Brahms’ Erste

Radikal veränderte Gestalt

Von
Arnt Cobbers
Erschienen in der Printausgabe im
November 2026
Lesezeit ca.
…
Minuten
Silke-Thora Matthies und Christian Köhn; Foto: Privat
Silke-Thora Matthies und Christian Köhn; Foto: Privat

Christian Köhn stammt aus Bochum und lernte im Studium in Detmold Silke-Thora Matthies kennen, mit der er seit 1988 ein Klavierduo bildet. Unter anderem gewannen sie 1992 den dritten Preis beim ARD-Wettbewerb. Sie unterrichtet seit Langem an der Musikhochschule Würzburg, er in Detmold.

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Herr Köhn, hören Sie die erste Sinfonie von Brahms lieber mit Orchester oder vom Klavier vierhändig?

Ich höre sie schon lieber mit Orchester, aber in den Klavierfassungen gewinnt man Transparenz, da werden die Strukturen wirklich durchsichtig, und rhythmische Prägnanz – einfach weil das Klavier durch die Anschläge der Hammerköpfe auf die Saite ein rhythmisch prägnantes Instrument ist. Man verliert natürlich die Vielfalt der Klangfarben, die ein Orchester bietet.

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Kann man, wenn man sich eingehört hat, bestimmten Figuren bestimmte Instrumente oder Gruppen zuordnen?

Brahms war, was die Möglichkeiten des Klaviers angeht, sehr raffiniert und erfahren. Er wusste den Klaviersatz so zu gestalten, dass man die verschiedenen Instrumentengruppen klanglich voneinander absetzen kann – durch die Artikulation, durch die Pedalbehandlung, durch viele pianistische Mittel, die er sehr fantasievoll und gekonnt eingesetzt hat. Gewisse Bläserpassagen zum Beispiel kann man deutlich als Bläserpassagen erkennen. Wenn man sich einmal eingehört hat, kann man sich vieles vorstellen. Aber so etwas wie das Hornsolo im letzten Satz der ersten Sinfonie muss man sich einfach dazudenken. Brahms hat die entsprechende Mittellage gewählt und breitet einen Pedalteppich darunter aus, aber im Original hat dieser plötzliche Hornruf trotzdem eine ganz andere Wirkung. Insgesamt ist das sehr raffiniert gemacht, gerade im Vergleich zum Beispiel zu Antonín Dvořák, der ein fantastischer Komponist auch für Klavier zu vier Händen war, der aber selbst nicht so viel vom Klavier verstanden hat. Da muss man sehr viel mehr eingreifen beim Spielen und oft noch ein bisschen korrigieren.

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Warum hat Brahms überhaupt seine Sinfonien und fast all seine großen Werke selbst für Klavier vierhändig arrangiert? Dafür gab es doch Bearbeiter.

Es gibt auch viele Werke von Brahms, bei denen das Bearbeiter gemacht haben. Es ist interessant, das in den Briefwechseln mit seinen Verlegern nachzulesen. Einerseits hat er diese Arbeit nicht gemocht, im Zusammenhang mit dem Deutschen Requiem schreibt er, es läge eine Lächerlichkeit im Wiederkäuen der eigenen Werke. Aber auf der anderen Seite wollte er es lieber selbst machen. Er war durchaus stolz darauf, dass es gut klang und sich gut verkaufte. Diese Arrangements dienten ja der Verbreitung der Musik. Aber als Bearbeiter genannt werden wollte er nicht.

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Auf den Noten stand nicht sein Name?

Nein, da stand einfach nur: bearbeitet für Klavier vierhändig. Und er hat sich auch bitter beschwert, als sein Name einmal versehentlich doch genannt wurde. Interessant ist: Die dritte Sinfonie hat Robert Keller, das war ein Berliner Klavierlehrer, für Simrock bearbeitet. Bevor die Noten in den Druck gingen, hat Brahms das Korrekturexemplar bekommen und ihm sofort geschrieben, auf sehr nette Weise: Lieber Herr Keller, es gibt vieles zu loben an Ihrem Engagement, aber ich hätte es dann halt doch anders gemacht – ich gehe mit meinen eigenen Sachen frecher und dreister um. Und er hat ihn um Erlaubnis gebeten, Änderungen vornehmen zu dürfen. Die hat Brahms dann tatsächlich auch gemacht. Man kann also sagen: Brahms hat seine Orchesterwerke nicht wortgetreu, sondern sinngemäß aufs Klavier übertragen.

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Wie kondensiert man denn solch eine Riesenpartitur auf vier Hände?

Das ist schwer theoretisch zu erklären, aber mit vier Händen hat man schon viele Möglichkeiten. Man kann die ganze Tastatur quasi gleichzeitig bespielen und hat dadurch viele Möglichkeiten zu registrieren. Es ist schon erstaunlich, wie viele Stimmen man bei zwanzig Fingern unterbringen kann. Und Liszts Bearbeitungen der Beethoven-Sinfonien zeigen ja, dass das sogar mit zwei Händen möglich ist.

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Wenn Brahms ein Orchesterwerk oder Streicherkammermusik geschrieben hat, hat er dann direkt danach die Klavierfassung erstellt?

Das wurde erwartet, dass direkt nach der Uraufführung das Arrangement für Klavier zu vier Händen erschien. Nur bei der dritten Sinfonie hat er erst die Fassung für zwei Klaviere angefertigt.

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Kann es nicht sein, dass Brahms seine Komponierskizzen schlichtweg ausgestaltet hat für vier Hände?

Man weiß wenig Genaues über Brahms’ Komponierprozess, er hat ja alle Skizzen vernichtet. Ich glaube aber nicht, dass er seine Sinfonien am Klavier komponiert hat. Allerdings hat er neue Werke seinen Freunden manchmal auch in der Klavierfassung vorgestellt, bevor sie mit Orchester uraufgeführt wurden.

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Waren diese Versionen wirklich nur zum eigenen Musizieren zu Hause gedacht, oder hat man diese Werke auch so vorgetragen, wenn kein Orchester zur Hand war?

Im häuslichen Rahmen sicherlich. Aber nicht als Konzert. Diese Versionen waren zum eigenen Musizieren gedacht. Was auch Rückschlüsse auf das Niveau des Musizierens in dieser Zeit zulässt. Das ist pianistisch teilweise wirklich anspruchsvoll. Ich wüsste heute nicht viele Laien, die das spielen können.

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Können die Klavierfassungen denn wirklich als eigenständige Kunstwerke bestehen? Oder sind sie bei aller Kunstfertigkeit nicht doch nur ein Notbehelf?

Es ist ganz klar Musik für den Hausgebrauch. Trotzdem hat es durch die Raffinesse, wie das gemacht ist, einen eigenen Wert und kann, wie gesagt, durch die Transparenz und die rhythmische Prägnanz durchaus neue Einblicke in die Werke gewähren. Am Beginn der dritten Sinfonie gibt es zum Beispiel einen synkopischen Rhythmus, der so gut wie nie wirklich klar zu hören ist. Im Klavier dagegen wird die Struktur glasklar, da nimmt man zum ersten Mal wahr, was da eigentlich stattfindet. Und dafür gibt es viele Beispiele.

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Und wenn man nicht nur analytisch hören will – kann man diese Versionen, die Sie ja immerhin alle auf CD eingespielt haben, auch genießen?

Die radikal veränderte klangliche Gestalt kann dabei helfen, scheinbar Altbekanntes wieder neu zu hören. Für manche Hörer ist auch der Zugang zu den Klavierfassungen leichter als zu den Orchesterversionen: Ich habe zum Beispiel von Musiklehrern in der Schule gehört, dass sie, wenn sie ihren Schülern eine Brahms-Sinfonie vorspielen wollen, gerne erst mal zu unseren Aufnahmen greifen.

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Sie haben zwischen 1995 und 2012 Brahms’ Gesamtwerk für Klavier zu vier Händen und für zwei Klaviere aufgenommen – insgesamt 18 CDs! Hat Sie dieses Repertoire so begeistert?

Wir haben damals Klaus Heymann von Naxos gefragt, ob er nicht Interesse hätte, mit uns eine Brahms-CD aufzunehmen. Wir hatten kurz zuvor einen Preis beim ARD-Wettbewerb gewonnen. Und dann schrieb er zurück: sehr gern. Aber nicht eine CD, sondern alles von Brahms einschließlich der Arrangements. Wir haben recherchiert und ihm geschrieben: Das werden dann 18 CDs. Und er schrieb zurück, 18 CDs würden ihn nicht ängstigen. Also haben wir losgelegt.

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Haben Sie das Projekt genießen können?

Ich fand es eine sehr, sehr schöne Arbeit. Man lernt einen Komponisten noch mal viel, viel umfangreicher kennen. Wer kann schon von sich sagen, er hat alle Sinfonien und Streichquartette und die Ungarischen Tänze und so weiter gespielt? Der Zugang, wenn man die Werke selbst spielt, ist ja doch ein anderer, als wenn man sie nur vom Hören kennt. Schwierig war die Beschaffung des Notenmaterials in den Zeiten vor IMSLP oder anderen digitalen Notenquellen. Ich habe erst mal zwei Jahre gebraucht, um überhaupt das Notenmaterial zusammenzutragen. Ich bin wirklich deutschlandweit zu Antiquariaten und Bibliotheken gereist und stand dann stundenlang am Kopierer, das war mühsam. Aber ansonsten war es ein tolles Projekt!

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Konnten Sie die Werke auch im Konzert aufführen?

Immer mal wieder. Wir haben die Serenaden gelegentlich im Konzert gespielt und auch mal die eine oder andere Sinfonie, aber es war im Wesentlichen ein CD-Projekt. Es sind ja auch Werke dabei, die gar nicht fürs Konzert geeignet wären wie das Deutsche Requiem. Das ist nicht die Fassung mit zwei Klavieren, Solisten und Chor, die man gelegentlich hört. In Brahms’ Fassung sind die Vokalstimmen in den Klaviersatz integriert. Der Text steht zwar drunter zum Mitlesen, aber der soll nicht gesungen werden. Das ist interessant, und ich finde, dass uns die Aufnahme auch ganz gut gelungen ist. Aber das ist nichts fürs Konzert.

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Und dann waren Sie so ermattet, dass Sie kaum noch etwas aufgenommen haben?

Mit Ermattung hat das nichts zu tun. Der CD-Markt hat sich einfach so verändert, dass es sich schlicht nicht mehr lohnt. Wir haben damals tatsächlich von Naxos noch ein Honorar bekommen. Das läuft heute ganz anders – und das interessiert uns nicht mehr.

Christian Köhn stammt aus Bochum und lernte im Studium in Detmold Silke-Thora Matthies kennen, mit der er seit 1988 ein Klavierduo bildet. Unter anderem gewannen sie 1992 den dritten Preis beim ARD-Wettbewerb. Sie unterrichtet seit Langem an der Musikhochschule Würzburg, er in Detmold.

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Herr Köhn, hören Sie die erste Sinfonie von Brahms lieber mit Orchester oder vom Klavier vierhändig?

Ich höre sie schon lieber mit Orchester, aber in den Klavierfassungen gewinnt man Transparenz, da werden die Strukturen wirklich durchsichtig, und rhythmische Prägnanz – einfach weil das Klavier durch die Anschläge der Hammerköpfe auf die Saite ein rhythmisch prägnantes Instrument ist. Man verliert natürlich die Vielfalt der Klangfarben, die ein Orchester bietet.

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Kann man, wenn man sich eingehört hat, bestimmten Figuren bestimmte Instrumente oder Gruppen zuordnen?

Brahms war, was die Möglichkeiten des Klaviers angeht, sehr raffiniert und erfahren. Er wusste den Klaviersatz so zu gestalten, dass man die verschiedenen Instrumentengruppen klanglich voneinander absetzen kann – durch die Artikulation, durch die Pedalbehandlung, durch viele pianistische Mittel, die er sehr fantasievoll und gekonnt eingesetzt hat. Gewisse Bläserpassagen zum Beispiel kann man deutlich als Bläserpassagen erkennen. Wenn man sich einmal eingehört hat, kann man sich vieles vorstellen. Aber so etwas wie das Hornsolo im letzten Satz der ersten Sinfonie muss man sich einfach dazudenken. Brahms hat die entsprechende Mittellage gewählt und breitet einen Pedalteppich darunter aus, aber im Original hat dieser plötzliche Hornruf trotzdem eine ganz andere Wirkung. Insgesamt ist das sehr raffiniert gemacht, gerade im Vergleich zum Beispiel zu Antonín Dvořák, der ein fantastischer Komponist auch für Klavier zu vier Händen war, der aber selbst nicht so viel vom Klavier verstanden hat. Da muss man sehr viel mehr eingreifen beim Spielen und oft noch ein bisschen korrigieren.

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Warum hat Brahms überhaupt seine Sinfonien und fast all seine großen Werke selbst für Klavier vierhändig arrangiert? Dafür gab es doch Bearbeiter.

Es gibt auch viele Werke von Brahms, bei denen das Bearbeiter gemacht haben. Es ist interessant, das in den Briefwechseln mit seinen Verlegern nachzulesen. Einerseits hat er diese Arbeit nicht gemocht, im Zusammenhang mit dem Deutschen Requiem schreibt er, es läge eine Lächerlichkeit im Wiederkäuen der eigenen Werke. Aber auf der anderen Seite wollte er es lieber selbst machen. Er war durchaus stolz darauf, dass es gut klang und sich gut verkaufte. Diese Arrangements dienten ja der Verbreitung der Musik. Aber als Bearbeiter genannt werden wollte er nicht.

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Auf den Noten stand nicht sein Name?

Nein, da stand einfach nur: bearbeitet für Klavier vierhändig. Und er hat sich auch bitter beschwert, als sein Name einmal versehentlich doch genannt wurde. Interessant ist: Die dritte Sinfonie hat Robert Keller, das war ein Berliner Klavierlehrer, für Simrock bearbeitet. Bevor die Noten in den Druck gingen, hat Brahms das Korrekturexemplar bekommen und ihm sofort geschrieben, auf sehr nette Weise: Lieber Herr Keller, es gibt vieles zu loben an Ihrem Engagement, aber ich hätte es dann halt doch anders gemacht – ich gehe mit meinen eigenen Sachen frecher und dreister um. Und er hat ihn um Erlaubnis gebeten, Änderungen vornehmen zu dürfen. Die hat Brahms dann tatsächlich auch gemacht. Man kann also sagen: Brahms hat seine Orchesterwerke nicht wortgetreu, sondern sinngemäß aufs Klavier übertragen.

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Wie kondensiert man denn solch eine Riesenpartitur auf vier Hände?

Das ist schwer theoretisch zu erklären, aber mit vier Händen hat man schon viele Möglichkeiten. Man kann die ganze Tastatur quasi gleichzeitig bespielen und hat dadurch viele Möglichkeiten zu registrieren. Es ist schon erstaunlich, wie viele Stimmen man bei zwanzig Fingern unterbringen kann. Und Liszts Bearbeitungen der Beethoven-Sinfonien zeigen ja, dass das sogar mit zwei Händen möglich ist.

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Wenn Brahms ein Orchesterwerk oder Streicherkammermusik geschrieben hat, hat er dann direkt danach die Klavierfassung erstellt?

Das wurde erwartet, dass direkt nach der Uraufführung das Arrangement für Klavier zu vier Händen erschien. Nur bei der dritten Sinfonie hat er erst die Fassung für zwei Klaviere angefertigt.

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Kann es nicht sein, dass Brahms seine Komponierskizzen schlichtweg ausgestaltet hat für vier Hände?

Man weiß wenig Genaues über Brahms’ Komponierprozess, er hat ja alle Skizzen vernichtet. Ich glaube aber nicht, dass er seine Sinfonien am Klavier komponiert hat. Allerdings hat er neue Werke seinen Freunden manchmal auch in der Klavierfassung vorgestellt, bevor sie mit Orchester uraufgeführt wurden.

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Waren diese Versionen wirklich nur zum eigenen Musizieren zu Hause gedacht, oder hat man diese Werke auch so vorgetragen, wenn kein Orchester zur Hand war?

Im häuslichen Rahmen sicherlich. Aber nicht als Konzert. Diese Versionen waren zum eigenen Musizieren gedacht. Was auch Rückschlüsse auf das Niveau des Musizierens in dieser Zeit zulässt. Das ist pianistisch teilweise wirklich anspruchsvoll. Ich wüsste heute nicht viele Laien, die das spielen können.

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Können die Klavierfassungen denn wirklich als eigenständige Kunstwerke bestehen? Oder sind sie bei aller Kunstfertigkeit nicht doch nur ein Notbehelf?

Es ist ganz klar Musik für den Hausgebrauch. Trotzdem hat es durch die Raffinesse, wie das gemacht ist, einen eigenen Wert und kann, wie gesagt, durch die Transparenz und die rhythmische Prägnanz durchaus neue Einblicke in die Werke gewähren. Am Beginn der dritten Sinfonie gibt es zum Beispiel einen synkopischen Rhythmus, der so gut wie nie wirklich klar zu hören ist. Im Klavier dagegen wird die Struktur glasklar, da nimmt man zum ersten Mal wahr, was da eigentlich stattfindet. Und dafür gibt es viele Beispiele.

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Und wenn man nicht nur analytisch hören will – kann man diese Versionen, die Sie ja immerhin alle auf CD eingespielt haben, auch genießen?

Die radikal veränderte klangliche Gestalt kann dabei helfen, scheinbar Altbekanntes wieder neu zu hören. Für manche Hörer ist auch der Zugang zu den Klavierfassungen leichter als zu den Orchesterversionen: Ich habe zum Beispiel von Musiklehrern in der Schule gehört, dass sie, wenn sie ihren Schülern eine Brahms-Sinfonie vorspielen wollen, gerne erst mal zu unseren Aufnahmen greifen.

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Sie haben zwischen 1995 und 2012 Brahms’ Gesamtwerk für Klavier zu vier Händen und für zwei Klaviere aufgenommen – insgesamt 18 CDs! Hat Sie dieses Repertoire so begeistert?

Wir haben damals Klaus Heymann von Naxos gefragt, ob er nicht Interesse hätte, mit uns eine Brahms-CD aufzunehmen. Wir hatten kurz zuvor einen Preis beim ARD-Wettbewerb gewonnen. Und dann schrieb er zurück: sehr gern. Aber nicht eine CD, sondern alles von Brahms einschließlich der Arrangements. Wir haben recherchiert und ihm geschrieben: Das werden dann 18 CDs. Und er schrieb zurück, 18 CDs würden ihn nicht ängstigen. Also haben wir losgelegt.

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Haben Sie das Projekt genießen können?

Ich fand es eine sehr, sehr schöne Arbeit. Man lernt einen Komponisten noch mal viel, viel umfangreicher kennen. Wer kann schon von sich sagen, er hat alle Sinfonien und Streichquartette und die Ungarischen Tänze und so weiter gespielt? Der Zugang, wenn man die Werke selbst spielt, ist ja doch ein anderer, als wenn man sie nur vom Hören kennt. Schwierig war die Beschaffung des Notenmaterials in den Zeiten vor IMSLP oder anderen digitalen Notenquellen. Ich habe erst mal zwei Jahre gebraucht, um überhaupt das Notenmaterial zusammenzutragen. Ich bin wirklich deutschlandweit zu Antiquariaten und Bibliotheken gereist und stand dann stundenlang am Kopierer, das war mühsam. Aber ansonsten war es ein tolles Projekt!

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Konnten Sie die Werke auch im Konzert aufführen?

Immer mal wieder. Wir haben die Serenaden gelegentlich im Konzert gespielt und auch mal die eine oder andere Sinfonie, aber es war im Wesentlichen ein CD-Projekt. Es sind ja auch Werke dabei, die gar nicht fürs Konzert geeignet wären wie das Deutsche Requiem. Das ist nicht die Fassung mit zwei Klavieren, Solisten und Chor, die man gelegentlich hört. In Brahms’ Fassung sind die Vokalstimmen in den Klaviersatz integriert. Der Text steht zwar drunter zum Mitlesen, aber der soll nicht gesungen werden. Das ist interessant, und ich finde, dass uns die Aufnahme auch ganz gut gelungen ist. Aber das ist nichts fürs Konzert.

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Und dann waren Sie so ermattet, dass Sie kaum noch etwas aufgenommen haben?

Mit Ermattung hat das nichts zu tun. Der CD-Markt hat sich einfach so verändert, dass es sich schlicht nicht mehr lohnt. Wir haben damals tatsächlich von Naxos noch ein Honorar bekommen. Das läuft heute ganz anders – und das interessiert uns nicht mehr.

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