündiger Verspätung seine Fahrt antreten. Am Landungsplatz in Lauterbach dieselbe Katastrophe. Dann kam die fünfstündige Wagenfahrt im Schneckentempo. Gegen Mitternacht langten wir in Saßnitz an, die Wagenburg – drei Leiterwagen und zwei Landauer – wurde ihres Inhalts entledigt, und wir kamen erst bei Sonnenaufgang zur Ruhe. Einige Stunden Schlaf brachten uns wieder in Ordnung, und die gebratenen Flundern beim Frühstück ließen uns die ausgestandenen Strapazen vollends vergessen.
Mein erstes Seebad, früh 6 Uhr, sollte mir die Gelegenheit zu einer interessanten Bekanntschaft bieten. Ahnungslos plätscherte ich in den sanft bewegten Wogen umher, als sich mir eine apollinisch gebaute Gestalt wassertretend näherte – ich musste unwillkürlich an Böcklins „Spiel der Wellen“ denken – und mich mit den Worten ansprach: „Gestatten Sie mir, dass ich mich Ihnen vorstelle: Ludwig Barnay.“ Auch ich nannte meinen Namen. Wir reichten uns – immer wassertretend – die Hände, und ich bemerkte dem unermüdlichen Wassertreter, dass ich ihn in dieser Rolle zu bewundern heute zum ersten Mal die Gelegenheit habe. In anregender Weise genossen wir noch ein Weilchen, plaudernd auf dem Rücken schwimmend, das köstliche, erfrischende Nass.
Nach dem Verlassen des Bades begegnete mir von ungefähr Georg Henschel, damals im Zenit seines Sängerruhmes. Seine erste Frage nach unserer Begrüßung war: „Haben Sie schon Brahms gesehen? Nein? Nun, dann kommen Sie heut Abend ins Hotel Fahrenberg. Sie werden uns beide dort in der Veranda finden. Addio und auf Wiedersehen.“ Voll erwartungsvoller Spannung begab ich mich, nach kräftigem Morgenimbiss, zur Vormittagspromenade in den herrlichen Buchenwald, umfangen von Waldesgeflüster und fernem Meeresrauschen. „Auf geheimem Waldespfade“, in dunklem Tannendickicht, auf schmalem Fußsteige, traumverloren dahin wandelnd, bemerkte ich in einiger Entfernung ein menschliches Wesen mir entgegenschreitend, mittelgroß, untersetzt, bartlos, in einem Jackettanzug von unmöglichem Schnitt und unbestimmter Farbe; hervortretend war ein mattes Rötlichbraun, kleinkariert. Beinkleider sehr ausgiebig, aber zu kurz, Kopfbedeckung in der Hand. Der einsame Wanderer ging lautlos vorüber. Nach einigen Schritten sah ich mich um, und auch der Braunkarierte wendete sich im selben Augenblick, und so sahen wir uns einen Moment in die Augen. Den ganzen Tag kam mir die Begegnung mit diesem eigentümlich ausschauenden Menschen nicht aus dem Sinn.
Abends pilgerte ich zum „Fahrenberg“. Henschel kam mir entgegen und führte mich zu dem Braunkarierten. Herr Gott, welche Überraschung! Es war Johannes Brahms! Wir plauderten nun gleich wie „alte Bekannte“, denn auch er erinnerte sich der Begegnung im Walde. Auf seine Frage, ob ich Frühaufsteher sei, was ich bejahen konnte, forderte er mich auf, ihn am folgenden Morgen um 3 Uhr zum Flundernfang zu begleiten. Natürlich sagte ich gern zu. Im Laufe der Unterhaltung zeichnete Henschel mit griffelkundiger Hand allerlei scherzhaftes Allotria auf die Rückseite eines „Menü“ – die Bezeichnung „Speisekarte“ war damals in Deutschland noch wenig bekannt – und erregte große Heiterkeit, namentlich durch die drollig karikierte Darstellung bekannter Persönlichkeiten, unter denen der vergnügt lächelnde Weimarer Meister [Liszt] besonders gut gelungen erschien. Ich bat mir die Speisekarte mit dieser pièce de résistance für meine Sammlung aus. Auf dem Heimweg gingen wir mit Brahms an meinem Wigwam vorüber, in dem ich ein Giebelzimmer bewohnte.
Brahms wollte mich früh Schlag 3 Uhr abholen; ich sollte ihn vor meiner Haustür erwarten. So schieden wir, es war wohl 11 Uhr abends geworden. Er verschwand im Dunkel der Nacht gen Krampas hin [ein Bauerndorf, das in Sassnitz aufgegangen ist], während Henschel ins Hotel zurückkehrte.
Bald schlief ich ein. Von der Reise ermüdet und von so manchem Glas Pilsener eingelullt, mag wohl mein Schlaf ein ziemlich fester und dauerhafter gewesen sein. Da plötzlich ein wahnsinniges Poltern, ein entsetzliches Krachen und Klirren zerbrochener Fensterscheiben. Mit fürchterlichem Schreck fahre ich empor aus süßen Träumen. Eine Männerstimme ben marcato e con energia ertönt von der Straße herauf: „Raus aus den Federn; der Hahn hat zum dritten Mal gekräht.“ Richtig! Ich hatte die verabredete Zeit verschlafen; es war Punkt 3 Uhr! Was war geschehen? Brahms hatte, um mich zu wecken, mit einer Bohnenstange die Fensterscheiben eingeschlagen. Ein echter Brahms! Rasch war ich aus den Federn und in den Kleidern. Gemächlich schlenderten wir zum Strande, wo uns der gute Hahlbeck mit dem Boot erwartete. Abends genossen wir unsere „in grün“ zubereitete Beute an der gastlichen Tafel meiner gütigen Wirtin.
Die Kochkunst unserer schwedischen Küchenfee muss meinem illustren Jagdgenossen wohl gewaltig imponiert haben, denn er lud sich ohne Ziererei für den nächsten Tag zum Mittagessen zu uns ein, worüber wir natürlich sehr erfreut waren. Brahms kam – es war an dem Tage sehr heiß – und bat gleich nach der Begrüßung um die Erlaubnis, den Hemdkragen ablegen zu dürfen, was er nach allseitiger Zustimmung ungeniert und, wie es schien, als etwas Selbstverständliches tat. Wir sahen in dieser Huldigung an den Geist zwangloser Gastfreundschaft ein erfreuliches Zeichen, dass Brahms sich in unserem Kreise wohl und ganz at home fühle. Bei Tisch hielt unser nun kragenloser, damals auch noch bartloser Ehrengast eine anzügliche, humorvolle Rede mit bedeutsamem Augenzwinkern und gelinden Sticheleien auf die Tochter des Hauses und ihren Lehrer. Wirklich und wahrhaftig – es lag damals keine Veranlassung zu den allerdings ganz harmlosen Anzüglichkeiten vor. Aber dennoch – Brahms war ein Prophet!
Mein neuer, großer, unsterblicher Freund musste uns leider bald verlassen. Nach einigen Wochen konnte ich ihm meine Verlobung mit Fräulein Zenaide anzeigen, zugleich mit der Bitte, die Widmung meines „Romanzero“ op. 33, der in Saßnitz entstand, als ein Zeichen meiner hohen Verehrung und Bewunderung entgegennehmen zu wollen. Brahms antwortete mit folgenden Zeilen:
Geehrter Herr!
Sie haben gut lachen
Und anderen eine Freude machen!
Das bessere Teil haben Sie doch erwählt; ich kann gar nicht anders, als mich erst dessen freuen und Ihnen von Herzen Glück wünschen. Dann aber will ich mit meinem Teil, dem Notenpapier, zufrieden sein und wirklich – aber jetzt wird es schwer zu sagen, wie ich mich darüber und darauf freue. Wenn ich an Saßnitz zurückdenke, weiß ich, was ich heute von Ihrem Notenpapier erwarten darf – ist aber auch eine Kunst – und da bin ich schon wieder bei Ihrem Teil, und dass ich es seit Saßnitz auch wider alle Weltordnung gefunden hätte, wär’s nicht so gekommen.
Ich kann heute nichts als Sie bestens grüßen und mich den Damen angelegentlich empfehlen. Liegt das Notenheft erst vor mir, soll es keinen dankbareren und aufmerksameren Zuhörer geben können. Einstweilen ist meine Adresse Wien, Karlsgasse 4.
Verzeihen Sie die konfusen Zeilen
Ihrem sehr ergebenen
J. Brahms.
Die schönen Saßnitzer Tage verflogen gar schnell. Brahms, Barnay und Henschel waren abgereist, und von unserem näheren Bekanntenkreise blieb nur Gustav Kadelburg, der sich als fanatischer Entomologe entpuppte. An windstillen Abenden saß er vor seinem abseits am Waldesrand gelegenen Häuschen vor der Tür, die Lampe vor sich auf dem Tisch, und fing die um das Licht flatternden Motten mit kundiger, bis zu höchster Virtuosität ausgebildeter Hand. Als auch er uns verlassen hatte, packten auch wir unsere sieben Sachen – Pardon, nein, 36 Koffer und ein Pianino – und zogen heimwärts.
Am Vorabend unserer Abreise, ach, es war ein so märchenhaft schöner Vollmondabend, ging ich mit Fräulein Zenaide nochmals hinab zum Strand, um Abschied zu nehmen von all den Herrlichkeiten, die die allgütige Mutter Natur über dieses reich gesegnete Fleckchen Erde verschwenderisch hingebreitet hat. Stumm ergriffen blickten wir von unserer Lieblingsbank aus durch das Buchenlaub auf die silbern glänzende See, weltvergessen und versunken in den traumhaft schönen Anblick. Keins sprach ein Wort, kein Blättchen rührte sich; nur ein leichtes, glitzerndes Kräuseln auf der silbernen Bahn, die der himmlische Nachtwandler auf das in mattem Glanze schimmernde Wasser zeichnete. Wie es kam, dass unsere Hände mit leichtem Druck sich fanden, dass wir uns entgegenneigten und endlich zu der Überzeugung gelangten, dass die Lippen nicht ausschließlich zur Lautbildung und als Pforte zur Mundhöhle geschaffen seien – wie es kam? Der alte Nachtwächter am Himmelszelt weiß es genau; fragt ihn. Er hat so etwas gewiss schon sehr oft geschaut, hat aber still geschwiegen! Auch heut geleitete er lautlos zwei Glückliche zurück ins Haus. Brahms ist ein Prophet!
Sophie Gousseff war die angehende Schwiegermutter Scharwenkas, eine gebürtige Finnland-Schwedin, die einen Russen geheiratet hatte. Scharwenka gab der Tochter Zenaide seit einigen Monaten Klavierunterricht.
Ludwig Barnay war ein Schauspieler, damals 33 Jahre alt, am Meininger Hoftheater engagiert, durch Gastspiele aber auch in Berlin bereits berühmt. Später wurde er Intendant in Berlin und Hannover.
Georg Henschel war ein Bariton, wie Scharwenka 25 Jahre alt, der sich wenig später in London niederließ.
Gustav Kadelburg, ein Jahr jünger, war Schauspieler in Berlin, später schrieb er vor allem Lustspiele, u. a. als Co-Autor „Im Weißen Rössl“.



